Eichstätt

40 Jahre Kampf gegen die Lepra

Manfred Göbel aus Eichstätt wurde als dienstältester bayerischer Entwicklungshelfer ausgezeichnet

22.11.2018 | Stand 02.12.2020, 15:11 Uhr
Hoch ist die Zahl der Neuerkrankungen in Brasilien auch bei Kindern, dank Manfred Göbels Einsatz wurden in 40 Jahren über 100000 Menschen im Bundesstaat Mato Grosso behandelt. −Foto: Göbel

Eichstätt (EK) Es sind nur noch wenige Wochen, dann geht Manfred Göbel nach 40 Jahren Kampf gegen die Lepra in Rente, "aber nicht in den Ruhestand". Sein Engagement möchte der Eichstätter ehrenamtlich fortführen. Vor Kurzem wurde er von Staatssekretärin Maria Flachsbarth als dienstältester Entwicklungshelfer in Bayern ausgezeichnet - er ist es aber auch auf bundesweiter Ebene.

"Brasilien und die Lepra haben mich nicht interessiert", erinnert sich Manfred Göbel, "ich hatte Angst, mich anzustecken", und nach Südamerika wollte er auf gar keinen Fall. Nach seiner Krankenpflegerausbildung im Krankenhaus in Schwabing wollte er 1979 lieber für zwei Jahre nach Afrika, denn in Rebdorf, wo er die Knabenrealschule besucht hatte, war er mit Missionaren in Kontakt gekommen, die dort gearbeitet hatten.

Doch es kam alles anders: 40 Jahre lang koordinierte Göbel im Auftrag des DAHW (Deutsches Aussätzigenhilfswerk) die Lepra- und Tuberkulosearbeit im Bundesstaat Mato Grosso im Landesinneren Brasiliens. Nach anfänglichem Zögern nahm er die Stelle an und war erst einmal enttäuscht: "In München herrschten beim Abflug 30 Grad, in Brasilien sechs, dabei war es für mich das Land der Sonne gewesen." Der zweite Schock war für ihn die "brutale Armut" in Campo Grande. Man schickte ihn in eine Leprakolonie, wo die Kranken zwangsinterniert wurden und sich in ihrem Dorf weitestgehend selbst überlassen waren: "Dort lebten 500 bis 600 Kranke, viele mit schrecklichen Verstümmelungen, unter sich. Sie durften die Kolonie nicht verlassen. Kinder wurden ihnen sofort weggenommen und zur Adoption freigegeben" - Lepra kann nicht vererbt werden. Göbel, geschockt von den Zuständen, saß in seinem kahlen Zimmer und vermisste seine Freunde und sein Leben in München. "Die ersten zwei Jahre waren furchtbar."

Die nächste Station hieß Rondonópolis, willkommen war der junge Deutsche dort nicht. Für den Chefarzt, einen Offizier - Brasilien war damals noch eine Militärdiktatur - ,war Göbel mit seinen langen Haaren und seinem Bart automatisch eine Art Herumtreiber, ein Kommunist. Immer wieder habe er dort um sein Leben bangen müssen, ihm wurde mehrfach gesagt, dass man ihn "umlegen" wolle. Eine Hilfe waren für Göbel die Franziskaner, bei denen er untergebracht war, "sonst hätte ich das nicht ausgehalten".

Die Situation änderte sich erst, als die kleine Tochter des Chefarztes an Lepra erkrankte. "Seitdem hatte ich in ihm einen Verbündeten." Das hatte der Eichstätter - allerdings von Anfang an - auch in seiner Frau, die er bereits 1979 an einem Forschungszentrum für Lepra in São Paulo kennenlernte. "Sie ist Haut- und Lepraärztin und ging dann auch mit mir nach Cuiabá", wo Göbel ab 1992 ein Leprazentrum aufbaute, das später zum Referenzzentrum, zum Vorbild, wurde.

