Ingolstadt

Begehrtes Dreigespann im Westen der Stadt

Dünzlau, Mühlhausen und Pettenhofen waren einst beschauliche Dörfer - jetzt sind sie geschätzte Wohngegend

30.04.2022 | Stand 05.05.2022, 3:34 Uhr
Stolz zeigt Martin Liebold die neugestaltete Ortsmitte von Mühlhausen und die Bürgermeistermedaille des Ortes mit dem Konterfei von König Ludwig III. Sie stammt aus der Zeit, als Mühlhausen noch selbstständige Kommune war. −Foto: Brandl

Dünzlau / Mühlhausen / Pettenhofen - Blickt man von Ingolstadt aus Richtung Westen, sehen manche Ingolstädter zunächst Gerolfing, das traditionell für den gutbürgerlichen Westen in der Schanz steht, vor ihrem geistigen Auge.

Schauen sie weiter, kommt ihnen wahrscheinlich als nächstes die große Kreisstadt Neuburg an der Donau in den Sinn. Zwischen beiden Städten liegen nicht nur Irgertsheim, sondern davor die Unterbezirke Dünzlau, Mühlhausen und Pettenhofen, die sich wie ein Dreigespann auf der Landkarte aufreihen und allesamt zum westlichen Stadtbezirk gehören.

Was sie außerdem miteinander verbindet, ist der Zuwachs an Einwohnern, die sich hier den Traum vom Eigenheim erfüllt haben. So zählen Pettenhofen und Mühlhausen zu den Ortschaften mit dem höchsten prozentualen Einwohnerzuwachs seit 2010. Beide haben um etwas über 24 Prozent zugelegt, geht aus der städtischen Statistik hervor. Das war auch so geplant, denn mit der Gebietsreform von 1972 ging auch das Vorhaben einher, Platz für die wachsende Bevölkerung zu schaffen. Nichtsdestotrotz überwiegt im Westen nach wie vor die ländliche Struktur, was im Anteil der Siedlungsfläche deutlich wird. Sie liegt in allen drei Orten deutlich unter zehn Prozent, wie der Flächennutzungsstatistik zu entnehmen ist.

MÜHLHAUSEN

Vom "kleinen Westen" soll auch die Rede sein, kommt das Gespräch einmal auf Mühlhausen und seine Nachbarorte. Nicht jeder hört das gerne, wie ein Besuch zeigt. "Das tut manchmal weh. Wir sind Ingolstädter", heißt es dazu etwa aus Mühlhausen von einer Bürgerin, die hier nicht namentlich genannt sein möchte. Die Eingemeindung - 1972 vollzogen - sei sinnvoll gewesen, sagt sie. Und auch die Stadtbusverbindung sei für sie bequem.

Martin Liebold schätzt in Mühlhausen die Nachbarschaftshilfe. "Alle halten zusammen", sagt er. Da lasse sich über eine WhatsApp-Gruppe selbst das Heckenschneiden organisieren. "Manche neue Mühlhausener haben sich gut eingelebt, manche wollen das vielleicht gar nicht", ergänzt er diplomatisch. Der Handwerksmeister und Ortschronist, der lange in der Freiwilligen Feuerwehr (FF) als Kommandant aktiv war, und Mesner und Pfarrgemeinderatsmitglied ist, hat einen guten Überblick über den Ort. Er weiß also buchstäblich, wo es brennt, womit das Thema wieder bei der FF ist. Seit deren Auflösung 2015 habe das Vereinsleben gelitten, räumt er ein. "Auch die Friedhofsmauer und die Treppe zur Kirche sind nach wie vor ein großes Thema", sagt er. Beide müssten renoviert werden, aber es sei nicht geklärt, wer zuständig sei und wer bezahle. Manches lässt sich auch über eine WhatsApp-Gruppe nicht regeln. Dafür kann er verkünden, dass die neue Ortsmitte nach einer "dezenten Neugestaltung weitgehend fertig" sei. Hier ziert jetzt ein farbiges Mosaik in Form eines großen Schneckenhauses das Pflaster vor dem alten Feuerwehrhaus - ein Symbol für den Ort und seine Bewohner, so der Handwerksmeister, der vor fünf Jahren eine Chronik über Mühlhausen veröffentlicht hat.

Stolz ist Liebold darauf, dass Mühlhausen zu den Pionieren beim Ramadama zählt, wie er sagt. Das gemeinschaftliche Aufräumen in der freien Natur gehöre hier seit den 1980er-Jahren zur Tradition. Über die saubere Umgebung dürften sich auch die Rinder freuen, die seit geraumer Zeit auf einer Weide im Moosgraben leben. "Eine Ausgleichsfläche für die Landesgartenschau", weiß Liebold.

