Schrobenhausen

65 Jahre Kriegsende in Schrobenhausen

04.05.2010 | Stand 03.12.2020, 4:03 Uhr

Bilder wie diese – von einem Aufmarsch vor dem Schrobenhausener Rathaus – gehörten im Mai 1945 bereits ein für allemal der Vergangenheit an. - Foto: Archiv Rödig

Schrobenhausen (SZ) Freitag, der 27. April 1945, ist ein sonniger und heiterer Tag. Kurz nach elf Uhr tauchen aus Richtung Ingolstadt kommend zwei Tiefflieger über Schrobenhausen auf. Die Bürger haben sich an das Geräusch der Motoren längst gewöhnt, und doch zucken sie zusammen.

Wie schon so oft in den vergangenen Jahren heulen die Sirenen erst, als alles vorbei ist. Wenige Minuten später wischen sich die deutschen Soldaten, die sich im Hagenauer Forst verborgen halten, den Angstschweiß von der Stirn: Die Maschinen drehen ab. Eine Stunde später kehren die Flugzeuge mit Verstärkung zurück und nehmen die Hagenau 25 Minuten unter Beschuss. Viele Soldaten werden verwundet.

Tiefflieger kommen

Das Rattern der Bordkanonen der Flugzeuge ist noch nicht verklungen, da nahen erneut acht Tiefflieger. Diesmal, es hat gerade ein Uhr geschlagen, beschießen sie die Stadt selbst. Das Lager der Bäckerei Zimmermann gerät in Brand, ebenso das Haus von Viktoria Fischer in der Kaminkehrergasse, das Haus Boniberger in der Bräuhiasengasse, der Stadel von Josef Kneißl, die Anwesen von Markus Schwarzbauer in der Steingriffer Straße, von Michael Wenger in der Pöttmeser Straße, von August Gaßner beim Bahnhof, von Matthias Seitz in der Georg-Alber-Straße und von Josef Rührmair gegenüber der Gastwirtschaft Glück. Auch das Sanitätsauto, das in der Nähe des Altenheims St. Georg unter einer Birke notdürftig gegen Fliegersicht getarnt stand, wurde getroffen und brannte aus.

Rudolf Schneider, damals Lehrling im Baugeschäft Bindchen in der Unteren Vorstadt, sitzt gerade mit seinem Freund Ernst Stümpfle in der Mittagspause vor einem Schaufenster in der Bartengasse, als mehrere Jagdbomber einschwenken, und ehe er sich versieht, lässt auch schon ein Treffer die übernächste Scheibe zersplittern. Sofort rennen die beiden in die gegenüberliegende Werkstatt von Schmied Römer, gehen hinter einer Werkbank in Deckung und warten auf das Ende des Angriffs.

Auf dem Rückweg zur Arbeit gerät Schneider auf dem Stadtwall dann in einen zweiten Angriff. Diesmal sucht er hinter einem dicken Baumstamm Schutz. Getroffen wird ganz in der Nähe das Schrobenhausener "Lazarett-Pferd". Es liegt tot in einer großen Blutlache. Das Pferd hat den Wagen gezogen, mit dem Verwundete und Versorgungsgüter für das Reservelazarett Schrobenhausen transportiert wurden.

Während Hitler die letzten Tage seines Lebens im Führerbunker verbringt – er wird sich drei Tage später das Leben nehmen –, muss Schrobenhausen weitere Kriegstote beerdigen. Die 35 Jahre alte Maria Rührmair, die von dem Luftangriff in der Küche überrascht wird, stirbt ebenso wie die 61-jährige Therese Buchhart im Milchgeschäft Meier in der Bahnhofstraße. Die beiden Schreinerlehrlinge Albert Reil aus Mühlried und Wenzeslaus Dick aus Schrobenhausen werden zwischen Holzstößen bei der Schupik-Baracke, wo sie Zuflucht gesucht haben, tödlich getroffen. Als amtliche Todeszeit wird 13.30 Uhr festgehalten.

