Friedrichshofen

Als die Kleinhäusler groß wurden

Die Friedrichshofener erinnern am Samstag an die Gründung ihres Ortes vor 180 Jahren

05.09.2012 | Stand 03.12.2020, 1:06 Uhr

Gezeichnet von der Wucht des Wandels: In den 1960er Jahren war Friedrichshofen ein beschauliches Dorf (oben). Doch der Aufstieg von Audi, der starke Zuzug und schließlich der Bau von Klinikum und Westpark ließen den Ort rasant wachsen – und veränderten sein Gesicht völlig. - Fotos: Bernhardt/Schalles

Friedrichshofen (DK) Es ist gelungen, eine alte Tradition wiederzubeleben. Der Ortsteil Friedrichshofen feiert am nächsten Samstag das 180. Jubiläum seiner Gründung „nach dem Brauch unserer Vorfahren“, wie der Heimathistoriker Gustav Bernhardt erklärt. Die Geschichte des jungen Ortes ist außergewöhnlich.

Diese Gaimersheimer, das gemeine Volk! Gemeiner noch als die ebenso neidischen Gerolfinger. Schossen aus allen Rohren auf die aufstrebende Enklave im Süden ihres Marktes. Im übertragenen Sinne zwar nur, doch wenn sie gekonnt (und gedurft) hätten, die Gaimersheimer, so hätten sie Friedrichshofen vielleicht wirklich niederkartätscht. Denn es passte ihnen gar nicht, wie sich der Ort entwickelte. Die recht triste Kolonistensiedlung, bevölkert von dubiosem Volk – arm, aus Franken oder der Pfalz und die meisten auch noch lutherisch! – drohte aufzublühen. Kleinhäusler wuchsen zu Konkurrenten. Aber nicht mit den Gaimersheimern!

Der Bürgermeister des Dorfs, ein Herr Kälb, griff 1832 zur Feder und schrieb einen gemeinen Brief an den Generalquartiermeister Friedrich August Schultheiß. Der Finanzverwalter des Schanzer Festungsbaus hatte die Kolonie für arme Zuwanderer im selben Jahr als Aktiengesellschaft gegründet. Kälb beschied dem sozial orientierten Offizier, dass er im Grunde gleich wieder heimmarschieren könne, mitsamt den Migranten, den lutherischen. „Die Qualität der Böden ist schlecht. Futtermangel wäre sicher“, behauptete das Gemeindeoberhaupt, ein überzeugtes Gscheidhaferl. „Auf die kleinen Bauerngüter würden bloß Leute kommen, die sich nicht genügend ernähren vermöchten. Es würden nur die Ortsarmen vermehrt werden.“ So weit die Gaimersheimer Sicht der Dinge. Aber nicht mit den stolzen Friedrichshofenern!

Denn sie waren alle zähe und durchhaltefähige Landwirte, die die morastige Brache zwischen Gerolfing, Ingolstadt und Gaimersheim in prosperierendes Ackerland verwandelten. Und die Siedlung des einstigen Prekariats prosperierte mit. Zügig und ungebremst (von den fortgesetzten Gemeinheiten der arg eifersüchtigen Gaimersheimer abgesehen). Das Kolonistendorf wollte gar nicht mehr aufhören zu prosperieren. Bis zur heutigen Größe mit allen unschönen Konsequenzen. Wohl selten sind Bürger der Blüte ihrer Heimat derart überdrüssig geworden.

„Die Geschichte Friedrichshofens ist wirklich sehr außergewöhnlich“, sagt Gustav Bernhardt, Heimatpfleger und Verfasser der gut 300-seitigen Friedrichshofener Ortschronik. Seine Betonung liegt klar auf: Geschichte. Denn man dürfe den heutigen Stadtteil nicht auf seine Verkehrsprobleme reduzieren. „Es ist nach wie vor eine attraktive Wohnlage!“ Die sich aus kargen Verhältnissen entwickelt hat. In seinem Vortrag für das Gründungsfest am kommenden Samstag wird Bernhardt daher dem Gedanken „Aus dem Elend zu einem modernen Stadtteil“ nachspüren. Mit der bunt-bayerischen Feier haben die Friedrichshofener eine Tradition der Ahnen wiederbelebt. „Schon im Jahr 1836 feierten sie ein Dorffest und ab 1838 ein Ludwigsfest zu Ehren des Königs. Das waren auch Dankbarkeitsfeste“, sagt Bernhardt. „Die Siedler haben gefeiert, überlebt zu haben.“

Die Renaissance der Feste gelang im Laufe des vergangenen Jahrzehnts. Sie dienen – ebenso wie der im September 2007 eingeweihte Friedensplatz und das weitere kulturelle Wirken der Friedrichshofener Heimatpfleger – auch der Identitätsstiftung in einem Ort, der zwar unglaublich in die Breite, aber nicht wirklich zusammengewachsen ist.

Sie hat ja auch einiges zu bieten, die Historie. „Die Stadt und die anderen Orte um sie herum sind alle zwischen 780 und 1100 entstanden. Friedrichshofen ist eine moderne Neugründung – genau 180 Jahre alt. Das mögen manche erst gar nicht glauben, weil das nur selten vorgekommen ist“, sagt Bernhardt.

Andere Dörfer gelangten über eher einsilbige Erwähnungen mittelalterlicher Chronisten in die Geschichte. Die Friedrichshofener haben Quellen in Fülle, sogar Fotos. Auch die Namensgebung ist gut erforscht. Friedrich Schultheiß schlug dem König „Schulzendorf“ vor – angelehnt an Schultheiß. Aber das fand Ludwig I. blöd. Er bat den Siedlungsgründer, seinem Dorf doch besser den eigenen Vornamen zu schenken. Dann halt Friedrichshofen. Natürlich haben die Gaimersheimer wieder gemotzt. Aber das war egal.