Der Richtige kommt nach München

Simon Rattle beerbt Mariss Jansons als Chefdirigent beim Bayerischen Rundfunk

11.01.2021 | Stand 20.01.2021, 3:33 Uhr
Marco Frei
Von Berlin über London nach München: Simon Rattle gilt als herausragender Dirigent. −Foto: Peters, dpa

München - Es hatte sich längst herumgesprochen.

 

Jetzt ist es endlich offiziell. Simon Rattle wird Nachfolger des 2019 verstorbenen Mariss Jansons als Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks (BR). Die Amtszeit des Briten beginnt mit der Spielzeit 2023/24. Wie vom BR gemeldet wird, hat Rattle bereits am 3. Januar einen Fünf-Jahres-Vertrag unterzeichnet.

Für München und Bayern könnte es eine bessere Nachricht nicht geben, denn: Rattle, der in der nächsten Woche seinen 66. Geburtstag begeht, zählt zu den herausragenden, führenden Dirigent unserer Zeit. Noch dazu gilt er als rastloser, kühner Neuerer im Bereich der Musikvermittlung. Als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker hat Rattle zwischen 2002 und 2018 die mehrfach ausgezeichnete "Education" des berühmten Orchesters komplett neu erfunden.

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Selbst die weltweit einzigartige "Digital Concert Hall" der Berlinern Philharmoniker fällt in seine Amtszeit. Nicht zuletzt ist Rattle ein hellhöriger Interpret und kluger, neugieriger Programmgestalter. Er hat keine Angst vor zeitgenössischer Musik. Schon als Chefdirigent des City of Birmingham Symphony Orchestra hat er zudem auch die historische Aufführungspraxis gepflegt.

Mit diesem Profil ist Rattle genau der Richtige, um die BR-Symphoniker weiter voranzubringen. Das offenbarte sich zuletzt im Corona-Sommer 2020, als Rattle mehrmals beim BR gastierte; teilweise auf eigenen Wunsch hin. Es ist kein Geheimnis, dass es beim BR-Symphonieorchester im klassischen Repertoire noch viel Luft nach oben gibt. Ob Haydn, Mozart oder der frühe Beethoven: Hier hat der Klangkörper eine zeitgemäße Auffrischungskur nötig.

Diese Komponisten sind eine besondere Stärke von Rattle, ohne die große Romantik zu vernachlässigen. Mit seiner besonderen Vorliebe für die Moderne und das Neue kann Rattle zudem die Abo-Programme sinnstiftend mit der BR-Reihe "musica viva" für neue Musik verknüpfen. Bislang waren das eher Parallel-Universen. Nicht zuletzt ist Rattle aber auch der Richtige, wenn es um das Politische geht. Für die BR-Symphoniker ist es nämlich die vielleicht schwierigste Zeit in ihrer Geschichte. Schon in den letzten zwei Lebensjahren von Jansons waren die zahllosen Absagen nicht immer einfach zu bewältigen. Mit dem Tod von Jansons brach zudem ein starker, engagierter Fürsprecher für den neuen Konzertsaal im Werksviertel hinter dem Münchner Ostbahnhof weg, und jetzt auch noch die Corona-Pandemie.

Zwar hat sich Ministerpräsident Markus Söder weiterhin für den neuen Konzertsaal ausgesprochen, aber: Die Pandemie ist längst noch nicht vorüber und die Auswirkungen nicht abzuschätzen. Noch dazu geht mit Ulrich Wilhelm ein BR-Intendant, der sich stets für die hauseigenen Klangkörper des BR stark gemacht hat. Ihm folgt am 1. Februar Katja Wildermuth nach. Als Programmdirektorin beim MDR in Halle wirkte sie nicht besonders klassikaffin.

In dieser Situation braucht das BR-Symphonieorchester einen starken Mitstreiter, den selbst ein Markus Söder kennt, und das ist Rattle. Schon allein deswegen ist er die einzig richtige Wahl, obwohl zuletzt zwei weitere Namen eifrig gehandelt wurden, nämlich: Daniel Harding und Franz Welser-Möst. Rein künstlerisch ist Harding fraglos spannend, aber: Sein schwieriger Charakter macht es nicht einfach. Er beschäftigt sich im Zweifel mehr mit sich selbst, als sich mit aller Kraft für sein Orchester einzusetzen. Die konfliktreichen Reibungen sind programmiert, und das wäre jetzt Gift für den BR.

Dagegen agiert Welser-Möst arg brav und erzkonservativ, ein solider Kapellmeister ohne Innovationsgeist. Auch das wäre gefährlich in dieser Zeit. Und Yannick Nézet-Séguin? Auch er stand auf der Liste. Im Orchester selber war er neben Rattle der Liebling.

Allerdings möchte Nézet-Séguin seinen Lebensmittelpunkt vorerst in Nordamerika belassen. Überdies hat der Kanadier zuletzt beim Orchester der Metropolitan Opera in New York keine glückliche Figur gemacht. Als dem Klangkörper infolge der Corona-Pandemie faktisch gekündigt wurde, hat er es geschehen lassen - ohne nennenswerten Einsatz.

Bei Rattle wäre das undenkbar. Schon kurz nach dem Tod von Jansons kursierte er als dessen Nachfolger. Er liebt die BR-Symphoniker, unvergessen sein glanzvolles Debüt 2010. Das lange Zögern von Rattle lag am London Symphony Orchestra (LSO). Seit 2017 leitet er diesen Klangkörper. Auch dieses Orchester liebt Rattle, aber: Die Situation in Großbritannien wurde für ihn zusehends schwieriger. Schon der Brexit allein ist für die britischen Orchester eine Katastrophe, und das britische Corona-Chaos macht es nicht einfacher. In London wird es zudem definitiv keinen neuen Konzertsaal geben, obwohl Rattle genau dies in Aussicht gestellt worden war und es dringend erforderlich wäre. Das alles frustriert Rattle, und deshalb lässt er seinen LSO-Vertrag 2023 enden. Danach wirkt er bei den Londonern nur noch als Ehrendirigent. Bis dahin müssen sich die BR-Symphoniker gedulden, aber: Die Ernennung Rattles zum neuen Chefdirigent beflügelt die Münchner schon jetzt. Es ist die langersehnte gute Nachricht in schwieriger Zeit. Ein echter Coup.

DK

 

Marco Frei