Neuburg

"Die Armut dort ist unvorstellbar"

Josef Loy aus Neuburg und sein Schwager Josef Keller unterstützen seit zehn Jahren ein Waisenhaus in Burkina Faso

08.02.2019 | Stand 02.12.2020, 14:40 Uhr
Katrin Kretzmann
  −Foto: Kretzmann/Keller

Neuburg (DK) Seit knapp zehn Jahren unterstützen Josef Loy aus Neuburg und sein Schwager Josef Keller aus Genderkingen ein Waisenhaus im afrikanischen Burkina Faso. Eine stolze Spendensumme in Höhe von rund 44000 Euro konnten die beiden über die Jahre bereits sammeln - und damit in einem der ärmsten Länder der Welt einiges bewirken, was für die meisten Menschen als selbstverständlich gilt.

Vor über 30 Jahren sitzt Berufssoldat Josef Keller in einem Hörsaal in München. Er hat sich dazu entschlossen, im Rahmen der Bundeswehr Bautechnik zu studieren. Am selben Tisch sitzt Omarou Ouedraogo aus Burkina Faso in Afrika. Jeden Tag lernen die beiden zusammen, studieren Dutzende Ordner mit Unterlagen. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine innige Freundschaft zwischen ihnen. Beide machen 1987 ihren Abschluss. Ouedraogo ist einer der ersten Afrikaner überhaupt, die dieses Studium absolvieren. Die Männer wollen die Freundschaft aufrechterhalten und nach einer missglückten Brieffreundschaft und anschließender Funkstille lädt Ouedraogo Keller schließlich über 30 Jahre später in seine Heimat ein - eine Reise, die in Keller und seinem Begleiter, Schwager Josef Loy aus Neuburg, etwas auslöst.

"Die Armut dort ist unvorstellbar", erinnert sich der 67-jährige Loy an den Moment, als er und Keller aus dem Flugzeug in der Hauptstadt Ouagadougou stiegen. Überall hätten sie nur Strohhütten anstatt Häuser, Schotterwege anstatt asphaltierte Straßen gesehen. Im Dorf ihres afrikanischen Freundes angekommen, ging es weiter mit den neuen, fast schon befremdlichen Eindrücken: "Er ist der einzige dort, der ein gemauertes Haus hat", erzählt der 65-jährige Keller. Dennoch habe es keine Fenster, sondern nur Löcher mit Moskitonetzen gehabt sowie ein Wellblechdach. "Ein Bad gibt es auch nicht, sondern nur einen kleinen Waschraum und eine Freilufttoilette." Jeden Tag seien sie in ein Café gefahren, um dort zu frühstücken, "uns wurde davon abgeraten, bei den Einheimischen zu essen oder das Wasser zu trinken", erzählt Keller, die mangelnde Hygiene sei zu gefährlich gewesen. Ihr Abendessen kauften sie im Supermarkt. "Wir haben wirklich viele Dinge gesehen, die man normalerweise nicht sieht", sagt Loy. Das Land sei touristisch nicht erschlossen, rund 50 Prozent lebten unterhalb der Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit liege bei 70 Prozent. "Dort leben wirklich die Ärmsten der Armen", meint Keller.

Die vielen Eindrücke im "fremden Afrika" beschäftigten die beiden Schwager - einer davon prägte sich besonders ein. "Ein Bonbon war der Auslöser", sagt Loy. Als sie im Dorf des 66-jährigen Ouedraogo angekommen waren, klatschte dieser mit den Händen und zahlreiche Kinder eilten herbei. "Wir haben uns dann auf die Fahne geschrieben, dass wir jeden Tag Süßigkeiten an die Kleinen verteilen." Irgendwann sei dann ein Mädchen mit zwei Bonbons in der Hand gekommen und sagte, dass sie eines zu viel habe und nicht bevorzugt werden wolle. "Da hat es dann Klick gemacht", sagt der 67-Jährige. Klick machte es auch, als sie gesehen hätten, dass die Kinder mit zusammengeknüllten Socken oder einer Plastikflasche Fußball spielen. "Wir haben ihnen aus dem Supermarkt einen Ball gekauft und waren dann natürlich die Helden", sagt Loy. "Das sind Dinge, die für uns hier selbstverständlich sind."

