Neuburg

Das Taktische Luftwaffengeschwader 74 übt verstärkt in der Dunkelheit

24.01.2022 | Stand 28.01.2022, 3:35 Uhr
Übung in der Dunkelheit: ein Neuburger Eurofighter bei der Betankung im Luftraum bei Augsburg. Derzeit übt das Taktische Luftwaffengeschwader 74 besonders stark in der Nacht. −Foto: Engel, Luftwaffe

Neuburg - Nachts sind alle Katzen grau. Dieses Sprichwort kennt jeder - und es hat durchaus auch in der Luft seine Gültigkeit. Katzen gibt es im Himmel über Neuburg freilich nicht. Unübersichtlich kann es dort aber sehr wohl werden. Deshalb üben die Piloten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 derzeit verstärkt den Flug in der Dunkelheit.

Von Nachtflügen kann dabei natürlich nur bedingt die Rede sein. Denn was sich in der Dunkelheit an fliegerischer Ausbildung abspielt, passiert in der Regel in den Abendstunden. "Wir beginnen eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang", erklärt Oberstleutnant Sören Richter, Kommandeur der Fliegenden Gruppe des Neuburger Militärverbands und selbst erfahrener Eurofighter-Pilot. Um diese Zeit entsprächen die Lichtverhältnisse bereits denen in der Nacht.

Um die Auswirkungen auf die Bevölkerung rund um den Flugplatz beim Neuburger Stadtteil Zell möglichst gering zu halten, beschränkt das Geschwader die etwa ein bis eineinhalb Stunden langen Nachtflüge üblicherweise auf den Zeitraum von Ende September bis Mitte April, also wenn es früher dunkel wird. Auszuschließen sind derartige Übungen allerdings auch im Rest des Jahres nie vollständig - je nach Anforderungen an den wichtigen Bundeswehrverband, der unter anderem im Auftrag der Nato die Alarmrotte für Süddeutschland stellt. Diese Maschinen müssen im Ernstfall rund um die Uhr aufsteigen.

Damit das immer problemlos klappt und damit die Piloten in der Luft auch auf alle Eventualitäten vorbereitet sind, müssen sie regelmäßig in der Dunkelheit üben. "So wie beim Autofahren auch ist das Fliegen nachts anders als tagsüber", erklärt Richter. Wichtige Bezugspunkte in der Landschaft seien dann ebenso wie der Horizont schlecht oder gar nicht erkennbar. "Der Fokus ist dann automatisch mehr auf den Instrumenten im Cockpit" - was selbstredend ein enormes Vertrauen des Piloten in die Maschine voraussetzt. Doch gerade nachts kann dieser Blick auf die Kontrollen entscheidend sein, wie Richter aus eigener Erfahrung weiß. "Nachts kann in gewissen Fluglagen im Kopf das Gefühl entstehen, dass man gerade fliegt, obwohl man in Schräglage ist." Solche Eindrücke biete ein Simulator allerdings nicht - "und deshalb müssen wir das trainieren".

Dass das Geschwader diese Ausbildung derzeit im Block, bis Ende Februar insgesamt sechs Wochen lang, absolviert, hat vor allem mit der Pandemie zu tun. Denn die Wetterberater des Zentrums für Geoinformationswesen der Bundeswehr haben ihre Arbeitszeit aus Infektionsschutzgründen umgestellt und Teams gebildet - um die Kontakte zu reduzieren. Die Folge: Ein Wechsel in Nacht- und Tagflugwochen ist allein schon personell nicht mehr möglich. Daher sei nun der längere Block angeordnet worden, erklärt Richter.

Die Übungsszenarien in der Dunkelheit umfassen seinen Worten zufolge das gleiche Spektrum wie tagsüber auch. Auf den sogenannten Kurvenkampf, also das simulierte Luftgefecht zwischen zwei Jets, verzichten die Piloten nachts jedoch. Weil das in der Realität auch eher unwahrscheinlich ist. Stattdessen geht es dabei um das Abfangen von anderen Flugzeugen, um die Kontaktaufnahme mit anderen Jets, was in der Dunkelheit vor allem über Lichtsignale funktioniert, sowie um die Betankung in der Luft. Darüber hinaus spielt auch der simulierte Luft-Boden-Kampf eine wichtige Rolle, wie Richter betont. "Die Prozedur ist wie am Tag, die Sicht aber sehr eingeschränkt."

Grundsätzlich sieht der Oberstleutnant, der auch schon erfahrener Phantom-Pilot war, in einem Nachtflug eine andere Erfahrung als in einem bei Tag. "Sensibilisiert und konzentriert sind wir immer", erklärt er. Dennoch sei stets ein Tick mehr Aufmerksamkeit erforderlich. "Gleichzeitig ist der Körper in der Dunkelheit eher im Ruhemodus." Dadurch könne ein Flug in dieser Zeit für den Piloten durchaus ermüdender sein - wie eine Autofahrt auch. Dazu können bei bestimmten Sichtverhältnissen massive Orientierungsprobleme kommen, die zusätzlich fordern. "Wenn unten Wolken sind und oben Sterne, dann ist es einfach", erklärt Richter. Gerade in dünn besiedelten Gebieten sehe es bei schwieriger Sicht aber ganz anders aus. "In Oklahoma hatte ich das mal, da waren oben ein paar Lichtpunkte und unten auch", erklärt der Kommandeur der Fliegenden Gruppe. In solchen Situationen schaue man als Pilot lieber dreimal auf die Instrumente, um auf Nummer sicher zu gehen.

Abgeschlossen ist die Arbeit der Soldaten mit der Landung aber noch lange nicht. Denn die Nachbesprechung kann - je nach Flug - zwischen eineinhalb und auch mal fünf Stunden dauern. Dazu kommt für das Bodenpersonal die Nachbereitung der Maschine. Daher verzichtet das Geschwader auf Flüge am Vormittag. Andernfalls wären die Ruhezeiten des Personals kaum einzuhalten.

DK

Stefan Janda