Pfaffenhofen

"Die Besatzer müssen raus"

Unbeeindruckt von Todesdrohungen kämpft Malalai Joya für ein anderes Afghanistan

13.02.2012 | Stand 03.12.2020, 1:50 Uhr

In ihrer Heimat bekommt sie Todesdrohungen und muss im Untergrund leben: die afghanische Politikerin Malalai Joya - Foto: Asbeck

Pfaffenhofen (DK) Eine flammende Rede als junge Abgeordnete im Parlament von Kabul gegen Warlords und Drogenbarone hat die afghanische Politikerin Malalai Joya (33) weltweit bekannt gemacht. Unbeirrt von zahlreichen Morddrohungen und Anschlägen tritt sie konsequent für Frauen- und Menschenrechte ein, gegen den Krieg und für das Recht ihres Volkes auf Selbstbestimmung.

Auf Einladung des Vereins „Freundschaft mit Valjevo“ hielt Malalai Joya jetzt in Pfaffenhofen einen Vortrag über die Situation in ihrem Land.

 

Wie sieht Ihr Alltag aus in einem Land, in dem ständig gekämpft wird?

Malalai Joya: Mein Leben unterscheidet sich von dem der meisten anderen Frauen, obwohl viele Frauen in großer Unsicherheit leben. Aber für politisch Aktive ist das Leben noch gefährlicher. Personen wie ich, die sehr bekannt sind, sollen zum Schweigen gebracht werden. In Afghanistan lebe ich im Untergrund, wechsele ständig meine Wohnung, mein Leben ist bedroht. Ich habe aber durchaus Kontakt zu „normalen“ Leuten. Ich versuche Frauen zu helfen, damit sie ihr Leben nicht aufgeben, wenn sie vergewaltigt worden sind. Ich vermittele ihnen Kontakte zu nicht korrupten Nichtregierungsorganisationen, die ihnen weiterhelfen, zum Beispiel mit Bildungskursen.

 

Sie wurden im Jahr 2005 im Alter von 27 Jahren als jüngste Abgeordnete ins Parlament gewählt. Bei den letzten Wahlen im September 2010 sind Sie nicht mehr angetreten. Warum nicht?

Joya: Ich habe so viele Todesdrohungen bekommen, dass ich schon aus Sicherheitsgründen nicht mehr kandidieren durfte. Aber ich habe auch selbst die letzten Wahlen boykottiert: Dieses Parlament hat einen hohen Mafia-Anteil. Die Leute sagen, es ist nicht wichtig, wer wählt, sondern wer zählt.

 

Was sind Ihre politischen Ziele?

Joya: Mehr als Essen und Trinken brauchen die Menschen Frieden und Gerechtigkeit. Die fürchterliche Besetzung durch die Amerikaner und die Nato ist Grund für so viele Probleme in Afghanistan. Zu Taliban-Zeiten hatten wir einen Feind, jetzt haben wir drei: Die Taliban, die Warlords und die Besatzungstruppen. Die Menschen, die in dieser Hölle Afghanistan leben, sagen: Besatzer raus!

 

Wie bewerten Sie den mittlerweise zehn Jahre andauernden Afghanistankrieg?

Joya: Die Situation der Frauen war in den 1970er Jahren besser als heute. Damals trugen Frauen durchaus moderne Kleidung, heute müssen sie die Burka tragen. Das Ergebnis von zehn Jahren Besetzung ist, dass die Situation der Frauen schlechter ist als zuvor. Ferner ist Korruption ein großes Problem für die afghanische Bevölkerung. Alle Hilfsgelder landen bei korrupten Staatsbediensteten, nichts landet beim Volk. Außerdem ist die Opium-Produktion unter den Augen der Soldaten seit 2001 um 4400 Prozent erhöht worden. Ein Großteil der Bevölkerung ist drogensüchtig. Opium ist für die afghanische Bevölkerung schlimmer als der Krieg.

 

Bis 2014 will die Bundesrepublik ihre Truppen aus Afghanistan zurückziehen. Glauben Sie, dass dann die Taliban zurück an die Macht kommen?

Joya: Die Warlords und die Taliban sind Produkte der amerikanischen Politik, von den Amerikanern aufgebaut und finanziert. Die schwierige Situation der Frauen unter den Taliban war ein willkommenes Argument für den Einmarsch. Die USA haben bereits angekündigt, dauerhaft Militärstützpunkte am Hindukusch einzurichten. Damit haben sie ähnlich wie in Japan dann die Chance, den asiatischen Raum zu kontrollieren. Derzeit wird auf eine Balkanisierung des Landes hingearbeitet, eine Aufteilung in verschiedene Teile, in denen jeweils diese Warlords die Macht haben. Wir haben nicht nur Sorge um die Unabhängigkeit, sondern auch um die Einheit. Aber solange es diese Militärstützpunkte gibt, ist das Land nicht unabhängig.

 

Wie sehen Sie die Zukunft Afghanistans?

Joya: Die einzige Lösung ist der Rückzug der ausländischen Truppen. Ihre Anwesenheit macht unseren Kampf für den Frieden viel schwieriger. Sie sind ein Hindernis für die Entwicklung der Demokratie im Land. Wenn die Besatzer weg sind, wäre das Rückgrat für die Warlords weg. Sicher hätten wir zunächst einen Bürgerkrieg, wie jetzt auch schon. Aber dieser Bürgerkrieg würde nicht gefährlicher sein als die Situation jetzt. Ich habe die Hoffnung, dass es eines Tages zu einem Aufstand der Zivilbevölkerung kommt, so wie in der arabischen Welt. Wir brauchen aber dennoch humanitäre Hilfe zum Aufbau von Schulen, Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen. Aber davon zu sprechen, dass Soldaten humanitäre Hilfe bringen, ist reine Propaganda.

 

Das Gespräch mit Malalai Joya führte Isolde Asbeck.