Dietfurt

Altmühltal statt Alpen

Naturpark-Rangerin Lucia Gruber erklärt die ungewöhnliche Vegetation auf Magerrasen

23.08.2019 | Stand 02.12.2020, 13:13 Uhr
Immer wieder faszinierend ist der Blick von den Jurahöhen hinab ins Altmühltal. Naturpark-Rangerin Lucia Gruber liebt die spezielle Flora und Fauna in der Region. −Foto: Hradetzky

Wanderungen müssen nicht immer durch das Hochgebirge führen. Die DK-Mitarbeiterin Katrin Hradetzky wechselt für die Serie "Ich war noch nie..." von den Alpen ins Altmühltal und entdeckt mit der Naturpark-Rangerin Lucia Gruber Kleinode rund um Dietfurt.

Dietfurt (DK) Wenn man mit ihr unterwegs ist, darf man sich vor den schwarzen Minihäufchen, den überall verstreuten Hinterlassenschaften der Schafe nicht ekeln. So sehr kann man gar nicht aufpassen, dass man nicht doch einmal in einen Schafbollen steigt. Naturpark-Rangerin Lucia Gruber, die seit dem 1. April ihr Amt ausübt, zeigt Interessierten die Schönheit vor der eigenen Haustüre. Bei einer geführten Tour streifen wir durch Wälder, Wiesen und scheinbar unberührte Natur. Muss man denn immer gleich in die Alpen zum Wandern fahren oder geht das nicht auch bei uns zu Hause im Altmühltal? Das frage ich mich und starte den Selbstversuch.

"Hier findest du eine der Besonderheiten des Altmühltals - einen Magerrasen, dieser ist sogar auf einer Hochfläche, was selten vorkommt", erklärt mir die gebürtige Niederbayerin aus Rohr, während wir ab der Ortschaft Zell in Richtung Roßkopfsteig wandern. Lucia Gruber kennt sich aus. Sie hat neben Forstwissenschaft und Ressourcenmanagement in München noch ein europäisches Masterstudium der Agrarökologie absolviert.

Wir schlendern langsam über den weichen Boden der Hochebene. Die Luft am Vormittag unserer Wanderung ist schwül, in der Nacht hat es geregnet und von überall her duftet es nach besonderen Pflanzen, die nur hier wachsen. Die vorherrschenden Mikroklimata halten nur bestimmte Pflanzen aus - sie finden hier ihre ökologische Nische. "Auf den Magerrasen, die zu den artenreichsten Lebensräumen in der Region zählen, ist es sehr trocken, weil der Regen im durchlässigen Karstuntergrund, ein Überbleibsel des ehemaligen Jurameers, schnell versickert", erläutert mir die Expertin.

Ich lasse mich vom Anblick des purpurfarbenen Heidekrauts vor dem Hintergrund rotstämmiger Kiefern bezaubern. Wir finden Kartäusernelken und würzig duftenden Thymian. Irgendwie habe ich das Gefühl, mich in südlicheren Gefilden zu befinden. Hier wird Schafbeweidung betrieben, damit die wertvollen Magerrasenflächen nicht wieder verbu-schen und diese ökologische Besonderheit aufrechterhalten werden kann. Auch Maßnahmen seitens der Landschaftspflegeverbände, wie das Zurückschneiden der Berberitze, helfen, die wertvollen Gebiete zu erhalten. "Denn Schafe verbeißen die Berberitze nicht, da sie Dornen hat, an denen sich die Tiere beim Fressen verletzen würden", weiß die 25-Jährige.

Lucia Gruber ist als Naturpark-Rangerin mit Wanderschuhen und einem Rucksack ausgerüstet, in dem sie neben einem Fernglas, einer Kamera, und einem Pflanzenbestimmungsbuch und auch Aluminiumnägel mit sich schleppt. "Falls ich mal ein lockeres Wanderschild wieder befestigen muss", sagt sie. Denn als Rangerin ist sie unter anderem dafür verantwortlich zu beobachten, was draußen in ihrem Gebiet so los ist. Sie will es nicht nur bald schon wie ihre eigene Westentasche kennen, sondern auch eine naturparknahe Informationsarbeit für die breite Öffentlichkeit vorantreiben.

In den Fokus rückt dabei immer der Umgang des Menschen mit der Natur. "Wir haben einen sanften Tourismus hier bei uns im Altmühltal. Als Gesellschaft entfernen wir uns aber immer weiter von der Natur: für Kinder beispielsweise, die früher noch Schmetterlinge fangen durften oder Schnecken sammeln, gibt es heutzutage viele Verbote," bedauert sie. Wichtig aber wäre gerade in der heutigen Zeit, das Interesse für die Natur zu wecken, über Wissensvermittlung den Nachwuchs anzuregen, sich draußen zu bewegen, um die Wälder, Wiesen und Felder neu zu entdecken.

