Botschaft mit Beigeschmack

Bergheimer Bürgermeister schreibt über Covid-Erkrankung und polarisiert

Landesanwaltschaft prüft den Fall

27.12.2021 | Stand 31.12.2021, 3:35 Uhr
Das Schreiben: In Bergheim und darüber hinaus gibt es Kritik an einem Schreiben des Bürgermeisters. −Foto: Janda/Müller-Toùssa

Diese Weihnachtsgrüße haben das kleine Bergheim bundesweit bekannt gemacht. Der Weihnachtsgruß von Bürgermeister Tobias Gensberger in der Heiligabend-Ausgabe des Gemeindeblatts polarisiert. Denn: Die Zeilen des Rathauschefs lassen sich durchaus als Aufruf verstehen, sich nicht gegen das Corona-Virus impfen zu lassen.

Was genau sich der Bürgermeister der knapp 2000 Einwohner großen Gemeinde zwischen den Städten Neuburg und Ingolstadt beim Verfassen gedacht hat, lässt sich vorerst nicht klären. Gensberger war für unsere Zeitung am Montag nicht zu sprechen und auch schriftlich nicht erreichbar. Dass er über die Weihnachtsfeiertage viel Resonanz auf seine Zeilen an die Bürger bekommen haben dürfte, steht aber außer Frage. Immerhin hat das Schreiben dem 36-Jährigen im Internet weit über die Region hinaus Beachtung beschert - dank mehrerer Hundert Nutzer, die den Beitrag online stellten und teilten.

Am Sinn und Unsinn seiner Ausführungen scheiden sich jedoch die Geister, wie die Reaktionen zeigen. Von "hanebüchenem Schwachsinn" bis zu "Bergheim kann stolz auf seinen Bürgermeister sein" ist die Rede, von "Was für ein toller Mensch" bis zu "Ich bin tief erschüttert, dass eine Amtsperson derartige Unwahrheiten in einem offiziellen Blatt veröffentlichen darf".

Stein des Anstoßes sind vor allem Gensbergers Schilderung seiner eigenen Covid-Erkrankung vor einigen Wochen. "Für mich persönlich war es ein Glück, ungeimpft zu sein. Denn ich habe Donald Trumps Wundermittel erhalten, Antikörper", schreibt er. Und: "Der Arzt sagte dazu, dieses Medikament könne nur Ungeimpften verabreicht werden, bei Geimpften vertrage es sich nicht." Gleichzeitig betont er in dem Schreiben, das nicht nur an alle Bergheimer Haushalte ging, sondern auch auf der Internetseite der Gemeinde zu finden ist, zum Nachdenken anregen zu wollen - auch über die Übertragungswege des Virus.

Vielen Medizinern sind diese Zeilen in den vergangenen Tagen sauer aufgestoßen. Shahram Tabrizi, Chefarzt in Schrobenhausen und zugleich Gesundheitsreferent des Kreistags, spricht von "absurden" Behauptungen. "Geimpfte Menschen bauen eigene Antikörper auf", erklärt der Fachmann. Sprich: Diese brauchen bei einer Covid-Erkrankung keine synthetisch erzeugten Antikörper. Eine Ausnahme sind seinen Worten zufolge Personen mit einer Immunschwäche oder einer Vorerkrankung. Gensbergers Einlassung, Menschen mit Corona-Impfung dürften keine Antikörper bekommen, bezeichnet er daher schlichtweg als falsch. Die beiden Kliniken im Landkreis wollen sich in den nächsten Tagen ebenfalls zu dem Thema äußern.

Der medizinische Aspekt im Schreiben des Bürgermeisters, der für die die Gruppierung "Die Unabhängigen" auch im Kreistag von Neuburg-Schrobenhausen sitzt, ist die eine Seite. Eine ganz andere ist die rechtliche Einordnung. Denn der Fall Gensberger beschäftigt nun auch die bayerische Landesanwaltschaft. Nach einer Prüfung der Veröffentlichung im Bergheimer Gemeindeblatt hat das Landratsamt die Justizbehörde eingeschaltet. "Denn dazu sind wir in diesem Fall verpflichtet", erklärt Landrat Peter von der Grün (FW), der sich enttäuscht über die Ausführungen des Bürgermeisters zeigt. "Ich hätte mir schon gewünscht, dass die Kommunalpolitik die staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen mitträgt." Gensbergers Haltung bezeichnet der Kreischef hingegen als "sehr bedauerlich".

Ausschlaggebend für das Einschalten der Landesanwaltschaft ist jedoch nicht der Inhalt des Schreibens, sondern die Form der Veröffentlichung. "Es ist unklar, ob dieses zweifelhafte Verhalten durch das Wahlamt abgedeckt ist", erklärt von der Grün. Immerhin handelt es sich beim Medium, das Gensberger für die Veröffentlichung genutzt hatte, um ein amtliches Mitteilungsblatt. "Das muss nun geprüft werden", sagt der Landrat, der das Verfahren abwarten will.

Enttäuscht reagieren unterdessen auch viele andere Politiker und Bürger. Im Landratsamt haben sich zahlreiche Anrufer, auch aktuelle und ehemalige Kreisräte, gemeldet und sich von Gensberger distanzieren. Und auch unter den politischen Akteuren bleibt der Fall Diskussionsthema. "Damit hat er eine Grenze überschritten", sagt Gensbergers Amtskollege Stefan Kumpf aus Karlskron. Er gibt offen zu, die offene Art des Bergheimers zu schätzen. "Als Bürgermeister muss man aber um die Macht seiner Worte wissen", so Kumpf, der allerdings von keiner Absicht Gensbergers ausgehen will. "Ich glaube, er wollte etwas ganz anderes aussagen." Als "schwieriges Thema" sieht auch der Königsmooser Bürgermeister Heinrich Seißler die ganze Geschichte. "Ich bin der Meinung, dass wir nur durch Impfungen irgendwann zurück zur Normalität kommen", findet er. Für derartige Äußerungen das Gemeindeblatt zu verwenden, sieht er aber als falschen Weg. "Denn das ist für eine persönliche Meinung nicht gedacht", so Seißler, der in Gensbergers Einlassungen "ein falsches Signal" sieht.

Was genau nun die Intention der Weihnachtsbotschaft an die Bürger war, wird allerdings nur einer klären können. Doch Tobias Gensberger hüllte sich am Montag in Schweigen und war selbst für Politikkollegen nicht zu sprechen.

DK