Ingolstadt

Das ist noch einmal gutgegangen

Während des Feuers im Klinikum am Montagabend funktionierte der Alarmplan so, wie er sollte

21.11.2017 | Stand 02.12.2020, 17:11 Uhr
Hinter diesem Feuer im Zentrum für psychische Gesundheit (obere Etage, neben dem Rollo) ist am Montagabend ein Feuer ausgebrochen. Die Polizei geht von Brandstiftung eines Patienten aus. −Foto: Stefan Eberl

Ingolstadt (DK) Die Alarmpläne haben funktioniert, die Brandschutztüren hielten dicht, in kürzester Zeit war ein Großaufgebot der Feuerwehr zur Stelle. Und über 100 Mitarbeiter des Klinikums, die spätabends herbeieilten, um zu helfen: Das sind die wichtigsten Erfahrungen nach dem Brand auf Station 35.

Der Fall, den jeder fürchtet, trat am Montag um 21.14 Uhr ein: Feuer im Klinikum. In Station 35 ging die Brandmeldeanlage los. Wenige Augenblicke später sah eine Pflegekraft, dass aus einem Patientenzimmer dicker Rauch quoll. Sie schlug ebenfalls Alarm - und setzte so einen Notfallplan in Gang, der in kürzester Zeit ein Großaufgebot an Feuerwehr, Rettungskräften, Polizei und Mitarbeitern des Klinikums aktivierte. Die Station 35 - sie gehört zum Zentrum für Psychische Gesundheit - wurde evakuiert. 18 Patienten konnten, wie bereits berichtet, sofort in Sicherheit gebracht werden, sechs weitere wurden zunächst vermisst, aber nach kurzer Suche von Feuerwehrleuten gerettet. Die Ingolstädter Berufsfeuerwehr war in voller Besetzung ausgerückt, die Freiwilligen Feuerwehren Ingolstadt Mitte, Gerolfing und Gaimersheim eilten ebenfalls zum Klinikum und unterstützten die Kameraden. Ingolstadts Feuerwehrchef Josef Huber leitete den Einsatz - auch das zeigt, wie ernst man die Lage nahm.

Die Ursache des Feuers war rasch schnell entdeckt: eine brennende Matratze. Bald stand das Patientenzimmer in Flammen, diese griffen aber nicht auf andere Räume über und wurden schnell gelöscht. Die Kriminalpolizei nahm noch in der Nacht die Ermittlungen auf.

In der ersten Pressemeldung des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord am späten Montagabend sowie in einer Nachricht des Klinikums, die nach Mitternacht rausging, war von "einigen Leichtverletzten" die Rede. Gestern präzisierte Katja Vogel, die Sprecherin des Krankenhauses, die Zahl: Zwei Patienten und eine Mitarbeiterin sind leicht verletzt worden. Sie mussten wegen einer Rauchgasvergiftung behandelt werden. Auch Katja Vogel eilte am Montagabend an ihren Arbeitsplatz - so wie Dutzende Mitarbeiter des Klinikums, die schon zu Hause waren. Zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen, die zum Zeitpunkt des Großeinsatzes im Dienst waren und aus anderen Stationen kamen, um bei der Evakuierung und der Verlegung der Patienten aus der Station 35 zu helfen, waren es "weit über 100 Mitarbeiter", die sich am Einsatz beteiligten, berichtete Vogel. "Wir haben einen Alarmplan, der genau festlegt, wer angerufen wird. Es hat alles sehr gut funktioniert." Die Mitarbeiter kennen auch Codes, um über das Alarmierungssystem präzise darüber informiert zu werden, was wo passiert ist. Auch hier gelte: "So einen Fall wünscht man sich nie, aber es ist gut zu wissen, dass sofort richtig reagiert wurde und alles genauso abgelaufen ist, wie es der Alarmplan vorsieht" (siehe die Details im Kasten).

