Kauf der KJF-Klinik:

Chance oder Risiko fürs Kreiskrankenhaus?

Verantwortliche des Landkreises wollen zunächst alle Fakten zum möglichen Klinik-Kauf in Neuburg

19.11.2021 | Stand 24.11.2021, 3:34 Uhr
Könnten die Klinik St. Elisabeth in Neuburg und das Schrobenhausener Kreiskrankenhaus bald beide dem Landkreis gehören? −Foto: Haßfurter, SZ-Archiv

Schrobenhausen - Die Klinik St. Elisabeth in Neuburg wird verkauft. Die Katholische Jugendfürsorge (KJF) Augsburg gibt den Betrieb des Krankenhauses nach nur knapp fünf Jahren ab. Ein potenzieller Käufer könnte der Landkreis sein, entsprechende Überlegungen laufen. Eine Entwicklung, die man im südlichen Landkreis, speziell in Schrobenhausen, nicht ohne Beunruhigung sieht. Immerhin strebt man einen Neubau des Kreiskrankenhauses an.

Die Vertreter des Landkreises und der KJF gehen nun in intensivere Gespräche. "Wir brauchen jetzt detailliertes Zahlenmaterial", erklärt Landrat Peter von der Grün (FW), der das knapp 300 Betten umfassende Haus "auf Herz und Nieren" prüfen will. "Wir möchten die bestmögliche Gesundheitsversorgung für den gesamten Landkreis bieten", sagt er. Eine Übernahme in Neuburg könnte dazu ein wichtiger Baustein sein.

Reisner: Sorge um den Standort Schrobenhausen

Das Problem der Finanzierung sieht Schrobenhausens Bürgermeister Harald Reisner (FW) auf den Landkreis zukommen. Da ist der Kaufpreis für die Klinik, dann das Geld, das man für den Investitionsstau für ein rund 30 Jahre altes Haus in die Hand nehmen muss, und natürlich das jährlich anfallende hohe Defizit beider Häuser. Da fragt sich Reisner schon: Kann der Landkreis das finanziell stemmen? "Ich bin in Sorge, dass der Landkreis es auf Dauer nicht schaffen wird, beide Häuser zu erhalten." Als Schrobenhausener Bürgermeister ist seine Angst, dass am Ende das kleinere der beiden Häuser leiden muss. Und das wäre nach aktuellem Stand Schrobenhausen.

Dazu kommt für ihn, dass es bereits konkrete Pläne gibt, das Kreiskrankenhaus als Gesundheitszentrum baulich weiterzuentwickeln. Auch mit den Grundstückseigentümern habe man bereits positive Vorgespräche geführt. "Die Pläne sind vielversprechend, auch die Kooperation mit dem Uniklinikum Augsburg geht in die richtige Richtung", so Reisner. Doch er fürchtet: "Wenn wir die KJF-Klinik kaufen, könnte das schwer umzusetzen sein."

Dass es viele neue Synergieeffekte zwischen Neuburg und Schrobenhausen geben könnte, bezweifelt er hingegen. Nur weil beide Häuser dem Landkreis gehören, würden nicht mehr Neuburger nach Schrobenhausen fahren oder andersrum. Viele Menschen im südlichen Landkreis würden sich Richtung Pfaffenhofen oder Ingolstadt orientieren.

Natürlich könne sich der Landkreis nicht aus den Verhandlungen raushalten, doch einen Kauf der KJF-Klinik müsste man aus Reisners Sicht genau abwägen. Schrobenhausens Bürgermeister fürchtet, dass Neuburg am Ende neben Verwaltungs- und Hochschul- auch noch Gesundheitsstandort werden könnte. "Aber der südliche Teil gehört auch zum Landkreis", es könne nicht sein, dass man hier noch weitere Einschnitte hinnehmen müsse.