DÜNZLAU

In Dünzlau ist der geplante dreispurige Ausbau der Staatsstraße nach wie vor ein großes Thema, wie Ortssprecher Richard Kerschenlohr sagt. "Wir befürchten mehr Verkehr", ergänzt er und verweist darauf, dass schon jetzt wieder mehr Lkw durch den Ort fahren, als noch vor ungefähr zehn Jahren. Damals mussten Brummis über 7,5 Tonnen ausweichen. Er hoffe nun, dass der Forderungskatalog, der bei der Bürgerversammlung 2020 vorgestellt wurde, entsprechend Berücksichtigung findet. Auch Dünzlau kann durch das Baugebiet im Westen gut 250 Neubürger verzeichnen. Feste wie das Maibaumfest, das wegen Corona zweimal abgesagt werden musste, seien deshalb ein geeigneter Anlass, zusammenzukommen. Das funktioniert laut Kerschenlohr auch gut. Deshalb ist er froh, dass das gemeinsame Maibaumaufstellen heuer wieder stattfinden kann. "Da kommen oft bis 120 Leute zusammen, und auch die Neubürger bringen sich mit ein", weiß er.

Eine eigene Wirtschaft hat Dünzlau seit über 30 Jahren nicht mehr. Deshalb sei das Feuerwehr- und Schützenhaus, das seit 1984 besteht, ein wesentlicher Treffpunkt im Ort, an dem man sich nach Feierabend auf eine Halbe Bier in der Wirtsstube zusammensetzen kann. Kerschenlohr würde sich allerdings wünschen, dass mehr Leute davon Gebrauch machten. "Ich fühle mich als Dünzlauer-Ingolstädter", sagt er ganz diplomatisch auf die Frage, wie es um das Zugehörigkeitsgefühl zu Ingolstadt stehe. Von den Dünzlauern glaubt er, dass sie zu 99 Prozent zufrieden seien. Zwar gibt es vor Ort keinen Supermarkt, der nächste in Gerolfing ist aber nicht allzu weit entfernt - ein Glücksfall, wie Kerschenlohr betont. Denn auch der Kolonialwarenladen Ostermaier in Dünzlau ist längst Vergangenheit. Kerschenlohr, der vor fast 50 Jahren aus Unterhaunstadt hierher gezogen ist, kann sich noch daran erinnern: "Da gab es nicht nur alle wichtigen Lebensmittel und eine Poststelle, sondern auch eines der ersten Telefone am Ort", erzählt er.

Stolz sei er auf den Anbau ans Schützenheim, den der Verein 2016 in Eigenleistung und mit finanziellen Zuschüssen von der Stadt und vom Bayerischen Schützenverband realisiert habe. Die Sportschießanlage habe 250.000 Euro gekostet und umfasse zehn Stände inklusive Umkleidekabinen für Gäste. Ganz offenbar ist auch sie für Kerschenlohr ein Beleg dafür, dass es mit dem Zusammenhalt am Ort rund läuft - zu fast 100 Prozent eben.

PETTENHOFEN

Nicht abgehängt von Ingolstadt fühlt sich Wolfgang Appel aus Pettenhofen. "Hier gibt es ein ziemlich großes Zugehörigkeitsgefühl, wenn auch der Fokus auf Pettenhofen liegt. Aber wir sehen uns als Ortsteil", sagt er. Was er damit meint? Der Ort habe sich seinen dörflichen Charakter trotz des starken Zuzuges bewahrt. "Jeder hat hier praktisch sein Haus, die alten Höfe stehen noch. Das ist zum Beispiel in Gerolfing, wo alte Gebäude abgerissen und dafür Sechsspänner gebaut werden, anders", sagt er. In Pettenhofen gibt es auch noch eine Wirtschaft - das Gasthaus Wanger, das vor gut 20 Jahren sogar neu errichtet worden sei, wie Appel erzählt. Hier hielten Vereine und Familien ihre Feiern ab, und beim Spazierengehen könne man mit etwas Glück Rotwild beobachten. Außerdem habe Pettenhofen noch zwei Landwirte, wenn auch keine Viehhaltung mehr. Mehr Dorf geht heutzutage vor den Toren einer Großstadt kaum noch, möchte man meinen. Dabei überragt Pettenhofen die Boomtown in einem Aspekt sogar, liegt hier doch mit 411 Metern der höchste geografische Punkt Ingolstadts, wie Appel weiß. Auf der Anhöhe am südwestlichen Ortsrand steht die alte Wehrkirche, die um 1185 eingeweiht wurde und den Einwohnern etwa schon im Schwedenkrieg Schutz bot. Appel weiß das alles so genau, weil er neben seinem Hauptberuf die Ortschronik von Pettenhofen verfasst hat, an deren zweiten Teil er derzeit arbeitet.

Stolz sei man auf die gegenseitige Hilfsbereitschaft. "In Pettenhofen kennt man sich noch", betont Appel. Das gelte auch für neu Zugezogene. "Etliche sind in den Vereinen aktiv, andere sieht man nie", so Appel. Die Neubürger, von denen viele erst ab 2017 hergezogen seien, hätten es wegen Corona aber auch schwerer gehabt, weil es seitdem kaum Gelegenheit bestanden habe, sich auf Festen zu treffen. Die Freiwillige Feuerwehr (FF) ist ein weiteres Herzstück des Ortes. 2005 ist das neue Feuerwehrhaus erbaut worden. "Inzwischen bilden wir mit der FF Irgertsheim den Stützpunkt West", sagt Appel. Das Neubaugebiet sei außerdem "technisch aufgerüstet" worden: Es wurden Glasfaser sowie eine Gasversorgung verlegt.

DK