Ingolstadt

Der Retter der vier Ringe

Ludwig Kraus entwickelte den Audi 100 – am 26. Dezember wäre er 100 Jahre alt geworden

23.12.2011 | Stand 03.12.2020, 2:00 Uhr

Ein Erfolgsmodell: Der Audi 100 war technisch auf dem neuesten Stand und fand bei den Käufern auch vom Design her viel Anklang.

Ingolstadt (DK) Wer heute die gigantischen Produktionsstätten von Audi in Ingolstadt besucht, kann es sich nicht mehr vorstellen – doch es gab eine Zeit, Anfang der 60er-Jahre, da stand die Auto-Union, die Vorläufer-Firma von Audi, am Abgrund. Die DKW-Modelle mit Zweitaktmotoren und Luftkühlung waren völlig veraltet.

Es musste etwas passieren. Als Retter entpuppte sich ein Mann namens Ludwig Kraus. Der Motorenkonstrukteur entwickelte den Audi 100. Das Modell wurde ein großer Erfolg und sicherte dem Ingolstädter Autohersteller das Überleben. Am 26. Dezember wäre Kraus 100 Jahre alt geworden.

„Ohne den Audi 100 wäre das Unternehmen Pleite gegangen“, erinnert sich Franz Behles. Der heute 83-Jährige war damals so etwas wie die rechte Hand von Kraus. Behles wechselte im Oktober 1963 mit seinem Chef und zwei weiteren Kollegen von Mercedes zur Auto-Union. Damals – auch das klingt heute irgendwie merkwürdig – gehörte die Auto Union zu Daimler-Benz. Erst 1965 wurde der Hersteller von VW übernommen. Kraus und seine Männer hatten einen klaren Auftrag: einen modernen Nachfolger für den technisch überholten DKW F 102 zu konstruieren.

Sehr detailversessen sei Kraus, der in Hettenhausen bei Pfaffenhofen geboren wurde, gewesen. „Alles musste sorgfältig kontrolliert werden“, erzählt Behles, der heute in München lebt. „Aber dadurch erreichte Kraus bei den Mercedes-Rennwagen eine hohe Zuverlässigkeit und reduzierte die Ausfallquote.“ Zuvor hatte Kraus nämlich unter anderem in der Mercedes-Rennabteilung gearbeitet.

Er habe auch ein großes Talent gehabt, sich sehr schnell in neue Themengebiete einzuarbeiten, zum Beispiel was das Außendesign des Wagens angeht, sagt Behles. „Er hat seinen Geschmack trainiert. Beispielsweise auf Auto-Austellungen.“ Denn eigentlich war er ja Motorenkonstrukteur.

„Er konnte sehr laut werden“, erinnert sich Behles. „Aber er war auch kein Betonkopf.“ Stets fragte er jeden Mitarbeiter nach seiner Meinung. Nur wenn er von etwas ganz fest überzeugt war, entschied er gelegentlich dann doch auch Mal gegen die Mehrheitsmeinung.

Die wichtigste Zutat in seinem Erfolgsrezept sei jedoch seine Personalplanung gewesen, sagt Behles. Einmal habe Kraus gesagt: „Sehr gute Mitarbeiter sind oft nicht leicht zu leiten, doch ein guter Vorgesetzter muss damit umgehen können.“ Unter der Leitung von Kraus entstand natürlich nicht nur der Audi 100, auch wenn dieses Modell als „Rettungsanker“ in Erinnerung bleibt. Er trieb auch die Entwicklung des Audi 80 und des Audi 50 voran.

Am 31. Dezember 1973 ging Kraus in den Ruhestand. Auf der einen Seite hatte dies wohl damit zu tun, dass kurz zuvor zwei seiner Entwürfe für ein neues Audi-100-Modell in Wolfsburg abgelehnt worden waren. Auf der anderen Seite war Kraus gesundheitlich angeschlagen, er hatte eine Kriegsverletzung am Bein. Später hatte er auch noch einen schweren Unfall auf einer Erprobungsfahrt, von da an war er auf Krücken angewiesen. Ludwig Kraus starb am 19. September 1997 in München.