Weigert: Schrobenhausen weiter Gesundheitszentrum

Aus Sicht von Wirtschaftsstaatssekretär Roland Weigert (FW) erfüllen die verschiedenen Teile des Landkreises Zeit seines Bestehens bestimmte Rollen. Neuburg ist der zentrale Behördenstandort und hat nun als Hochschulstandort noch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dazubekommen. Schrobenhausen erfülle dafür die Rolle des zentralen Gesundheitsdienstleisters für den Landkreis. "Und es ist eminent wichtig, dass Schrobenhausen weiter diese zentrale Rolle für den Landkreis übernimmt", sagt Weigert. Denn es gehe um eine Entwicklung des Landkreises im Gleichschritt. Aus seiner Sicht darf es nicht laufen wie beim Finanzamt, dass Schrobenhausen zwar Standort sei, das Geschäft aber faktisch in Neuburg erledigt würde.

Für den Gesundheitsstandort Schrobenhausen sei "ein Neubau zentral", so Weigert weiter. Denn die Architektur bilde Prozesse ab - und eben diese hätten sich gerade im Gesundheitswesen verändert. Es gehe um neueste Technologie, um Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Hier müsse man wettbewerbsfähig bleiben.

Dass sich der Landkreis für das Neuburger Krankenhaus interessiert, ist für ihn die richtige Vorgehensweise. Immerhin hatte Weigert als Landrat vor fünf Jahren selbst eine Übernahme der KJF-Klinik forciert. Doch es brauche eine nachhaltige und ergebnisoffene Betrachtung unter sozialen und ökonomischen Kriterien. Und wichtig sei ein Modell, "das Schrobenhausen seine Rolle im Landkreis zubilligt". Dann berge der Kauf aus seiner Sicht das Potenzial für eine "riesen Chance" für Schrobenhausen und die Gesundheitsversorgung im gesamten Landkreis.

Sein Landtagskollege Matthias Enghuber (CSU) begrüßt grundsätzlich ebenfalls diese Chance, ja er sieht darin fast schon einen Zwang. "Die Folgen könnten sonst für Neuburg und auch für Schrobenhausen maximal negativ sein." Beide Standorte in einer Hand könnten sich jedoch bestens ergänzen, ist seine Sicht dazu.

Tabrizi: Einmalige Gelegenheit für den Landkreis

Das sehen auch die zuständigen Referenten im Kreistag so. Sowohl Elfriede Müller (Soziales) als auch Shahram Tabrizi (Gesundheit) weisen auf die überregionale Bedeutung der Kinderklinik - und damit auch auf die Verantwortung für den Erhalt - hin, sehen aber auch die Spezialisierung der Schrobenhausener Klinik auf Altersmedizin als wichtigen Pfeiler. "Der Landkreis hat die Fürsorgepflicht für die Bürger, daher müssen wir zugreifen", betont CSU-Politikerin Müller, die vor allem eine sichere Zukunft der Kinderklinik als "oberste Prämisse für uns" sieht. FW-Kreisrat Tabrizi, selbst Chefarzt im Kreiskrankenhaus, erinnert zudem an den Versorgungsauftrag, den Schrobenhausen alleine nicht abdecken könnte. "Was ist aber, wenn ein privater Investor in Neuburg einsteigt und defizitäre Bereiche schließt?" Allein schon deshalb müsse der Landkreis zugreifen und diese "einmalige Gelegenheit" nutzen. Tabrizi sieht den Landkreis daher in einer "Schicksalsstunde für die Gesundheitsversorgung". Müller kann sich dazu neue Formen des Miteinanders vorstellen. Über ein Modell der Bürgerbeteiligung ließe sich in ihren Augen ebenso nachdenken wie über Gespräche mit dem Orden St. Elisabeth, der sich 2017 vom Neuburger Krankenhaus getrennt hatte. "Reden sollten wir auf jeden Fall", fordert die Referentin, die selbst 22 Jahre lang in der Neuburger Klinik gearbeitet hat.

Die Katholische Jugendfürsorge muss unterdessen für ihren Schritt auch Kritik einstecken. Hinter den Kulissen gibt es die Befürchtung, dass die Klinik nun an den meistbietenden Investor geht. Dass der Landkreis bei einem solchen Preiskampf kaum mithalten kann, ist klar. "Eigentlich müsste vor dem Kaufpreis aber ein Minus stehen", findet Müller.

