Ingolstadt

"Der Text ist die Party"

Rainald Maria Goetz erhielt gestern im Stadttheater Ingolstadt den Marieluise-Fleißer-Preis

24.11.2013 | Stand 02.12.2020, 23:23 Uhr

Spannend-intensive Lesung: Rainald Maria Goetz im Foyer des Stadttheaters Ingolstadt. - Foto: Strisch

Ingolstadt (DK) „Er ist ein scheuer und höflicher Mensch“, beschrieb Andreas Rosendorfer, Feuilletonchef der „Welt“, den 13. Marieluise-Fleißer-Preisträger, Rainald Goetz, gestern in seiner Laudatio. Und ein überaus nervenstarker zugleich, möchte man hinzufügen.

Schließlich war mitten in der Matinee zur Preisverleihung im Foyer des Stadttheaters Ingolstadt ein lauter Knall zu hören. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Rainald Goetz selbst aus seinem Werk vorlas, kam es wohl zu einem Kurzschluss in der Beleuchtung. Goetz sprang zwar blitzschnell vom Lesetisch auf, ebenso zutiefst erschrocken wie das überaus zahlreich versammelte Publikum, sah sich aber nur kurz um, ging dann zum Rednerpult und las fast unbeeindruckt von diesem Schreckmoment weiter. Aus „Dekonspiratione“ (2000) und aus „Johann Holtrop“ (2012).

Wohl gewählte Textpassagen. Belegen diese doch exemplarisch das, wofür zuvor Rainald Maria Goetz den seit 1981 von der Stadt Ingolstadt verliehenen Marieluise-Fleißer-Preis erhielt. In seinem Werk behandele Goetz in „eleganter und innovativer Sprache“, so Oberbürgermeister Alfred Lehmann bei der Übergabe des mit 10 000 Euro dotierten Preises, „den Konflikt zwischen unerfüllten Glücksansprüchen des Einzelnen und dem alltäglichen Leben“.

Goetz, seit seinem Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 1983, als er sich aus seinem Text lesend, die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzte und blutüberströmt weiter vortrug, auch als Provokateur bekannt, zeigte zunächst seine lyrische und innerliche Seite. Mit Textpassagen wie „und schwingend gingen die Gedanken“ oder dass die Seele kaum das Getrenntsein von jenem „Real-Außerirdischen“ ertrage, das sie „vertraut berührt“, wenn der Mensch den Blick zum Himmel hebe und Wolken und Winde beobachte, beschreibt Goetz in „Dekonspiratione“ die Sonnenfinsternis vom 11. August 1999. Er verbindet hier wie im gesamten Werk die Chronistenpflicht eines Journalisten – als solcher hat er von Februar 2007 bis Juni 2008 bei der Zeitschrift „Vanity Fair“ zusammen mit Andreas Rosendorfer gearbeitet – mit der „besonderen Wahrheit der Literatur“. Rosendorfer zitierte dazu Marieluise Fleißers Aufsatz von 1927 zu Heinrich von Kleist, wonach der Dichter das Reale in seinem Werk „mit seinem Lebensgefühl segnete“. Mit Block und Kamera sei Rainald Goetz als Journalist – „er war einer von uns“ – unterwegs gewesen. Wie er auch heute noch mit beiden Utensilien anzutreffen sei, allerdings „ohne angeschlossene Redaktion“, dafür auch mit Zeitungen und Büchern gemäß seinem Motto „Der Text ist die Party“. Er schreibe, notiere, man könne nie sicher sein, ob man sich später irgendwo in Goetz’ Werk wiederfinde.

So gibt es auch ein reales Vorbild für den Protagonisten Johann Holtrop im zuletzt erschienenen Roman wie auch für alle anderen Figuren. Und die entlarvt Goetz mit durchaus hartem Urteil, wenn es ihm angebracht scheint: „Später hatte er die Verachtung als Basis einer korrupten Kollegialität der Führenden verstanden, die sich gerade in ihrer gegenseitigen Verachtung gegenseitig tolerieren konnten“, las Rainald Goetz vor. Ernst. Keinen Widerspruch duldend. Mit teils schneidender Stimme. Jedes Wort ein Fallbeil. Um dann abrupt in der Gegenwart der Preisverleihung anzukommen, das Lesen abzubrechen mit: „Das Letzte lese ich nicht mehr. 15 Minuten sind vorbei. Vielen Dank und einen schönen Nachmittag.“