Augsburg

Der Körper und die Musik

Jubel für "Dimensions of Dance. Part 1" am Theater Augsburg

27.04.2018 | Stand 02.12.2020, 16:29 Uhr
Leidenschaft für Musik: Shori Yamamoto und Irupé Sarmiento in "Reminiscence" am Theater Augsburg. −Foto: Foto: Fuhr

Augsburg (DK) Wie aus etwas scheinbar Banalem das Außergewöhnliche entstehen kann, gehört zu den kleinen Wundern der Kunst.

Zu sehen zum Beispiel gerade am Theater Augsburg in dem dreiteiligen Ballettabend "Dimensions of Dance. Music". Natürlich gehört die Musik zum Tanz, ist sie eine der wesentlichen Dimensionen des Balletts. Doch aus dieser Selbstverständlichkeit machen die drei Choreografen Mauro Bigonzetti, Ricardo Fernando und Young Soon Hue ein spannendes Nachdenken über den Dialog zwischen Melodie, Rhythmus und Takt und den Bewegungen des Körpers und loten die Möglichkeiten dieses Gesprächs bis hin zur Akrobatik aus. Das Premierenpublikum umjubelte mit seltener Begeisterung den Tanzabend.

Der beginnt mit biografisch inspiriertem Erzählballett. Young Soon Hue und Sophie Walz erkunden in "Reminiscene" die Beziehung zwischen Frédéric Chopin und George Sand, führen mit leichter Hand hinein in das Familienleben, in die von Franz Liszt vermittelte Begegnung mit der Schriftstellerin, zeigen Pariser Salons ebenso wie den legendären gemeinsam verbrachten Winter auf Mallorca. Riesige Notenblätter verweisen auf das Generalthema, die Musik, und sie alleine ist es auch, die ihm bleibt, als sich der kranke Chopin zum Sterben zurückzieht. Durch die einfühlsame Choreografie tritt zu der Musik und den Bewegungen noch etwas Drittes: die Seele, in die scheint der Zuschauer zwischen den Tönen und den Körpern hineinzublicken.

Den Atem thematisiert Ricardo Fernando in "Six Breath". Ausgehend von Zitaten - von Hildegard von Bingen über Heinrich Heine bis hin zu Franz Kafka - dekliniert er Aggregatzustände des Atems durch: vom ersten Atemzug über den stockenden Atem bis hin zur Atemlosigkeit. Genauso unterschiedlich sind auch die einzelnen Teile, mitunter meditativ, abstrakt, dann wieder, vor allem, wenn das Ensemble auf der Bühne ist, voller Dynamik und kraftvoller Überfülle. Das alles wird getragen von der faszinierenden Minimal-Music von Ezio Bosso, die der musikalischen Dimension des Tanzes wieder einen ganz anderen Akzent gibt.

So komplex-abstrakt die getanzten Atemzüge sind, so realistisch und einfach in der narrativen Struktur ist "Cantata" von Mauro Bigonzetti. Er zeigt ein mediterranes Fest in all seinen Facetten, getragen von den Volksliedern und ihren Stimmungen. Da wird gefeiert, geflirtet, geliebt, da wird - ganz wunderbar - gestritten, und man scheint mitten in einem ausgelassenen Fest in einem apulischen Dorf zu sein, wo Tarantella getanzt wird und die Grenze zwischen Lebensfreude und Ekstase verwischt. Umso beeindruckender ist dabei einmal mehr das Ensemble, das den kurzfristigen Ausfall von Solotänzerin Irupé Sarmiento, die sich während der Premiere verletzte hatte, bewundernswert kompensierte. Ein Grund mehr, diesem Abend zuzujubeln.

Vorstellungen bis 15. Juni im Martini-Park in Augsburg, Kartentelefon (0821) 3244900.
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Berndt Herrmann