Hamburg Berlin Hannover Leipzig Gelsenkirchen Dortmund Köln Frankfurt Nürnberg Kaiserslautern Stuttgart München
  WM-News

Von Tränen, Stolz und Blicken in die Zukunft
Donaukurier
Dortmund (DK) "Der Fußball in Deutschland lebt," so Philipp Lahms sehr emotionale Zustandsbeschreibung. Dickes Ausrufezeichen, kein Widerspruch. Aber die Nation weint auch, vergießt nach dem WM-Aus im Halbfinale weiterhin Tränen. Selbst einen Tag nach dem bitteren 0:2 nach Verlängerung gegen ein bärenstarkes Italien fällt es den DFB-Elitekickern schwer, zur Tagesordnung überzugehen. Beziehungsweise sich auf das Match um Platz drei am kommenden Samstag (21 Uhr in Stuttgart) vorzubereiten. Irgendwie, so scheint es, haben sie mit der WM im eigenen Land bereits abgeschlossen. "Wir wollten doch Weltmeister werden", erklärt zum Beispiel David Odonkor mit glasigen Augen. Wen interessiert da noch der Kick um den Bronzerang?

"Wir wollen den Fans eine weitere gute Partie bieten. Wir werden wieder Tempo machen, und wieder wird uns das Publikum toll unterstützen", erklärt Bundestrainer Jürgen Klinsmann hierzu. Brav, aber was soll der 41-Jährige auch anderes sagen? Der Wahl-Kalifornier hat den Knockout gegen die "Squadra Azzurra" ja selbst noch nicht richtig verdaut, ringt um die richtigen Worte in dieser Situation. "Wir brauchen jetzt erst einmal Zeit, um diese bittere Pille zu schlucken", so Klinsmann beispielsweise. Oder: "Ich sagte dem Team, dass es während der WM Fantastisches geleistet hat. Die Jungs können stolz auf sich sein." Allesamt Plattitüden also, ja keine festen Aussagen.
  
 

Schon gar nicht zu seiner Zukunft. Immer wieder ein monotones "Ich möchte die WM erst sacken lassen und mich dann mit meiner Familie besprechen" – mehr allerdings nicht. Umso mehr reden andere über den Bundestrainer. Teammanager Oliver Bierhoff etwa: "Das ganze Projekt lebt durch Klinsmann und kann durch ihn besser fortgeführt werden. Innerhalb des DFB gibt es keinen mehr, der an ihm zweifelt." Die Mannschaft sieht es ebenso: "Für mich wäre es schon eine Enttäuschung, wenn er nicht mit uns weitermachen würde", erklärt Mittelfeldakteur Tim Borowski. Und wenn nicht? "Dann wäre es wichtig, dass der DFB zumindest Klinsmanns Philosophie vom Fußball weiterführt – egal, mit welchem Mann in vorderster Linie", fordert der am Dienstag erneut herausragende Abwehrrecke Christoph Metzelder. Aber was immer jetzt auch gefordert und diskutiert, geredet und spekuliert wird – eine Antwort auf die Bundestrainerfrage wird es so schnell nicht geben. Bis sich Klinsmann erklärt.

Glorreiche Zukunft

Bis dahin sind die Tränen vom WM-Halbfinal-Aus natürlich längst getrocknet. Zumal der deutschen Nationalelf eine glorreiche Zukunft prophezeit wird – mit oder ohne "Klinsi". "Diese Mannschaft ist noch längst nicht am Ende ihrer Möglichkeiten" glaubt selbst Bundespräsident Horst Köhler. Noch-DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder stößt ins gleiche Horn: "Dieses Team hat seinen Zenit noch nicht erreicht. Es wird 2008 oder 2010 in Bereiche kommen, in denen Italien eben jetzt 2006 ist."

Nur nette Komplimente, die ganz gut in die momentane Stimmungslage im Land passen? Eher nicht. Bis auf Oliver Neuville, Jens Nowotny sowie die beiden Torhüter Jens Lehmann und Oliver Kahn ist kein einziger Akteur aus dem aktuellen deutschen WM-Kader über 30 Jahre alt! "Viele unserer Spieler haben sich jetzt endgültig auf internationalem Parkett einen guten Namen gemacht. Es ist wirklich toll, ihren Entwicklungsprozess zu sehen", lobt auch Klinsmann. Trotzdem: Weiterhin kein Wort dazu, ob er ihren Weg nach vorne weiter begleiten möchte.

"Die WM 2006 kam für einige von uns vielleicht noch zu früh, aber bei der EM in zwei Jahren zählen wir zu den Favoriten", ist "Kaiser" Franz Beckenbauer überzeugt. "Wir haben es allen Kritikern gezeigt. Die Truppe hat Zukunft und kann 2010 wieder voll angreifen", versucht auch Borowski – trotz aller Enttäuschung über die Pleite gegen Italien – wieder nach vorne zu blicken. Womit er auf jeden Fall einen Schritt weiter als Metzelder ist: "2010 in Südafrika – das ist eben keine WM im eigenen Land", so der Dortmunder kopfschüttelnd. Und die Matches am Kap der guten Hoffnung sind außerdem noch sooo weit weg.

Auf jeden Fall weiter als das Spiel um Platz drei am Samstag in Stuttgart. "Die deutsche Mannschaft hat bislang einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Ich hoffe nur, dass sie sich nun nicht hängen lässt", weiß Beckenbauer sehr wohl, was in diversen Spielerköpfen momentan vorgehen könnte. "Es hört sich einfach besser an, Dritter bei einer WM zu werden als nur Vierter. Wir möchten uns vernünftig von unseren Fans verabschieden, das sind wir ihnen schuldig", meint Metzelder hierzu. Aber wie schon einmal erwähnt: Was soll man in dieser Situation sonst sagen?

Auf jeden Fall dürfte es interessant werden, wer am Samstag für die DFB-Elf aufläuft: Bekommen bisherige Edelreservisten wie Thomas Hitzlsperger oder Marcell Jansen doch noch ihren WM-Einsatz? Steht eventuell sogar Kahn für Lehmann im Tor und darf damit einen würdigen Abschied aus der deutschen Nationalmannschaft feiern? Gerade für Letzterwähntes spricht gar nicht so wenig – nach Kahns toller Geste gegenüber seinem Erzrivalen unmittelbar vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien im Viertelfinale. Aber auch hier gilt: Alles liegt (noch) in Klinsmanns Händen.

"Wir wollten durch diese WM der Welt auch zeigen, was wir für ein tolles Land sind. Das ist uns voll und ganz gelungen", so der Bundestrainer abschließend: "Unser sportliches Ziel haben wir dagegen nicht ganz erreicht." Womit wir halt doch wieder bei den Tränen einer ganzen Fußballnation sind. Einer Fußballnation, die durch die Weltmeisterschaft 2006 aber auch wieder stolz auf ihre Kicker ist.

 


05.07.2006 20:51
zurück  Übersicht  weiterempfehlen  Artikel drucken weiter


WM-LiveTicker: Alle Spiele live erleben!
 
Diese Onlineangebot ist IVW-geprüft!
Home | Lokales | Sport | Szene & Freizeit | Fotogalerien | Anzeigenmarkt | Meine Zeitung
Forum | Chat | Archiv | Newsletter | Sitemap | Kontakt | Impressum/Informationen nach DL-InfoV | Mediadaten | Abo
 
 © 2006 DONAUKURIER online  nach oben
Fehler melden