Ingolstadt

Abbiegen ins Was-wäre-wenn

Jens Rohrer schreibt skurrile Kurzgeschichten und Gedichte über Pelztiere

22.03.2018 | Stand 02.12.2020, 16:39 Uhr

Schreibt und liest gern: Der Ingolstädter Autor Jens Rohrer und sein neuer Band mit Tiergedichten. - Foto: Richter

Ingolstadt (DK) Irgendwie hat er es mit kleinen Pelztierchen. Warum, weiß er selber nicht so recht. Aber sie tauchen immer wieder in seinen Geschichten auf. Keine Hunde oder Katzen oder Kaninchen - also nicht die allseits beliebten Haustiere. Sondern Otter. Oder Schmotter - eine Kreuzung zwischen Schmetterling und Otter.

Schmotter? Wie kommt Autor Jens Rohrer auf so eine abstruse Idee? Die Erklärung liefert die gleichnamige Kurzgeschichte in seinem ersten Buch: Rohrer macht mit seiner Freundin Urlaub in der südenglischen Grafschaft Devon, als ihm auf der Fahrt nach Totnes plötzlich ein Hinweisschild ins Auge sticht: "Butterfly and Otter Farm" steht da. Warum nicht Biene und Bisam? Oder Heuschrecke und Hund? Jens Rohrer gerät ins Grübeln - und direkt ins Reich der Fantasie, wo sich fabelhaft fabulieren lässt. Das ist die Geburtsstunde des Schmotters. Ein niedliches Pelztierchen mit zarten Flügeln, die seine Überlebenschancen steigern sollen. So zumindest erklärt es der Züchter.

Ein typischer Rohrer. "Ich biege gerne von Normalsituationen ins Was-wäre-wenn ab", beschreibt der 42-jährige Ingolstädter die Art und Weise, wie er Ideen für seine Geschichten entwickelt. Ob ihn die Muse küsst? "Die Inspiration ist eine doofe Pute", meint Rohrer, der beim DONAUKURIER den Beruf Druckvorlagenhersteller erlernte und in einem Ingolstädter Betrieb arbeitet. "Ich habe gute Vorsätze, nehme mir vor, jeden Tag zu schreiben, ab 19 Uhr. Aber ich bin ein fauler Mensch, es klappt nicht. Nachts dann, wenn ich im Bett liege, rumpelt eine gute Idee nach der anderen vorbei. Die Inspiration sollte sich an die normalen Geschäftszeiten halten."

Tut sie natürlich nicht. Jens Rohrer hat dennoch einiges zu Papier gebracht: 2015 erschien im Bayerischen Poeten- und Belletristik-Verlag sein erster Band mit satirischen Kurzgeschichten "Guerillas und Schmotter". Im Oktober 2017 - gerade recht zur Weihnachtszeit - veröffentlichte er seine Tiergedichte unter dem Titel "Albert Hammonds Otter" - ein skurriles Werk mit Reinem über Klippschiefer und Dreizehenfaultier. Wer sich jetzt fragt, was sich auf diese Silben reimt, der bekommt eine Vorstellung von Rohrers Welt. Richtig schwerfiel es ihm allerdings, das Gedicht für den wirklichen Singersongwriter Albert Hammond, berühmt für Hits wie "It Never Rains in Southern California", ins Englische zu übersetzen. Da musste er sich mächtig anstrengen - der Star hat es ihm via Facebook mit einem "Daumen hoch" gedankt.

So nebenher überarbeitet Rohrer gerade seinen ersten Roman mit dem sperrigen Titel "Von der Rettung der Welt und kleinen Pelztierchen". Und ein weiterer Band mit Kurzgeschichten entsteht ebenfalls: "Der 43-Jährige, der aus der Haustür trat und einfach nur spazieren ging." Darin enthalten auch eine Episode aus dem Leben der Mary Shelley, der Autorin von "Frankenstein". "Sie fragt sich: Warum ausgerechnet Ingolstadt? Sie weiß nicht einmal, wo das überhaupt liegt", so Rohrer.

