Pfaffenhofen
Der Schreibsüchtige

Mathias Petry ist gleichermaßen leidenschaftlicher Redakteur und Romanautor

09.05.2018 | Stand 23.09.2023, 3:11 Uhr |
Schreiben im Urlaub: Mathias Petry veröffentlichte 2015 seinen ersten Roman "Hudlhub". −Foto: Foto: privat

Pfaffenhofen (DK) "Hudlhub gibt es wirklich", sagt der Schriftsteller, Musiker und Journalist Mathias Petry.

"Es liegt genau um die Ecke zu meinem Wohnort Koppenbach im Landkreis Pfaffenhofen. "

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn der Roman "Hudlhub", den Petry 2015 veröffentlichte, ist Fiktion. Nichts, was auf den 240 Seiten geschildert wird, hat etwas mit dem realen Hudlhub zu tun. Man kann das allerdings leicht vergessen, wenn man den Roman liest. So viel Lokalkolorit schimmert durch, so lebendig agieren die Personen, so lebensecht wirken die Ereignisse. Und: Immer wieder werden umliegende Ortschaften aus dem Landkreis Pfaffenhofen oder Schrobenhausen erwähnt. Aber: All das ist irgendwie nur Täuschung. "Als ich den Roman 2016 bei der Leipziger Buchmesse vorstellte, da waren sich alle sofort einig: Hudlhub ist überall", erzählt Petry.

Realität und Fiktion, das ist für den in Freising aufgewachsenen Journalisten, der seit 1985 festangestellt beim DONAUKURIER arbeitet und inzwischen Redaktionsleiter der "Schrobenhausener Zeitung" ist, ein wichtiges Thema. So echt das Hudlhub-Universum auch wirken mag: Petry legt Wert darauf, dass es nicht das Geringste mit realen Vorkommnissen in Schrobenhausen zu tun hat. "Hudlhub" ist kein Schlüsselroman. Aber er handelt von echten Menschen, ja sogar vom allzu Menschlichen.

Petry bemüht sich geradezu, die Welten zu trennen. So sehr, dass er auch zeitlich das journalistische und das fiktionale Schreiben möglichst weit auseinanderhält. An seinen Romanen - es sind zwei, ein weiterer kommt im Frühjahr 2019 heraus, und sie spielen stets im Umfeld von Hudlhub - arbeitet er nur während der Ferien. Dann allerdings mit großer Intensität und Schnelligkeit. Abends, wenn andere, etwa seine Frau, bereits zu Bett gegangen sind, setzt er sich an den Computer und entwickelt den Hudlhub-Kosmos weiter. Seit drei Jahren geht Petry noch radikaler vor. Regelmäßig organisiert er in Salzburg eine Schreib- und Schweigewoche. Im Priesterseminar widmet er sich tagelang einzig und allein seinen Romanen. Nichts als Schreiben und Laufen. "Aus der körperlichen Bewegung kommen die Ideen, sagt er. "Ich schreibe eine halbe Stunde, dann gehe ich spazieren, trinke in einem Café eine Tasse Kaffee und schreiben weiter. " In einer Woche schafft er so fast die Rohversion eines Romans. Im nächsten Urlaub redigiert er dann seinen Text, "was gut ist, weil ich inzwischen Distanz gewonnen habe", erzählt der Autor. "Ich lese das dann, als wäre es ein fremdes Buch. "

Disziplinprobleme, Schreibkrisen oder Ähnliches kennt Petry nicht. Petry, der übrigens auch etliche Sachbücher, meist über medizinische Themen zusammen mit einem Freund veröffentlicht hat, ist eindeutig ein Schreibsüchtiger. Vielleicht ist das auch der Grund für die schriftstellerischen Bemühungen: "Im Urlaub geht mir das einfach ab", erzählt er lachend. Petry berichtet von seinem Autorenleben mit weicher Stimme, betont ein wenig das Gesagte mit Gesten, ist nie aufgeregt, immer freundlich und formuliert dabei mit Eleganz. Er ist eindeutig ein künstlerischer Mensch. Es verblüfft keineswegs, dass er nicht nur schreiberische Interessen hat, sondern auch als Musiker mit seiner Band Hudlhub einige Dutzend mal im Jahr auftritt.

Wirklich ehrgeizig ist Petry, der nach dem Abitur Politologie studiert hat, dabei keineswegs. "Wenn ich echte Ambitionen hätte, dann würde ich Heimatkrimis oder Fantasy-Romane schreiben", sagt Petry. "Diese Literatur verkauft sich immer. " Dennoch genießt er es, wenn er Feedback von seinen Lesern bekommt, wenn die fragen, wann endlich der nächste Hudlhub-Band erscheint, wenn die Verkaufszahlen auch den Verlag zufriedenstellen. Denn all das ist natürlich Voraussetzung, dass er weiter veröffentlichen kann. Und er genießt Lesungen und das Signieren seiner Bücher. "Das ist schon toll", meint er. Und redet dann plötzlich in der dritten Person von sich: "Mathias geht in eine andere Welt. " So, als wollte er die verschiedenen, scheinbar unabhängig voneinander existierenden Ebenen seiner Existenz eigens betonen.

Aber jede dieser Daseinsformen ist für ihn unverzichtbar. Ein Leben nur als freier Schriftsteller. Für ihn unvorstellbar. Dann würde die Lockerheit, das Ungezwungene und Lässige dahinschwinden, dann wäre auf einmal das, was bisher Lust war, Last und Pflicht. Nein, Petry liebt es eigentlich so wie es ist: Ein Leben als vielstimmige Existenz.
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Jesko Schulze-Reimpell