Dietenhauser: Könnte Neubau auf Jahre verzögern

Das sehen auch die Vertreter der Kreistagsfraktionen so, die Chancen und Risiken erkennen - und sich enttäuscht über das Verhalten des Klinik-Gesellschafters äußern. "Wir müssen das in aller Ruhe durchsprechen", betont Josef Dietenhauser (DU), der befürchtet, dass sich durch einen Kauf der Neuburger Klinik ein Neubau in Schrobenhausen "auf Jahre hinweg verzögert". SPD-Sprecher Werner Widuckel fordert daher eine sachliche und nüchternen Betrachtung der Fakten. "Denn das kann keine Übernahme um jeden Preise werden", spricht er seinen Kollegen aus der Seele. Gleichzeitig spricht er sich dafür aus, den angestoßenen Prozess in Schrobenhausen fortzusetzen.

Tenor in der Sprecherrunde ist jedoch auch, dass sich der Landkreis in Neuburg nicht wegducken darf, wie es Michael Lederer von den Freien Wählern sagt. "Ich denke, wir kommen zusammen", so der Karlshulder, der aber auch feststellt: "Schrobenhausen ist für mich unser Gesundheitsstandort." Eine mögliche Übernahme ist aus seiner Sicht daher immer im Kontext mit dem Kreiskrankenhaus zu betrachten. Auch darin sind sich die Fraktionssprecher einig.

KOMMENTAR

Die Bedenken gerade im südlichen Landkreis mit Blick auf einen möglichen Kauf der Neuburger KJF-Klinik sind nachvollziehbar. Der Kreistag ächzt bereits beim voraussichtlichen Defizit des Kreiskrankenhauses von gut fünf Millionen Euro - und dann will man noch ein zweites Haus mit großem Minus übernehmen? Daraus ergibt sich mit Blick auf die jüngst in den Kreisgremien vorgestellten vielversprechenden Pläne für die Gesundheitsversorgung in Neuburg-Schrobenhausen eine zentrale Frage: Kann und will man sich nach einem solchen Kauf den Neubau des Schrobenhausener Kreiskrankenhauses noch leisten?

Die Sorge, das kleinere der beiden Häuser am Ende zu verlieren oder zumindest den Neubau zu verzögern, ist nicht von der Hand zu weisen. Und dabei geht es nicht nur um die Gesundheitsversorgung im Schrobenhausener Land, sondern ganz zentral um die Bedeutung des Landkreissüdens.

Neuburg-Schrobenhausen ist nie richtig zusammengewachsen. Einst war Schrobenhausen blühender Kreissitz. Seit der Gebietsreform hat es mehr eingebüßt als nur das Amtsgericht. Doch sollte Schrobenhausen nun auch noch seine Rolle als Gesundheitszentrum verlieren, wird der Landkreis vollständig zerbrechen. Schrobenhausen ist dann endgültig nicht mehr der kleinere Partner der Kreisstadt, sondern das Anhängsel. Und das in allen Bereichen. Der Unmut wird riesig sein.

Die Gemeinden im Süden leisten einen wichtigen Beitrag zur Kreisumlage. Doch im Gegenzug ist zu erwarten, dass der Landkreis ausgewogen investiert. Für 44 Millionen Euro ist gerade die Paul-Winter-Realschule in Neuburg gebaut worden, dann der Erweiterungsbau der FOS/BOS, das Schülerübernachtungswohnheim, die Brücke bei Bertoldsheim, und und und. In Schrobenhausen wird zwar das Gymnasium erweitert, der Landkreissüden wartet aber schon ewig auf eine neue Landratsamts-Außenstelle.

Sollte der Landkreis nun die KJF-Klinik kaufen, wäre für das Gleichgewicht eines unerlässlich: Ein Konzept, das beide Häuser so verbindet, dass Schrobenhausen nicht wieder zurückstecken muss, sondern umso gestärkter daraus hervorgeht.

Isabel Ammer