Riedenburg

Aktion gegen das Artensterben

Kommunen und Kreis Kelheim weisen gemeinsam geschützte "Eh-da"-Flächen aus - Ziel ist eine ökologische Infrastruktur

04.07.2019 | Stand 02.12.2020, 13:35 Uhr
Auch der nördliche Kreis Kelheim mit Riedenburg und Essing ist Teil des "Eh-da"-Projekts. Daran sollen auch die Landwirte beteiligt werden. −Foto: Rast (Archiv)

Kelheim/Riedenburg (rat) Wenn etwas "eh da" ist, dann ist es bekanntlich bereits vorhanden. Der Landschaftspflegeverband Kelheim VöF nutzt diesen umgangssprachlichen Begriff nun, und benennt ein weiteres Projekt danach. Im Zuge der Aktion "Der Landkreis Kelheim blüht auf" sollen nun "Eh-da"-Flächen ausgewiesen werden, die dem Naturschutz dienen. Der VöF-Geschäftsführer Klaus Blümlhuber stellte das Konzept am Montag im Kelheimer Kreisausschuss vor.

Allerdings bat der VöF (siehe eigenen Bericht) die Kreisräte um zusätzliches Geld, um die Aktionen bezahlen zu können. So steigt der Zuschuss des Landkreises an den VöF von derzeit jährlich 90000 Euro auf 123600 Euro, ein Plus von immerhin 37 Prozent. Zusätzlich gibt es eine Co-Finanzierung durch die Kommunen.

In einem Konzeptpapier, das den Kreisräten vorgelegt wurde erläuterte der VöF das neue "Eh-Da"-Konzept. Da die Vielfalt an Pflanzen und Tieren in der Agrarlandschaft ständig abnimmt, muss durch die ganze Gesellschaft gegengesteuert werden. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Der VöF, das Amt für Ländliche Entwicklung Niederbayern und die Kommunen im Landkreis Kelheim haben den Handlungsbedarf erkannt. Deshalb erfolgte ein gemeinsamer Beschluss, das "Eh-da-Flächen"-Konzept aus der Taufe zu heben. Dabei werden kommunale, bisher wirtschaftlich nicht genutzte Flächen naturschutzfachlich aufgewertet und langfristig gepflegt. Diese sogenannten "Eh-da-Flächen" können zum Beispiel Wegränder, Brachen, Ranken oder Ähnliches sein, auf denen unter anderem blütenreiche Wiesen, Hecken oder Nistareale für Wildbienen angelegt werden können.

Die Definition der "Eh-da-Flächen" in unserem Projekt lautet wie folgt: "Eh-da-Flächen" sind Offenlandflächen in Agrarlandschaften und in Siedlungsbereichen, die sowieso vorhanden sind und weder einer landwirtschaftlichen Nutzung noch einer naturschutzfachlichen Nutzung unterliegen. Durch die dauerhafte Aufwertung und Pflege der "Eh-da-Flächen" kann eine wertvolle Vernetzung von Lebensräumen durch den gesamten Landkreis Kelheim hindurch erreicht werden. Die Kommunen haben laut VöF ihren Handlungswillen durch erste wegweisende Entscheidungen bereits demonstriert. So beteiligen sich alle 24 Gemeinden im Kreis Kelheim an der flächendeckenden Ermittlung der "Eh-da-Flächen". Letztere wird in Zusammenarbeit mit den Entwicklern des Eh-da-Konzeptes aus Rheinland-Pfalz vorgenommen. Bei den drei ILE-Gemeinschaften im Landkreis (ILE Donau-Laaber, ILE Hallertauer Mitte und ILE Abensberg) fördert das Amt für Ländliche Entwicklung die Flächenermittlung mit 75 Prozent. Die restlichen Kosten in Höhe von 25 Prozent übernehmen die Gemeinden. Die fünf nördlichen Gemeinden im Kreis Kelheim, Riedenburg, Essing, Kelheim, Ihrlerstein und Painten, die keiner ILE angehören, tragen die Kosten der Ermittlung ohne Förderung. Der Auftrag zur Identifikation der Flächen wurde am 15. April vom VöF erteilt. Das Projekt soll bis Ende Juni umgesetzt sein.