Seine Heimatstadt taucht immer wieder in Rohrers Werk auf. So auch in "Motor City", wo der Ingolstädter Pascal Gruber aus der Sandtnerstraße 16 unverhofft im Körper eines Schwarzen namens George Whitaker aus Detroit aufwacht - und umgekehrt. "Was wäre denn mit Ingolstadt, wenn es Audi schlecht ginge", fragt sich der Schanzer nach einem Spaziergang durch die verfallene US-Autostadt und vertreibt dann die grauenvolle Idee. "Das konnte doch gar nicht passieren."

In Ingolstadt übrigens trägt Rohrer längst den Spitznamen "Che Guevara der Literaturszene", der auf seine berühmt-berüchtigten Guerilla-Lesungen zurückgeht. Angefangen hat alles mit einer spontanen Aktion vor dem Schnapsregal eines Discounters, wo Rohrer aus den Werken weltbekannter Autoren und Trinker wie Ernest Hemingway oder Charles Bukowski vortrug - ganz spontan, also ohne Voranmeldung. Es folgten weitere Lesungen im Fischgeschäft ("Der alte Mann und das Meer" von Hemingway) oder im Rathaus zu Ingolstadt ("Der Blaumilchkanal" von Ephraim Kishon). Im Medizinhistorischen Museum zitierte Rohrer aus Camus' Werk "Die Pest" - vor einer ausgestellten Pestmaske. Seine Lesungen genießen mittlerweile Kultstatus.

Der umtriebige Autor tritt auch bei den Ingolstädter Literaturtagen auf, bei Poetry Slams oder auf ganz normalen Lesebühnen. So eine soll bald auch in Ingolstadt entstehen, im Kap94: Premiere ist am 5. April. Angekündigt ist ein Mix aus Literatur, Musik und Comedy. Jens Rohrer ist natürlich mit von der Partie. Er war es auch, der vor ungefähr 25 Jahren den Autorenkreis aus der Taufe hob und bis heute leitet.

Damit nicht genug: Aus einer seiner Kurzgeschichten entwickelte Rohrer einst ein Theaterstück, das er mit Schauspielern auf die Bühne brachte. "Ich probiere gern etwas Neues aus", sagt er über seine Arbeit als Regisseur. Allzu schwer sei das nicht gewesen: "Die Schauspieler hatten so viele gute Ideen - ich musste nur manchmal Ja oder Nein sagen." Das Stück mit dem Titel "Der Schlaf" schreibt er gerade wieder zu einer neuen Kurzgeschichte um - gewissermaßen eine Art literarisches Recycling.

Mit dem Schreiben begann er nach der Schulzeit, im Alter von 20 Jahren. Schon damals liebte er Bücher über alles, verschlang sie regelrecht. "Ich habe gelesen, was ich in die Finger bekam." So ist es bis heute: "Ich bin ein wunderbarer Zeitvertrödler und habe immer ein Buch dabei", erzählt Rohrer. "Ich lese sogar in der Mittagspause."

Er meint, er müsse sich beim Schreiben gar nicht so viel ausdenken. Er schnappt einfach auf, was das Leben so mitbringt. Meistens kommt Lustiges, Skurriles, Abgründiges dabei heraus. Doch der 42-Jährige will sich nicht auf seinen schrägen Humor reduzieren lassen: "Ich will endlich einmal etwas Nicht-Lustiges schreiben", erklärt Rohrer. "Sonst hat man es auf Dauer schwer, ernst genommen zu werden." Vielleicht entsteht so sein neuer Roman, an dem er schon seit zwei Jahren schreibt und der gerade einmal 16 Seiten lang ist?

Im Grunde ist es völlig in Ordnung, dass Jens Rohrer von Haus aus faul ist und lieber etwas Kurzes schreibt - etwa schnell im Regionalexpress eine Geschichte über einen Mann mit einer Hufeisenniere. Nur - was bitte ist eine Hufeisenniere?

 

Kap94 Ingolstadt, monatliche Leseabende, Premiere am Donnerstag, 5. April, um 20 Uhr. Informationen unter www.kap94.de.