Der Geschäftsführer des Klinikums, Andreas Tiete, ließ seinem Team keine drei Stunden nach dem Feuer über die Sprecherin des Hauses ein dickes Lob zukommen: "Durch die schnelle Reaktion und den engagierten Einsatz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Hilfe der Feuerwehren und Rettungskräfte konnte der Brand schnell unter Kontrolle gebracht und Schlimmeres verhindert werden. Hierfür ganz herzlichen Dank!"

Und noch eine beruhigende Erkenntnis: Die Brandschutztüren erwiesen sich als "sehr sinnvoll", so Katja Vogel, denn sie hielten dicht. "Der Rauch ist nicht weit in die Station gezogen." Vielleicht müsse sie auch deshalb nicht komplett saniert werden, sondern nur das Zimmer, in dem des gebrannt hat. Das werde noch untersucht. Die Station 35 bleibt geräumt. Erst wenn nach einer Luftmessung ein Gesundheitsrisiko ausgeschlossen werden kann, dürfen die Patienten zurückkehren. Eines gelte es noch zu erwähnen: "Natürlich hat jeder der Patienten aus der Station 35 in der Nacht ein Bett gehabt."

Hans-Peter Kammerer, Sprecher des Polizeipräsidiums, gab gestern neue Erkenntnisse bekannt: Die Ermittler gehen davon aus, dass ein 20-jähriger Patient der geschlossenen Station 35 "es geschafft hat, vorsätzlich Feuer zu legen".

Doch wie ist das möglich? Laut Klinikum-Sprecherin Vogel bekommen Patienten auf dieser Station vom Personal generell nur ein Feuerzeug, wenn es zum Anzünden einer Zigarette benötigt wird. Weil sie das Haus aber zum Teil verlassen könnten oder Besuch bekämen, könnten Patienten auf diese Weise an ein Feuerzeug gelangen. Für Menschen, die in Verbindung mit Brandstiftung auffällig worden seien, gebe es eine spezielle Regelung. Ehemalige Patienten berichten, es sei nicht schwer, auf Station 35 an ein Feuerzeug zu gelangen.

Am Montagabend entstand in dem schwer beschädigten Zimmer ein Schaden in Höhe von 25 000 Euro. Der mutmaßliche Brandstifter wurde Kammerer zufolge nicht verletzt, allerdings zwei Patientinnen, 28 und 35 Jahre alt. Sie erlitten eine leichte Rauchvergiftung.

Der 20-Jährige steht seither unter Bewachung der Polizei. Er wurde gestern Nachmittag auf Antrag der Staatsanwaltschaft Ingolstadt wegen des Verdachts der schweren Brandstiftung dem Ermittlungsrichter vorgeführt. "Der Erlass eines Haftbefehls kam auf Grund des vorliegenden Krankheitsbildes nicht in Betracht", so das Präsidium über den psychisch kranken Tatverdächtigen. Deshalb wurde die Unterbringung in eine psychiatrische Klinik richterlich angeordnet.

DAS ALARMIERUNGSPRINZIP IM KLINIKUM

Katja Vogel, die Sprecherin des Klinikums, erklärt das Alarmierungsprinzip des Hauses: "Brennt es im Klinikum ertönt in den somatischen Bereichen keine Sirene. Es ertönt eine Durchsage, die das Personal informiert, zudem gibt es weitere Mechanismen - wie Anrufe, Piepsermeldungen oder zum Teil optische Signale, um das Personal auf die Situation aufmerksam zu machen. So sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in kürzester Zeit informiert, gleichzeitig wird Panik vermieden und die Station kann - falls nötig - in Ruhe und geordnet evakuiert werden."

Im Zentrum für psychische Gesundheit, wo es in der eigens gesicherten Station 35 gebrannt hat, "gibt es auch die zuvor beschriebenen Instrumente (Piepser und ähnliches), aber tatsächlich auch noch eine Sirene, die ertönt, wenn der Rauchmelder anschlägt", erklärt Vogel. | DK