Nach zwei Wochen "Abenteuer Burkina Faso" ging es für Keller und Loy zurück nach Deutschland "und im Flugzeug kam mir dann die Idee, etwas zu versuchen", sagt der ehemalige Berufssoldat. Zu Hause in Genderkingen hat er Pfarrer und Bürgermeister vorgeschlagen, Vorträge über seine Erlebnisse zu halten, "um etwas zu bewirken, die Menschen auf die Situation dort aufmerksam zu machen". Auch die Tatsache, dass ihr afrikanischer Freund, der eine Familie mit Frau, zwei Kindern und einem Enkelkind zu versorgen hat, lediglich 200 Euro Rente im Monat bekommt, habe ihn innerlich dazu bewogen, etwas zu tun. Keller erkundigte beim damaligen Militärataché in der Botschaft von Burkina Faso in Berlin, der die Reise unter anderem organisiert hatte, ob es Projekte in dem afrikanischen Land gibt, die Unterstützung bräuchten. Dabei kam das Waisenhaus "Hotel Maternel" zur Sprache, das 2007 in Ouagadougou gebaut wurde - und die erste Spende von Keller und Loy kam diesem zugute. "Dort fehlt es an allen Ecken, von Medikamenten über Bekleidung bis hin zur Bildung", sagt Loy. Und die erste finanzielle Unterstützung zahlte sich bald aus. Unter den rund 70 Kindern im Alter von null bis 15 Jahren, die in dem Waisenhaus leben, sei ein kleiner Bub gewesen, der an Epilepsie leidet. "Er hat ein sehr teueres Medikament gebraucht, das mit unseren Spenden gekauft werden konnte." Heute gehe es dem Kleinen wieder gut und "das sind Dinge, bei denen einem das Herz aufgeht", sagt Keller.

Über all die Jahre hinweg haben sich der Neuburger und der Genderkinger ein großes Netzwerk aufgebaut. Keller hält in seinem Heimatlandkreis Donau-Ries immer wieder Vorträge an Schulen, animiert Vereine, Freunde und Bekannte zum Spenden. Für sein Engagement bekam er 2016 vom Präsidenten von Burkina Faso sogar den offiziellen Titel "Ritter des Verdienstordens für Gesundheit und Soziale Aktion" verliehen, ein Jahr später kam der Botschafter des afrikanischen Landes nach Rain und dankte dem 65-Jährigen für seinen Einsatz, ebenso wie Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Auch Josef Loy mobilisiert zur finanziellen Unterstützung sein Umfeld, und "ich habe sogar meine erste Rente für das Waisenhaus gespendet", sagt der ehemalige Schlosser. Allein zum Jahreswechsel konnten die beiden rund 4000 Euro nach Burkina Faso schicken, insgesamt 44000 Euro sammelten sie in den zehn Jahren seit ihrem Besuch. Mittlerweile ist auch der Landkreis Donau-Ries "großartig eingestiegen, hat eine Küche für 10000 Euro gebaut und unser Landrat hat versprochen, dort zehn Schulen zu errichten", erzählt Keller. Doch die finanzielle Unterstützung des Kreises hänge nicht mit den Spendenaktionen von Loy und Keller zusammen. "Das läuft unabhängig und getrennt voneinander", betont der 65-Jährige.

Ein konkretes Ziel, wo es mit dem Waisenhaus hingehen soll, hat das Duo nicht. "Es braucht einfach Unterstützung von allen Seiten." Dennoch liegt ihnen eine Sache besonders am Herzen: "Den Kindern Bildung zu ermöglichen, damit sie sich das nötige geistige Handwerkszeug aneignen, um im öffentlichen Leben Fuß fassen zu können", so Loy und Keller unisono. Seit ihrem ersten Besuch waren die beiden nicht mehr in Burkina Faso, aber "es ist geplant, dass wir es nochmal tun".
 

Katrin Kretzmann