Artilleriefeuer

Am Abend liegt Artilleriefeuer über der Stadt. Wie durch ein Wunder funktioniert noch die Versorgung mit Strom und Wasser, die Züge verkehren weiter; vor dem Bräumichl werden von einem Wehrmachts-Lkw Pelzwesten verteilt. In den Abendstunden rechnet man bereits mit Panzeralarm. Aber vorerst bleibt es beim regen Verkehr deutscher Kolonnen, die vor den über die Donau vorrückenden amerikanischen Verbänden fliehen. Die Nacht auf Samstag, 28. April, wird eine lange Nacht. Ab zwei Uhr feuern zwei Fernbatterien aus nordöstlicher Richtung auf die Stadt. Der Angriff wird zwei Familien zum Verhängnis. Eine Granate, die wohl den Bahnhof treffen soll, schlägt gegen 3.45 Uhr im Siloturm des Sägewerks Prücklmair ein, eine andere durchschlägt wenig später den Dachstuhl des Hauses Greppmair in der Steingriffer Straße und zündet dann schließlich im Nachbarhaus, wo neun Menschen im Keller Schutz gesucht haben, nämlich die Eltern Großhauser mit ihren vier Kindern sowie Adelheid Schmidmair, eine entfernte Verwandte, mit ihren Kindern Gabriele und Franz. Als die Granate einschlägt, sieht Fini Großhauser einen Feuerkranz, dann stürzen auch schon die Wände ein. Einen verschütteten Buben kann sie noch aus den Trümmern ziehen.

Für die elfjährige Brigitte Großhauser, die 25-jährige Adelheid Schmidmeir, deren Mann sich in amerikanischer Gefangenschaft befindet, sowie für das fünfjährige Mädchen und den zweijährigen Buben wird der Keller des Hauses zum Grab. Von den Kindern finden sich nur noch ein paar Kleiderfetzen, die kleinen Körper waren von den Granaten völlig zerrissen worden.

Panzer kommen

Gegen vier Uhr morgens tritt Ruhe ein. Auch der Durchzug der deutschen Kolonnen hat weitgehend aufgehört. Am Vormittag dann geht das "Tausendjährige Reich" in Schrobenhausen für immer zu Ende. Von Langenmosen kommend nähern sich gegen 10.30 Uhr die ersten amerikanischen Sherman-Panzer vorsichtig dem Paartal und nehmen von der Höhe des heutigen Neuen Friedhofs das feindliche Schrobenhausen ins Visier ihrer Kanonen.

Kurz zuvor hatten sie den Gutshof Weil in Brand geschossen. Dort in Stellung gegangene SS-Soldaten hatten versucht, Widerstand zu leisten. Der Gutshof war zum Ausweichquartier für Kreisleistung, Kreisbauernschaft, Landratsamt und Stadtverwaltung bestimmt worden. Doch dazu war es nicht mehr gekommen.

Als die ersten US-Panzer die heutige Neuburger Straße bergab Richtung Bahnübergang fahren, schlägt ihnen erneut Abwehrfeuer entgegen. Ein MG-Trupp der SS, der sich hinter dem Stadel des Zinser-Bauern (Nieser) verschanzt hat, beginnt zu schießen. Die Panzer erwidern diese "Begrüßung", der Stadel geht in Flammen auf und brennt vollständig ab. Sein Besitzer, der seine Landwirtschaft damals noch in der Bartengasse hatte, kann die Rauchsäule vom Dachboden seines Anwesens aus beobachten.

Brücken in Gefahr

Unbehelligt rollen die Panzer nun vorwärts und erreichen die Altstadt. Andere US-Tanks kommen aus Richtung Steingriff, aus Drei Linden und von Mühlried. Vor ihnen liegt nun die Paar, zu deren rascher Überquerung intakte Brücken vonnöten sind. Das wissen die deutschen Verteidiger natürlich auch, und deshalb hatten sie alle Vorkehrungen getroffen, die Übergänge rechtzeitig zu sprengen. Eine militärisch völlig sinnlose Maßnahme – der Krieg war längst entschieden –, die Schrobenhausen aber schweren Schaden zufügen würde, zumal an einen Wiederaufbau nicht so schnell zu denken ist.

August Vogl, seit dem Tod Geßners als erster Beigeordneter kommissarischer Bürgermeister, hat sich einen Tag vorher, am 27. April, mit einem Schreiben an Generalleutnant Utz, den Kommandeur der zweiten Gebirgsjäger-Division, gewandt, dessen Gefechtsstand sich in Niederarnbach befand. In dem Brief heißt es: "Der Kommandeur des 2. Geb.-Pionierbtl. Hauptmann Brunner hat die Sprengung der beiden Paarbrücken in Schrobenhausen beschlossen. Die Brücken selbst sind zur Sprengung vorbereitet. Ich erlaube mir, Herrn General darauf ausdrücklich hinzuweisen, dass diese beiden Brücken für Schrobenhausen jetzt und weiterhin von lebenswichtiger, ausschlaggebender Bedeutung sind."

Auf den schriftlichen Befehl wartet Vogl vergebens. Der "Herr General" denkt gar nicht daran, den Sorgen eines kleinen Landbürgermeisters Gehör zu schenken. ? Fortsetzung folgt