Auf Romantik-Entzug

Musikalisch ein Genuss, szenisch irritierend: Der neue "Freischütz" an der Bayerischen Staatsoper

14.02.2021 | Stand 23.02.2021, 3:33 Uhr
Perfider Probenschuss: Max (Pavel ?ernoch) soll Passanten in der Fußgängerzone abknallen. −Foto: Hösl

München - Opernbesuche sind zurzeit ein einsamer Kunstgenuss.

Es fehlen nicht nur die Musiker, die live und echt auf der Bühne stehen. Man vermisst irgendwie auch alles andere, was mit dem Reality-Erlebnis verbunden ist: den Applaus, die Buhs und die Bravos, ja, sogar das Gemurmel und die aufgebrachten Pssssts. Für die virtuellen Besucher der Bayerischen Staatsoper ist das allerdings alles kein Problem: Auf dem Streaming-Portal staatsoper. tv ist all das zu finden, was sonst so dringlich fehlt, sogar das Handyklingeln und die Huster - auf Knopfdruck in der Leiste unter dem Videofeld.

Und das Portal bietet sogar noch mehr: eine Watchparty, in der sich am Samstag bei der Premiere von Carl Maria von Webers frühromantischer Oper "Der Freischütz" rund 700 kommunikationsfreudige Opernfans versammelten und munter Kommentare über das Geschehen auf dem Bildschirm austauschten. Das ist fast schon besser als das Live-Ereignis im Saal und so unterhaltsam wie das verstohlene Tuscheln mit dem Tischnachbarn im Klassenzimmer.

Nun ja, bei aller Freude darüber, wieder ein neues Opern-Event genießen zu können: Richtige Begeisterung über die Produktion stellte sich nur bei wenigen ein. Besonders die Inszenierung fand viele kritische Worte.

Kein Wunder: Der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov filetierte sorgfältig alle Bezüge zur Romantik aus dem Libretto heraus (was eigentlich schon fast undenkbar ist) und ersetzte allen dämonischen Waldpathos durch messerscharfe Rationalität. Der im Original reichlich verschrobenen Story voller logischer Ungereimtheiten bekommt das nicht einmal so schlecht. Der "Freischütz" als Psychothriller wirkt nun teilweise durchaus stringent, wenn auch eine ziemlich andere Geschichte erzählt wird. Tcherniakov, der bereits im Vorfeld erklärte, dass er nicht an übersinnliche Mächte glaube, erzählt die Geschichte in der Gegenwart in der Welt der Schönen und Reichen - im schnieken Konferenzraum eines großen Konzerns umgeben von kalten Hochhäusern. Unternehmenschef Kuno hat sich ein perfides Spielchen mit Max, seinem ungeliebten Schwiegersohn in spe, ausgedacht: Der Probeschuss, den jeder neue Erbförster absolvieren muss, ist beim russischen Regisseur ein Schuss auf beliebige Personen in der Fußgängerzone aus dem Hochhausfenster heraus. Max aber kann auf nichts Lebendes schießen, bei aller Liebe zu Agathe. Was er nicht weiß: Der Probeschuss ist bloß fingiert, ein Täuschungsmanöver. Die berühmte Waldschlucht-Szene, in der Weber ein Feuerwerk dämonischer Klänge abfeuert, findet bei Tcherniakov im gleichen Konferenzzimmer statt: der schizophrene Freund Kaspar spielt den höllischen Samuel gleich mit, als wohne er als zweiter irrer Charakter in seinem Kopf. Max, der gefesselt am Boden liegt, muss Scheinhinrichtungen über sich ergehen lassen, bis er völlig traumatisiert in der nächsten Szene versehentlich auf Agathe schießt. Anders als im Original-Libretto steht die Verlobte hier allerdings nicht wieder auf - sie bleibt tot, und die Oper endet als wirklich erschütternde Tragödie.

Einen zündenden Krimi hat Tcherniakov zweifellos aus der romantischen Oper herausgearbeitet, die nun nicht im Wald, sondern im Großstadtdschungel und in der Hochhäuserschlucht spielt.

Der ziemlich rationale Ansatz gegen die Intentionen des Komponisten gelingt auch deshalb akzeptabel, weil die Darsteller so hinreißend agieren. Am meisten Lob gebührt der südafrikanischen Sopranistin Golda Schulz, die mit weichen, tief empfundenen Kantilenen und mit viel Wärme ihre Partie ausleuchtet. Ihr zur Seite steht Ännchen als voll emanzipiertes Frauenzimmer, dargestellt von Anna Prohaska. Wunderbare Bässe gibt es gleich mehrfach in der insgesamt sängerisch vorzüglichen Produktion. Am meisten Eindruck macht dabei Tareq Nazmi als partyeleganter Eremit, aber auch Kyle Keteisen als Kaspar/Samuel spielt und singt brillant. Pavel ? ernoch zeigt eindrucksvoll, wie Max stets am Rande der völligen Verzweiflung steht und allmählich in den Wahnsinn getrieben wird. Antonello Manacorda dirigiert das Bayerische Staatsorchester durchsichtig, fast klassisch und messerscharf leuchtend: Weber auch musikalisch auf Romantik-Entzug.

DK


ZUM STÜCK
Theater:
Bayerische Staatsoper
Inszenierung und Bühne:
Dmitri Tcherniakov
Musikalische Leitung:
Antonello Manacorda
Dauer:
2 Stunden 15 Minuten
Zugang:
Ab Montag, 19 Uhr, für 30 Tage auf staatsoper. tv, kostenlos

Jesko Schulze-Reimpell