In den 80er-Jahren in Rondonópolis "gab es keine ambulante Behandlung für die Erkrankten", sagt der 64-Jährige und viele Menschen im Umfeld waren der Meinung, dass es auch so bleiben sollte. "Ich habe damals eine Morddrohung erhalten, es hat drei Jahre gedauert, bis wir bauen konnten", erinnert sich Göbel, Kranke wurden draußen behandelt. Dann entstand endlich das Zentrum mit Arztpraxis, Labor, Verbandsraum und Schusterwerkstatt "für die wunden Füße".

Nun, 40 Jahre später, habe sich viel geändert. "In den 80er-Jahren gab es keinen strukturierten Gesundheitsdienst, in den Lepra integriert war", bei rechtzeitiger Therapie ist die Krankheit heute heilbar. "Die Vorurteile haben abgenommen, sie existieren aber immer noch."

Nach etwa 15 Jahren Arbeit an der Basis koordiniert Göbel seit vielen Jahren die deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), die ihren Sitz in Würzburg hat. Für die International Federation of Anti-Leprosy Associations (ILEP; internationale Vereinigung der Anti-Lepra-Organisationen) war der 64-Jährige nationaler Koordinator in Brasilien. Außerdem ist der Eichstätter Ehrenbürger von Mato Grosso und erhielt vom Deutschen Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz. Zuletzt hat Göbel als dienstältester Entwicklungshelfer eine Auszeichnung von Staatssekretärin Maria Flachsbarth vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bekommen. Für ein von ihm erarbeitetes Lepraprojekt hat der Gouverneur von Mato Grosso vor Kurzem Gelder von 500000 Euro bewilligt. "Er sagte, das 7:1 bei der Weltmeisterschaft sei nicht so schlimm, denn ich hätte viele Tore gegen die Lepra geschossen."

Von seiner Arbeit gegen die Krankheit berichtet Göbel im Rahmen eines Vortrags am Donnerstag, 13. Dezember, im Kolpinghaus, Burgstraße 3, um 19 Uhr.

Spende für den Freundeskreis:

Lepra ist eine uralte Krankheit, die weltweit gesehen noch lange nicht besiegt ist. Sie greift Haut und Nerven an, was zu Sensibilitätsstörungen mit Lähmungen an Händen, Füßen und Augen führen kann.

In 150 Ländern grassiert die bakterielle Infektionskrankheit noch immer, drei stechen dabei aber besonders heraus: Indien, Indonesien und Brasilien. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kündige seit 1995 zwar gerne an, die Krankheit eliminieren zu wollen, "aber wir brauchen von einer Ausrottung nicht zu sprechen", sagt Entwicklungshelfer Manfred Göbel. Probleme bereitet zum einen die schlechte Hygiene - über 50 Prozent der Kommunen in Brasilien haben kein Abwassersystem. Zum anderen macht das Land und mit ihm seine Gesundheitsdienste eine Krise durch, "da kommen viele Faktoren zusammen", sagt Göbel. Es könne bis zu 15 Jahren dauern, bis bei einem Infizierten die Krankheit ausbreche.

27000 neue Fälle gibt es in Brasilien jedes Jahr und die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen, obwohl die Krankheit, vor allem im Frühstadium, gut behandelt werden kann. "Es fehlt an der Ausbildung", erklärt der Eichstätter , die Lepra komme im Medizinstudium zu kurz, außerdem interessierten sich wenige angehende Ärzte dafür, denn ihr haftet das Stigma der "Armenkrankheit" an, mit der sich wenig Geld verdienen lässt. Das geringe Wissen rächt sich: "Viele Ärzte erkennen die Symptome der Lepra nicht", erklärt der Entwicklungshelfer, die Kranken bekommen eine falsche Diagnose. Offiziell sinken die Zahlen zwar, doch "sobald wir mehr Personal ausbilden oder Kampagnen starten, steigen die Zahlen wieder", was zeigt, dass der Bazillus noch lange nicht besiegt ist.

Mehr als 250000 Euro hat der Freundeskreis Manfred Göbel Leprahilfe, dessen Vorsitzender Franz-Josef Beringer aus Hitzhofen ist, in 20 Jahren gesammelt. Wer den Verein unterstützen möchte, kann das mit einer Überweisung an die IBAN DE 72 7215 0000 0020 0949 18 tun.

Tina Steimle