München

Alles im Lot

Wolfgang Niedecken ist wieder in Höchstform und feiert mit BAP ein umjubeltes Comeback in München

18.07.2012 | Stand 03.12.2020, 1:16 Uhr

„Es gibt noch eine Zugabe“: Wolfgang Niedecken, Frontmann von BAP, beim umjubelten Auftritt der kölschen Band auf dem Tollwood in München. Nach seinem Schlaganfall im November steht der Musiker wie einst auf der Bühne. Ein wenig schmaler, ein wenig grauer, aber energiegeladen wie zuvor - Foto: Wackerbauer

München (DK) Eine Gefühlsachterbahn ist das vom ersten Moment an. Die Kölner Domglocken läuten die Wiederkehr von BAP ein, dann folgen anderthalb Stunden rockige und drängende Töne, dass das Publikum in der Gehrlicher Musik-Arena auf dem Tollwood außer Atem kommt.

Keine Ballade, kein Schwelgen, kein „Gelaber“. Wolfgang Niedecken, Gitarrist Helmut Krumminga, Bassist Werner Kopal, Keyborder Michael Nass und Schlagzeuger Jürgen Zöller spielen so, als wäre nie etwas geschehen. Spät singt Wolfgang Niedecken das Lied für „seinen Schutzengel“ und bedankt sich. Bei allen Fans, die Kerzen angezündet haben und für ihn gebetet haben. „Das ist echt nicht normal.“ Man spiele nun aber trotzdem nicht das naheliegende „Wenn et bedde sich lohne däät“, denn das wäre „eine Kosten-Nutzen-Rechnung“.

Wolfgang Niedecken, schmaler als zuvor, mit Hut und Jeanshemd, grauem Haar und Outlaw-Bart, ein kölscher Bob Dylan, hätte an diesem Abend wohl erst einmal alles spielen können. Lang ersehnt war das Comeback. Acht Monate ist es her, dass der Frontmann von BAP einen Schlaganfall hatte, nicht mehr sprechen und einen Arm nicht mehr bewegen konnte. Inzwischen ist der 61-Jährige wieder in Höchstform, und der Titel der Tournee – „Volles Programm“ – und der erste Song – „Alles nur halv su wild“ – mag als Motto, als Statement gelten. „Es gibt noch eine Zugabe“, hatte Niedecken in einem der ersten Interviews nach seiner Genesung dem „Spiegel“ gesagt.

Dennoch wird das Konzert – eine Mischung aus musikalischer Auferstehungsfeier und beiderseitiger Dauersympathiebekundung – kein Greatest-Hit-Abend. Sparsam gesetzt sind die großen Erfolge aus den ersten Jahren der Band, als ein paar Männer aus der Kölner Südstadt Anfang der 80er Jahre – alle Sprach- und Verständigungsgrenzen ignorierend – sich zusammenschlossen, durch die Kohl-Republik zogen, und BAP schließlich zu einer der erfolgreichsten deutschen Bands wurde.

Es ist eine Mischung aus Klassikern, Lieblingsliedern und neuem Material vom 17. Album, das die eingespielten Musiker – für den Schlagzeuger Zöller ist es eine „Silberne-Hochzeits-Tournee“ (Niedecken) – präsentiert: „Paar Daach fröher“, „Kristallnaach“, Verdamp lang her“, „Et Levve ess ein Autobahn“, „Rita, mir zwei“, „Alexander“, „Enn Dreidüüvelsname“. Gefehlt hat passend zum emotionsgeladenen Abend noch das „Alles weet juut, alles im Lot“. Stattdessen so Niedecken, gebe es die Kurzfassung des Kölschen Grundgesetzes. Eine der elf Kölschen Lebensweisheiten heißt „Et hät noch immer joot jejange“.

Ein Unbeirrbarer steht da auf der Bühne, einer, der es ernst meint, den die Fans seit 30 Jahren ernst nehmen, der mit seinen Texten und seiner Musik, aber auch mit seinen Botschaften und politischem Engagement überzeugt. Und mit jenem unaufgeregten kölschen Humor, seinen lakonischen ätzen und selbstironischen Gelassenheit, unmittelbar und nahbar ist.

Nach drei Stunden singt Wolfgang Niedecken noch eine Hommage für John Lord, den tags zuvor verstorbenen Keyborder von Deep Purple, und als x-te Zugabe schließlich „Do kanns zaubre“. Da habe er schon Männer mit Wunderkerzen gesehen, sagt er. Aber man könne nun auch die erleuchteten Handy-Displays schwenken. „So ändern sich die Zeiten.“ BAP aber bleibt BAP – und ist wieder da.