Neuburg

Den Medienkonsum positiv nutzen

Jugendserie: Suchtgefahr versus Kommunikations- und Motivationsmittel

19.02.2021 | Stand 24.02.2021, 3:34 Uhr
Die zwei Seiten der Medaille: Der Medienkonsum kann aufgrund des Lockdowns zu erhöhter Suchtgefahr bei Jugendlichen führen. Smartphone und Co. sind aber gute Werkzeuge gegen die Isolation. −Foto: Julia Breitenborn, DK-Archiv

Neuburg - Der Jugendraum ist geschlossen, Treffen mit mehr als einer Person sind verboten.

Fällt den Jugendlichen in Corona-Zeiten die Decke auf den Kopf, herrscht pure Langeweile oder ist dank Onlinezocken und sozialen Netzwerken der Alltag der Generation Smartphone gar nicht so anders als vor der Pandemie? Wir haben uns mit den Teenagern aus dem Ostend unterhalten, wie ihr Alltag jetzt tatsächlich aussieht.

Um kurz vor 8 Uhr muss sich der 15-jährige Mittelschüler Marius Suntic beim Homeschooling anmelden. Anschließend hat er bis 13 Uhr Schule, nur eben von zu Hause aus. Das Material bekommt er per E-Mail von seiner Lehrerin, die bei Bedarf telefonisch zur Verfügung steht. Angst, seinen Schulabschluss im Sommer nicht erfolgreich zu absolvieren, hat er nicht.

Ein positives Beispiel, seinen Weg trotz der Pandemie in die richtige Richtung einzuschlagen, sind die Freundinnen Larissa Walter, Nela Cervenakova und Nikola Cervenakova. Sie absolvieren eine schulische Ausbildung zur staatlich geprüften Sozialbetreuerin und Pflegefachhelferin. Ihren Schulabschluss machten sie im Sommer 2020 zu Corona-Zeiten. "Wir hatten lange Zeit keine Präsenzpflicht und online nur in den Hauptfächern Unterricht. Dass die Abschlussfahrt ausgefallen ist, ist schade, aber Angst, den qualifizierenden Hauptschulabschluss nicht zu erreichen, hatten wir nicht. "

Eigenmotivation und Top-Onlineunterricht, der Klassenlehrerin sei Dank. Das sieht bei der 15-jährigen Katharina (Name geändert, d. Red. ) jedoch anders aus. "Ich komme beim Homeschooling nicht so mit wie beim richtigen Unterricht in der Schule und habe Angst, wegen Corona meinen Abschluss nicht zu schaffen. " Die 15-Jährige tut sich schwer, sich selbst zu motivieren und mit der gleichen Disziplin die Sache anzupacken wie im Klassenzimmer.

Dies könne man laut der Kinder- und Jugendpädagogin Verena Bauer auch nicht unbedingt verlangen. "Für einige ist schon der reguläre Schulalltag mit aufstehen und zur Schule gehen eine große Herausforderung. Im Homeschooling sind zudem Youtube, Instagram, Netflix und WhatsApp allgegenwärtig. Jugendliche leben im hier und jetzt - aktuelle Videos, Musik oder Mode sind halt interessanter als der Geschichtsunterricht oder das Lernen von Gleichungen und Formeltabellen. Daher braucht es auch im Jugendalter zum einen Eltern, die zum Homeschooling motivieren und den Unterricht zu Hause begleiten, erklären sowie Hilfestellung geben, und zum anderen ist die wertschätzende Kommunikation und die gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler beim Distanzunterricht notwendig. "

Während die Jugend vormittags Homeschooling hat, sitzt man nachmittags also nur noch an der Konsole, am Smartphone, vor dem Fernseher oder Laptop? Eine Studie der Krankenversicherung DAK in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Hamburg-Eppendorf ergab, dass durch den deutlich vermehrten Medienkonsum die Suchtgefahr steigt.