Um mit der möglichst dauerhaften Aufwertung der "Eh-da-Flächen" so schnell wie möglich beginnen zu können, haben die ILE-Gemeinden ebenfalls einstimmig beschlossen, für mindestens zwei Jahre eine Umsetzungsstelle mit Sitz beim VöF zu schaffen. Die Aufgaben dieser Person umfassen die Planung der Aufwertungs- und Pflegemaßnahmen für die einzelnen Flächen, die Organisation der Umsetzung der Maßnahmen und die Erläuterung der Bedeutung dieses Projekts in der Öffentlichkeit.

Auch hier werden die Kosten für die Umsetzungsbegleitung in den ILE-Gemeinden mit 75 Prozent vom Amt für Ländliche Entwicklung gefördert. Die restlichen 25 Prozent zahlen die Gemeinden. Nach Ablauf von zwei Jahren besteht für die Gemeinden die Option, die Umsetzungsbegleitung um bis zu fünf weitere Jahre zu verlängern. Insgesamt handelt es sich um eine dauerhafte Aufgabe, die auch nach den sieben Jahren vom VöF unter der Zuhilfenahme der Förderprogramme weitergeführt wird.

Für die nördlichen Gemeinden wird die Naturpark-Rangerin bei der Flächenauswahl und Priorisierung beratend tätig sein. Die Organisation der Umsetzung der Maßnahmen erfolgt durch den VöF.

Die Finanzierung der konkreten Maßnahmen außerhalb der Siedlungsbereiche wird über die Landschaftspflege- und Naturparkrichtlinien mit 70 Prozent gefördert. Die restlichen 30 Prozent werden auf den VöF als Antragsteller (zehn Prozent) und die Gemeinden 20 Prozent) verteilt. Den Umfang der Pflegemaßnahmen und der Neuanschaffungen bestimmt jede Kommune selbst.

Parallel und in Ergänzung zum "Eh-da-Flächen"-Konzept setzt der VöF als einer von zehn ausgewählten Landschaftspflegeverbänden in Bayern, das Pilotprojekt "natürlich Bayern" gleichzeitig über einen Zeitraum von zwei Jahren um. Das Ziel des Projektes ist die Aufwertung von privaten Äckern und Wiesen durch Artenanreicherung zum Beispiel durch Mähgutübertragung sowie die Identifikation von sogenannten Spenderflächen zur Gewinnung von heimischem Saatgut. Das Projekt wird unter der Federführung des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege umgesetzt und zu 90 Prozent durch das Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz gefördert.

Für die Bevölkerung wird das "Eh-da-Flächen"-Projekt der Kommunen und das Projekt "natürlich Bayern" unter dem Namen "Der Landkreis Kelheim blüht auf" zusammengefasst. Unter diesem Slogan können auch Aktionen des Landkreises oder der einzelnen Gemeinden, die über das "Eh-da-Flächen"-Projekt hinaus entstehen, kommuniziert werden. Zudem soll die Umsetzung unter der Einbeziehung von Vereinen und Bürgern organisiert werden, indem zum Beispiel Führungen mit Schulklassen oder gemeinsame Pflanzaktionen erfolgen.

Am "Eh-da-Flächen"-Konzept einschließlich der Umsetzungsbegleitung nehmen alle Kommunen des Kreises Kelheim teil. Damit setzen sich die Gemeinden gemeinsam für den Erhalt der biologischen Vielfalt ein, mit dem Ziel, "ein grünes Netz als ökologische Infrastruktur" zu schaffen, wie der VöF-Geschäftsführer erläuterte.

Außerdem werden landwirtschaftliche Betriebe unterstützt, da der VöF nicht gegen, sondern zusammen mit den Landwirten die Maßnahmen verwirklichen will. "Die Bauern erhalten einen Ausgleich, wenn sie nicht mehr düngen", verkündete Blümlhuber. Nach Darstellung des VöF handelt es sich um ein in Bayern einzigartiges Projekt. Mit der Umsetzung all dieser Maßnahmen wird eine regionale Antwort auf das Insektensterben gegeben.