Sucre

30 Jahre an der Seite der Armen

Weihbischof Adolf Bittschi ist Missionar in Bolivien

03.01.2014 | Stand 02.12.2020, 23:15 Uhr

Der Weihbischof kümmert sich um die Kinder im Krankenhaus und hört stundenlang Beichten.

Sucre (DK) Adolf Bittschi verließ Deutschland, um seiner Berufung zu folgen: Er wurde Missionar in Bolivien. Seit fünf Jahren wirkt der 63-Jährige als Weihbischof in der Erzdiözese Sucre. Seine Aufgaben sind vielfältig. Trotzdem treibt es ihn zu den Menschen.

Eine alte Frau mit einem faltigen Gesicht geht langsam den sandigen Weg hinauf. Ihre Haut ist dunkel gefärbt – gegerbt von der Höhensonne, vom Leben auf dem Land, von der Arbeit dem Feld. Auf dem Rücken trägt sie das für das Land so typische bunte Tuch, in dem von Kindern bis zu Einkäufen einfach alles transportiert wird. Fast hat sie die Gemeindehalle der Pfarrei Yotala des kleinen Orts Akatschila – etwa eine Stunde von Sucre entfernt – erreicht. Aus der Halle ist Gitarrenmusik zu hören und Gesang – in Quechua, einer Sprache der indigenen Bevölkerung im Andenraum.

Seit fast einer Stunde hört Weihbischof Adolfo Bittschi die Beichte von jungen Menschen. Im Anschluss wird er 54 Jugendliche firmen. Die kleine Gemeindehalle, die mit roten Bändern und Blumen geschmückt wurde, ist längst voll. Die Alten und die Mütter mit Kindern sitzen auf kleinen Holzbänken, die meisten stehen. Die Menschen kleben an den Fenstern, um die Messe zu verfolgen. Gebannt hören sie zu, sind in das Gebet vertieft, die Firmlinge tragen ihre beste Kleidung. Weihbischof Bittschi spricht größtenteils in Quechua. Als er vor 30 Jahren nach Bolivien kam, konnte er nur ein wenig Spanisch. Gleich zu Beginn sollte er eine Quechua-Gemeinde übernehmen: „Da kamen mir die Tränen. Ein Priester aus Regensburg hat ein Jahr lang die Stelle für mich übernommen und ich konnte einen Sprachkurs machen“, erzählt er. Nach der Firmung steht er mit den Jugendlichen zusammen, spricht mit ihnen über Gott. „Das Schöne bei uns in der Diözese ist der Glaube. Das hat mich immer ermutigt. Es ist der freie Wunsch von den Jugendlichen, gefirmt zu werden – ohne das Muss, weil der ganze Jahrgang dran ist.“

Die Seelsorge liegt dem Weihbischof besonders am Herzen – trotz der wachsenden Zahl seiner administrativen Aufgaben. Vor kurzem wurde er zusätzlich zum Finanzdirektor der Erzdiözese ernannt. Das spiegelt sich in seinem Terminkalender: Morgens vor der Firmung hält er die Messe in einem Krankenhaus, danach ein Gespräch mit dem Erzbischof in Sucre. Die Stadt liegt auf fast 3000 Metern Höhe. Das Klima ist angenehm, die Höhe erträglich. Rund 300 000 Menschen leben hier, Tendenz steigend. Für lateinamerikanische Städte jedoch noch sehr überschaubar. Das Verkehrschaos ist erträglich, an den Straßenecken bieten Männer in Kiosken Getränke und Süßigkeiten an. Formell ist Sucre die Hauptstadt Boliviens. Aber das politische Zentrum liegt in La Paz, das wirtschaftliche Leben spielt sich in Santa Cruz ab. Schon das Erreichen Sucres kann an manchen Tagen schwierig sein. Der Flughafen hat kein Radar, die Piloten fliegen auf Sicht. Sobald ein paar Wolken den Himmel bedecken, geht erst einmal nichts mehr. Aber so ist das in Lateinamerika – am Ende der Welt, wie Papst Franziskus sagt. An das hat sich Bittschi mittlerweile gewöhnt.

