Regensburg

Bündnis will Betonklotz retten

In Regensburg regt sich Widerstand gegen den Abriss eines Hochhauses im Bauhaus-Stil

15.02.2019 | Stand 02.12.2020, 14:38 Uhr
Christian Eckl
In unmittelbarer Nähe des Regensburger Bahnhofs steht das Wirsing-Hochhaus. Die Stadt will es nun abreißen. −Foto: Eckl

Regensburg (DK) Ein Bürgerentscheid hat den Bau einer Stadthalle auf dem Regensburger Kepler-Areal verhindert. Doch die Stadt will ein markantes Hochhaus an der Stelle trotzdem abreißen. Dagegen gibt es Widerstand.

Geisterhaft steht der Betonklotz da, die Tauben haben darin längst ihr Revier eingerichtet. Dort, wo einst die Evangelische Kirche ein Studentenwerk betrieben hat, setzt der Verfall ein. Dabei steht das sogenannte Wirsing-Hochhaus, so bezeichnet nach dem Architekten Werner Wirsing (1919 bis 2017), an einem prägenden Platz in Regensburg: Am Eingang zur Altstadt, zwischen Hauptbahnhof und Maximilianstraße, ragt der Beton-Riegel wie eine Mahnung empor. Die Stadt will das Gebäude so bald wie möglich abreißen, doch dagegen regt sich Widerstand.

Das "Bündnis Zukunft Kepler-Areal" macht jetzt ernst. Wie der Verwaltungsrechtler Thomas Troidl dem DONAUKURIER bestätigt, will das Bündnis den Abriss des Hochhauses juristisch verhindern. Eine Klage wurde in der vergangenen Woche vor dem Verwaltungsgericht Regensburg eingereicht sowie ein Antrag auf Einstweilige Verfügung, der die Bagger stoppen soll. Die Stadt Regensburg hatte bereits Rodungs-Maßnahmen angekündigt, um den Abriss vorzubereiten.

Wer etwas über die Architektur und die Geschichte des Areals erfahren will, der spricht mit dem Kunsthistoriker Professor Achim Hubel. Der hatte sich im Herbst 2018 vehement gegen eine Stadthalle an dem Standort eingesetzt. Die Regensburger stimmten ebenfalls mehrheitlich gegen eine Stadthalle auf dem Areal. "Ich bin hin- und hergerissen", sagt Hubel. Er habe sich mit der Architektur von Werner Wirsing lange auseinandergesetzt. Der Kunsthistoriker hat sogar einen Prüfantrag beim Landesamt für Denkmalpflege gestellt, ob das Gebäude nicht unter Denkmalschutz gestellt werden könnte. "Es wäre nicht der erste Wirsing-Bau", sagt Hubel.

Die markantesten Werke des Architekten sind etwa das Frauendorf auf dem Olympia-Gelände in München, und auch die Wohnsiedlung Maßmannplatz in München, die Wirsing noch als Student errichtete, steht unter Denkmalschutz. "Man teilte mir aber damals mit, dass die Voraussetzungen nicht gegeben sind", sagt Hubel. Heute schwankt der emeritierte Denkmalpflege-Professor - "als das Hochhaus 1969 gebaut wurde, war es eine absolute Bausünde", sagt Hubel. Man hat die Beton-Konstruktion im wahrsten Sinne des Wortes auf Leichen gestellt. Denn dort begruben die evangelischen Bürger der einstigen Reichsstadt Regensburg ihre Toten vor den Mauern der Stadt. Und zwar in einem "Memorial-Park", der im 19. Jahrhundert vor allem modern war: Die Gebeine sollten der Natur zurückgegeben werden. Bis heute stehen auf dem Areal noch viele wertvolle Bäume. Auch um deren Verbleib geht es.

Die Stadt will das Hochhaus aber abreißen, weil dorthin übergangsweise der zentrale Busbahnhof verlegt werden soll. Auch eine Stadtbahn soll in einigen Jahren dorthin führen. Doch Hubel findet, dass die Idee noch unausgegoren ist: "Man muss doch erst einmal einen Plan haben, wie das verkehrsmäßig aussehen soll, bevor man Fakten schafft."

Das Gebäude indes wirft die Frage auf, wie wir mit unserer eigenen Bau-Vergangenheit umgehen. Das Hochhaus selbst ist laut Hubel eine Fortsetzung der gerade heute wieder aktuellen Bauschule des "Bauhauses", das derzeit seinen 100. Geburtstag feiert. Wirsing hatte das Hochhaus in der Skelett-Bauweise wie ein Bauhaus-Gebäude errichtet. Außenherum entstanden vor allem in den 1970er-Jahren weitere Gebäude, die wiederum sind dem Baustil des "Brutalismus" zuzuordnen. Der Sichtbeton ist heutzutage eher verpönt, die Klarheit der Architektur wirkt für viele Menschen eher abstoßend.

Hubel indes plädiert dafür, die umstehenden Gebäude abzureißen, aber das Wirsing-Hochhaus zunächst stehenzulassen. Sein Argument: "Der Abriss ist sehr teuer, denn das müssen Spezialfirmen machen." Im Hochhaus ist Asbest verbaut. Solange man es nicht anrührt, schadet es nicht.

Auch eine neue Fassaden-Gestaltung würde das Hochhaus aufwerten: "Die Farben sind heute verblasst, das war mal ganz anders", bedauert Hubel. Sicher ist: Die Klage dürfte nun aufschiebende Wirkung haben. Ob jemals wieder Leben einkehren wird in das einst visionäre Hochhaus, steht in den Sternen. Für viele Regensburger bleibt es ein Schandfleck statt ein visionäres Bürgerhaus.

Christian Eckl