Landkreis Roth

Bürgerinitiative zum ICE-Werk nimmt Söder in die Pflicht

05.10.2021 | Stand 11.10.2021, 3:33 Uhr
Als gallisches Dorf präsentiert sich Harrlach in seinen Protestengegen das geplante ICE-Instandhaltungswerk der Bahn. Nun hat die Bürgerinitiative einen Brief an Ministerpräsident Söder geschrieben. −Foto: Leykamm

Harrlach Die Bürgerinitiative "Kein ICE-Werk bei Harrlach" hat einen offenen Brief an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geschrieben. Darin äußert sie "massive Zweifel an der Objektivität des Entscheidungsprozesses der Bahn". Sie fordert - wie schon zuvor Landrat Herbert Eckstein und mit ihm die Mitglieder des Kreisausschusses - , dass die Bahn das Verfahren der Standortsuche wieder von Null beginnt.

Maßgeblich verfasst hat den Söder-Brief Verena Masopust, unterzeichnet haben ihn Jürgen Amrhein, Petra Seitz und Karin Speidel von der Bürgerinitiative, die sich seit Monaten erbittert gegen den Bau eines ICE-Instandhaltungswerks und damit auch gegen die Rodung von bis zu 144 Hektar wertvollen Bannwalds direkt vor ihrer Haustüre wehrt. So groß ist das Areal, das die Bahn sucht. Das Werksgelände selbst würde eine Fläche von bis zu 45 Hektar beanspruchen.

Was die Bürgerinitiative nun endgültig auf die Palme gebracht hat, ist das ihrer Meinung nach intransparente Verfahren der Bahn, die nach mehrmonatiger Untersuchung den erklärten Wunschstandort Altenfurt-Fischbach vage aus "betrieblichen Gründen" abgelehnt habe.

Auch die Politik hat nach Meinung von Masopust dazu beigetragen. Bekanntlich hatten sich führende CSU-Politiker, darunter Markus Söder, gegen den Standort Nürnberg-Altenfurt ausgesprochen: "Weil der Eingriff in die Natur zu groß und die Lage zu nah an der Bevölkerung sei", wie der BR berichtete. Daraufhin machte die Bahn einen Rückzieher, übrig blieben nur noch Harrlach sowie zwei Flächen bei Feucht.

Von Söder erwartet Masopust nun, dass er wieder Einfluss auf die Bahn nimmt, um das Rad zurückzudrehen und den Suchprozess neu zu starten. "Und zwar in ganz Süddeutschland", wie sie fordert. Im Laufe des Verfahrens seien viele Standorte im Gespräch gewesen, und viele herausgefallen. Aber nie seien die Gründe wirklich transparent geworden.

Eine Sprecherin der Bahn erklärte auf Anfrage dazu: "Die Standortsuche haben wir vor rund einem Jahr gestartet. Von rund 70 Standorten ausgehend haben wir mit fortschreitender Untersuchungstiefe auf drei mögliche Standorte verfeinert." Dabei sei es darum gegangen, welche Standorte für die Realisierung eines ICE-Werks überhaupt in Frage kämen. Erst im Zuge des Raumordnungsverfahrens komme der Kriterienkatalog überhaupt zum Tragen. "Dabei werden sämtliche Unterlagen veröffentlicht und die Öffentlichkeit kann sich mit Stellungnahmen an die Regierung wenden."

"Dann ist es aber zu spät", kritisiert Masopust. "Das muss jetzt veröffentlicht werden. Wir haben einfach kein Vertrauen mehr in die Informationspolitik der Bahn."

Bahn will 400 Millionen Euro investieren

In das neue ICE-Werk will die Bahn rund 400 Millionen Euro investieren. Mittelpunkt des Werks ist eine 450 Meter lange Wartungshalle. Auf sechs Gleisen können dort pro Tag bis zu 25 ICE-Züge fit gemacht werden. Angesichts der Ausmaße befürchtet die Bürgerinitiative einen immensen Wasserverbrauch in dem Trinkwassergebiet. "Das ist nur ein Beispiel für die Intransparenz", stellt Verena Masopust fest. "Im Juni haben wir nach dem Wasserverbrauch gefragt und bisher nur die Antwort erhalten: Die Mengen werden derzeit ermittelt." Die Initiative hat eigene Berechnungen angestellt und geht von täglich 600000 Litern Wasserverbrauch für das ICE-Instandhaltungswerk aus.

Den 33 Punkte umfassenden Kriterienkatalog hat die Initiative ebenfalls selbst beantwortet und ist zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen: Das Areal zwischen Bahnlinie und Harrlach hält sie für ungeeignet. So sei das gesamte Harrlacher Gelände als Natura-2000-Gebiet und als Bannwald geschützt. Die Distanz zum nächsten Wohnhaus betrage weniger als 200 Meter, um nur einige Punkte zu nennen. Nicht zuletzt wäre die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger durch Licht- und Lärmemissionen Tag und Nacht beeinträchtigt - etwa durch notwendige Huptests.

Diese Tests finden nach Angaben der Bahn im Freien statt. Verena Masopust befürchtet, dass es den Harrlachern wie den Nachbarn des ICE-Werks in Köln-Nippes gehen könnte. Dort schreckten die Anwohner laut Medienberichten wegen lauten Hupens regelmäßig aus dem Schlaf. "Die Situation in Köln-Nippes ist eine ganz andere als die für das neue Werk im Raum Nürnberg. Das Werk in Köln wurde auf einem ehemaligen Güterbahnhof gebaut. Die Wohnbebauung ist dort nachträglich an den Güterbahnhof herangerückt", erklärt hingegen die Bahnsprecherin. "Das wird bei dem neuen ICE-Werk im Raum Nürnberg definitiv anders sein. Hier gelten die strengen Grenzwerte beziehungsweise Richtwerte für Wohnbebauung und es müssen bei Bedarf Schallschutz-Maßnahmen umgesetzt werden. Dabei braucht sich niemand auf das Wort der DB zu verlassen - sondern darauf gibt es einen gesetzlichen Anspruch, entsprechende Maßnahmen würden daher in den Planfeststellungsunterlagen ausgewiesen werden und müssten dann verbindlich errichtet werden", so die Sprecherin.

Protestierende Anwohner wollen hartnäckig bleiben

Die Bürgerinitiative will jedenfalls hartnäckig bleiben. "Wenn so ein riesiges Werk in so einen kleinen Ort mit 145 Einwohnern gestellt wird, ist der Ort tot", befürchtet Masopust. "Wir werden nicht klein beigeben und alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, damit wir weiter dort leben können."

An diesem Mittwoch, 6. Oktober, findet ein öffentliches Treffen der Harrlacher mit Bahnverantwortlichen statt. Los geht es um 19 Uhr auf dem Bolzplatz des Dorfes. "Und dann werden wir all unsere Fragen stellen", kündigt Masopust an.

HK

Monika Meyer