Bevor er 2008 zum Weihbischof ernannt wurde und nach Sucre kam, war er Seelsorger in der Pfarrei Incahuasi – zuständig für rund 60 Gemeinden. „Unsere Pfarreien sind riesig. Incahuasi ist etwa doppelt so groß wie der Landkreis Eichstätt“, erzählt Bittschi. Etwa die Hälfte davon war mit dem Geländewagen erreichbar, die andere zu Fuß. Das nächste Telefon in 280 Kilometern. „Als ich vor 30 Jahren hierher kam, war noch kein einziger Kilometer der Straßen geteert.“

Auch am nächsten Tag ist keine Zeit zum Ausruhen. Am Morgen hält er die Messe im Altenheim „Hogar 25 de Mayo“. Die Schwestern der Kongregation „Siervas de Maria y ministras de los enfermos“ kümmern sich um etwa 120 kranke, alte und geistig behinderte Menschen. Nach der Messe geht Weihbischof Bittschi zu den Menschen, hält ihre Hand, versucht mit ihnen zu sprechen. Viele von ihnen sind traumatisiert und sprechen nie. Neben dem Heim ist eine Baustelle, der Neubau ist fast fertig. Ein neues Heim für die Heimatlosen entsteht. Fünf Stockwerke hat das neue Haus. Mit einer Station für Menschen mit psychischen Problemen, einem Erholungsraum und einem Aufzug, der mit der finanziellen Hilfe aus Eichstätt gebaut werden kann. Eigentlich sollte die Stadt die Kosten von rund 500 000 Euro tragen, aber die Schwesterngemeinschaft finanziert mit Hilfe von Spenden das meiste, deshalb geht es nur mühsam voran. Im Mai soll alles fertig sein: „Ohne die Hilfe von Monseñor Adolfo wäre das nicht möglich gewesen“, strahlt die Schwester. Monseñor Adolfo – so nennen ihn die Menschen.

Für ihn geht es von den Alten zu den Kindern. Besuch im Kinderkrankenhaus „El niño“ – außerhalb von Sucre. Ab und an besucht er das Krankenhaus – je nachdem, wie voll der Terminkalender ist. „Normale Wochen gibt es bei mir nicht“, sagt er. Er geht an das mit Gittern gesicherte Bett eines Kindes. Das kleine Beinchen des Mädchens ist dick eingegipst, es ist gebrochen. Mit leiser Stimme erzählt die Oma des Kindes Monseñor Adolfo, was passiert ist. Geduldig hört Bittschi der Frau zu. Auch hier unterstützt er die Arbeit – auch mit finanziellen Mitteln aus seiner Heimatdiözese Eichstätt.

Es ist bereits dunkel. Der Schein der Straßenlaternen taucht die Stadt in ein gelbes, warmes Licht. Kurz vor 19 Uhr klingelt es am Priesterhaus in Sucre im Minutentakt. Etwa 50 Menschen kommen zusammen. Einmal im Monat hält Bittschi einen Glaubenskurs. Ein Projekt zum Jahr des Glaubens. „Die Menschen wollen weitermachen. So wird es weitergehen“, erzählt er, lächelt und nickt zufrieden. Die Menschen stellen Fragen, diskutieren. Der Kurs war ihr Wunsch. „Er ist ein Heiliger für uns!“, sagt eine Teilnehmerin. „Monseñor Adolfo wurde uns von Gott geschickt“, meint eine andere. Dass es der Wille Gottes gewesen sei, der ihn ans Ende der Welt, nach Bolivien, geschickt hatte, steht auch für den Bischof fest: „Ich habe es immer als Berufung von Gott gespürt, hier zu sein.“