Tanja Wilking - Aktmodell
Tanja Wilking arbeitet als hauptberufliches Aktmodell.
Tom Ludwig
Tanja Wilking kann zehn Minuten auf einem Bein stehen und dabei vollkommen versteinert wirken. Die 44-Jährige Münchnerin ist hauptberuflich Aktmodell und studiert nebenbei Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Seit 22 Jahren posiert sie nackt für Studenten oder Künstler in ganz Deutschland. „Für mich ist das bezahlter Sport“, sagt sie. Doch vor ihrem ersten Versuch war sie zunächst erbost – beinahe unverschämt fand sie die Idee ihrer Freundin, für sie als Aktmodell einzuspringen. Es sei ein schamvoller Gedanke gewesen. „In meiner jugendlichen Naivität sagte ich dann doch zu. Ich sah es als Herausforderung.“

Das ist auch heute noch so, acht Jahre nach ihrer Entscheidung, den Beruf als Kinoangestellte aufzugeben und hauptberufliches Aktmodell zu werden. Oft hat sie drei Termine am Tag und posiert bis zu fünf Stunden. „Das funktioniert nur, wenn ich gut koordiniere und die Orte nicht zu weit auseinanderliegen.“ Finanziell lohnt es sich nicht immer. Eigentlich braucht sie im Schnitt 25 Euro pro Stunde, um im Monat gut über die Runden zu kommen. Einige Veranstalter haben aber einen festen Satz, der darunter liegt. Dafür geben andere mehr. „Im Kino habe ich jedenfalls nur halb so viel verdient. Und es war langweilig.“
 

"Immer noch ein bisschen komisch, sich vor Fremden auszuziehen"


Jetzt hat sie einen Job, der sie stets herausfordert. „Es ist immer noch ein bisschen komisch, sich vor Fremden auszuziehen“, sagt sie. Mittlerweile nehme sie aber oft den anderen Personen im Raum die Scham. Wenn junge Studenten ihr verschämte Blicke zuwerfen statt genau hinzuschauen, spricht sie sie auch mal direkt an. „Ich mag es, wenn sie sich überwinden“, sagt sie.

Das ist es auch, was sie an ihrem Job schätzt. Anderen zu helfen, weiterzumachen, die Zeichnung zu vollenden, wenn es scheinbar nicht mehr geht. Die Bilder schaut sie sich nachher gar nicht an. „Das interessiert mich eigentlich nicht.“ Es sei höchst selten, dass jemand sie heute noch mit einem Werk überraschen könne. „Es geht um den Prozess.“

Das weiß auch der Künstler Peter Harms, der regelmäßig Aktmodelle für den Arbeitskreis Akt und Figur sucht, der sich in Ingolstadt trifft. Laien und Künstler zeichnen in dem Kurs kaum um der fertigen Bilder willen, sagt Harms. Einige zeichneten zur Übung, um den menschlichen Körper zu studieren. Anderen wiederum mache es einfach Spaß, Skizzen anzufertigen. Als Aktmodell suchen sie dafür vor allem unterschiedliche Typen: männlich, weiblich, jung, alt, dick, dünn. „Wir hatten schon alles.“

Aktmodell Wilking kennt sogar das Bedauern, wenn Menschen sie auf ihr faltenloses Gesicht ansprechen. „Sie suchen Charaktere, die nicht beliebig sind.“ Wichtig sei nur, dass die Person ein gutes Verhältnis zum eigenen Körper habe. Sie wundere sich oft darüber, was ihr Körper mache. „Er gibt mir die Posen vor“, sagt sie. Jeder Raum inspiriere sie auf verschiedene Weise. Auch das Wetter spielt eine Rolle: „Im Herbst würde ich mich nicht an kalte Wände lehnen.“

Am wichtigsten sei ein unbefangener Umgang mit dem eigenen Körper, sagt der Künstler Harms. „Man muss das Zeigen mögen.“ Schwierig werde es nur dann, wenn jemand sich unwohl fühle. Wilking geht sogar einen Schritt weiter: „Die Überwindung kann dabei helfen, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln“, sagt sie. Sie empfiehlt deshalb vor allem älteren Frauen, das Aktstehen zumindest auszuprobieren. „Ich habe heute eine ganz neue Körperwahrnehmung. Andere sagen, ich versprühe eine gewisse Aura. Auf jeden Fall gehe ich gerader durchs Leben.“
 

DER JOB


Voraussetzungen: Ein gutes Körpergefühl ist von Vorteil, außerdem müssen die Modelle in der Lage sein, über einen längeren Zeitraum eine Pose zu halten. Diese können auch zusammen mit den Teilnehmern des Kurses erarbeitet werden. Bewerber müssen mindestens 18 Jahre alt sein, ansonsten sind Alter, Gewicht oder Geschlecht egal.

Verdienst: Viele Einrichtungen haben feste Stundensätze, manchmal ist der Stundenlohn aber auch Verhandlungssache. Der Arbeitskreis Akt und Figur in Ingolstadt zahlt für zwei Stunden 36 Euro.

Bewerbung: Wer gerne wissen möchte, wie der Job als Aktmodell genau abläuft, darf in Ingolstadt auch zunächst unverbindlich vorbeischauen. Der nächste Termin des Arbeitskreises Akt und Figur ist am 18. September. Wer Interesse hat, kann sich beim Bürgerhaus Ingolstadt unter (08 41) 3 05 28 30 melden.