Wir wandern weiter. In der Nähe steht eine Sitzbank zum Ausruhen und um den Blick in die Ferne zu leiten. In einem Waldstück angekommen, finden sich vielfältige Pflanzen und Bäume - fast wie im Dschungel. Kleine Ästchen knirschen unter den Füßen. Im Oktober wird eigens für Kinder ein Junior-Ranger-Programm aufgelegt, das ebenfalls die Naturpark-Ranger, von denen es im Naturpark Altmühltal seit kurzer Zeit vier gibt, betreuen. Natur- und Landschaftsschutz spielen bei deren Arbeit eine große Rolle, sich mit anderen Stellen zu vernetzen und gemeinsam zu überlegen, was draußen verbessert werden könnte, beispielsweise bei der Besucherlenkung oder der Wanderwegenutzung. Oft gerieten sich bei diesem emotionalen Thema Wanderer und Mountainbiker in der Quere. Denn nach bayerischem Gesetz dürfe man Fahrrad auf geeigneten Wegen fahren, Wanderwege zu benutzen, sei für Radfahrer also nicht verboten, weiß Gruber. Als Rangerin muss sie nicht nur die einzelnen Baum- und Pflanzenarten kennen, sondern auch mit dem Naturschutz- und Waldgesetz vertraut sein.

Immer wieder stoßen wir auf das Schild "Altmühltal-Panoramaweg". Dieser wurde vor einigen Jahren als einer der schönsten Wanderwege Deutschlands zertifiziert. Beim Roßkopfsteig angekommen, bietet sich uns ein fantastischer Blick in die Weite hinunter zum Main-Donau-Kanal und auf Altmühlmünster sowie Obereggersberg. Wir sehen Fleckvieh, das draußen weidet. Es ist schön, die Tiere direkt in der Natur zu sehen, stellen wir beide fest. Bald wird es ein Leader-Projekt "Altmühltaler Weiderind" geben, das die Rangerin mitbegleitet.

Andere Teamkollegen der neu eingesetzten Ranger sind mit der Beratung der Kommunen betraut, wenn es darum geht, innerörtliche Blühflächen zu schaffen. Das Thema Öffentlichkeitsarbeit und Social Media sei für alle Ranger von großer Bedeutung. "Hier lassen sich etwa Pflanzen oder seltene Schmetterlingsarten sehr gut erklären und präventiv können wir vielleicht sogar über dieses Medium die Besucherlenkung steuern."

Während wir weiter spazieren, werden wir von vielen Kleinigkeiten überrascht, die wir um uns herum entdecken. Lucia Gruber bemerkt auf einem sonst besonnten Felsen einen weißen Mauerpfeffer. "Auf Felsköpfen finden sich oft dem Mikroklima geschuldet auch Pflanzen, die es sonst nur in den Alpen gibt, wie zum Beispiel die Kugelblume. Sie halten große Hitze aus und kommen gut auf nährstoffarmen Böden zurecht", erklärt Lucia Gruber. Sie versteht sich als ein echtes Naturmädel und absolute Generalistin, die stets versucht, die Zusammenhänge draußen in der Natur zu begreifen. Mit Bäumen kennt sie sich sehr gut aus, sie weiß, dass die Kiefern in Zeiten des Klimawandels wohl gut mit Trockenheit leben könnten, nicht aber mit gleichzeitiger Hitze. Über die Fichte ist bekannt, dass sie unter Trockenstress leidend Pheromone ausstößt, die den Borkenkäfer anlocken. "Der Schädling lässt sich dann gerne auf Bäumen nieder, die schon geschwächt sind", erläutert Gruber.

Dass sie in ihrem Beruf die Freiheit habe, hinaus in die Natur zu gehen, zu sehen, was dort los ist und Wissen zu sammeln, macht sie glücklich und unterscheidet ihre Arbeit von einem gewöhnlichen Bürojob. Ich finde eine gelbblühende zierliche Pflanze, die ich schon einmal gesehen habe, aber nicht identifizieren konnte. Ich bücke mich zu ihr hinunter. Lucia blickt in ihr Pflanzenbestimmungsbuch "Was blüht denn da?" Ich selbst benutze meine Pflanzenbestimmungs-App. Wir kommen beide auf das gleiche Ergebnis: Leinkraut.

Lucia Grubers großer Wunsch besteht darin, ihre eigene Begeisterung für die Natur weiterzugeben: "Ich möchte gerne anderen Menschen die Tür öffnen und mit meinem Wissensschatz auch andere anstecken, sich für die Natur zu interessieren." Denn was vor unserer Haustüre wächst, sei einzigartig. Mich persönlich hat die Naturpark-Rangerin bei diesem Ausflug mit ihrer Liebe zur Natur infiziert.

Katrin Hradetzky