"Nach dem gemeinsamen Mittagessen mit der Familie schaue ich klar Fernsehen, zocke an der Konsole, streame Serien und bin in den sozialen Netzwerken unterwegs. Aber ich gehe auch raus an die frische Luft, treffe mich mit meinem Kumpel und dann gehen wir spazieren, quatschen und holen uns einen Döner. Abends ist dann oft Familienzeit und diese verbringen wir mit Brettspielen", berichtet Marius Suntic, der sich mit Kraftübungen zu Hause fit hält. Die Auszubildenden Larissa Walter und Nela Cervenakova hingegen nutzen ihre Freizeit mit gemeinsamen Kochen, Spaziergängen, Workouts und Filme gucken. "Wir haben bei unseren Jugendlichen eine Umfrage gemacht, welche Hobbys sie haben", berichtet Stadtteilmanager Jürgen Stickel. "Von den Klassikern wie Fußball über Rappen, Malen und verschiedene Musikinstrumente bis hin zu Kampfsport war alles dabei. Das man jedoch aktuell vieles davon nicht machen darf, ist schrecklich und fördert den Medienkonsum. "

Sport biete laut dem Sozialpädagogen viele Möglichkeiten: "Hier kann ich Freude zeigen, aber auch Wut rauslassen, lerne Erfolgserlebnisse ebenso kennen wie Frustrationen. Kurz gesagt, es ist ein Austoben mit Regeln. " Letztlich gehe es ums "erleben und erfahren". Die Jugend brauche die Peergroup, also Gleichaltrige im gleichen Entwicklungsstadium, um sich zu messen, zu beweisen, ihre Rolle zu finden, um gemeinsam zu gewinnen und zu verlieren sowie zu lernen mit Niederlagen und Rückschlägen umzugehen.

Durch Sport erlernen die Jugendlichen wichtige soziale Kompetenzen wie Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit und Zielstrebigkeit, aber auch Selbstkritik. "All das sind wichtige Grundlagen und Eigenschaften, die für den späteren Werdegang von entscheidender Bedeutung sind", sagt Stickel.

Da stellt sich die Frage, ob der Medienkonsum der Jugendlichen nicht positiv für den fehlenden Ausgleich im Sportverein genutzt werden kann? Viele Vereine und auch Einrichtungen wie der Jugendraum Ostend bieten in den sozialen Netzwerken Online-Challenges an. "Das sind adäquate Mittel, klar. Als Einrichtung müssen wir uns an die Gegebenheiten anpassen und die Situation als Chance sehen, sich neu auszurichten. Den Sport im Verein - ein Ort der Integration, Inklusion und des sozialen Miteinanders - kann man so aber nicht kompensieren", sagt Stickel.

"Der persönliche Kontakt fehlt ebenso wie das Teamgefüge und das regelmäßige Training. Ohne Fremdmotivation bewegt man sich weniger. Die Selbstmotivation ist einfach gering", sagt die 16-jährige Nela Cervenakova und auch Beza Allem Berhanu findet es schwer, sich dafür zu motivieren. Für Stickel ist das keine Überraschung: "Erwachsene haben oft keine Eigenmotivation, woher sollen sie dann die Jugendlichen nehmen? Alleine, ohne seine Sportkameraden schon gar nicht. Im Endeffekt hängt es von der Sportaffinität der Betroffenen ab, ob sie sich bewegen oder alternativ Online-Angebote annehmen oder sich am Ende des Tages gar nicht sportlich betätigt haben", so der 53-Jährige, der auf eine baldige Lockerung in Sachen Sport hofft.

Mit dem Jugendraum Ostend fehlt den Jugendlichen seit fast einem Jahr bekanntlich eine wichtige Anlaufstelle und Treffmöglichkeit, wo ihnen bei ihren Problemen geholfen werden kann, wo sie Rat und Hilfe bekommen, wo sie sich untereinander oder mit den Betreuern austauschen können. "In Corona-Zeiten mit den ganzen Einschränkungen leidet die Laune. Meine Freunde und ich selber auch sind viel gereizter und antriebsloser. Die Gruppendynamik und das Wir-Gefühl fehlen", erklärt der 15-jährige Beza Allem Berhanu. Umfragen und Studien des bayerischen Kinderschutzbundes bestätigen, dass sich mehr als 70 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen durch die Corona-Krise seelisch belastet fühlen.

Corona lähmt also die Jugend. Immer häufiger berichten Experten von Depressionen sowie Angst- und Essstörungen. So auch Stickel: "Je länger die sozialen Kontakte auf Eis gelegt werden, umso größer werden meiner Meinung nach die sozialen und psychischen Folgen sein. " Und die Suchtgefahr wird wohl durch vermehrten Medienkonsum weiter steigen.

DK



Marek Hajduczek