Eichstätt: Reform der Reform gefordert
 
Eichstätt
„Rot-Grün hat es verbockt.“ Was für eine Aussage für eine SPD-Politikerin. Die Landtagsabgeordnete Isabell Zacharias äußerte sich bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Bologna-Prozess, die die politischen Hochschulgruppen an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) organisiert hat. Groß war die Zahl der Besucher und lebhaft die Diskussion im Gutmann in Eichstätt. Der allgemeine Tenor unter den vier teilnehmenden Politikern: Zufrieden mit der Reform und deren Folgen könne niemand sein.

Die Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, Nicole Gohlke, kritisierte, dass „Bologna“ eine Reform sei, die zur Ökonomisierung der Universitäten geführt habe und daher nicht im Sinne der Studenten seien könne. „Dieser Prozess führt letztlich zu einer Entdemokratisierung der Hochschulen“, sagte sie. Hinzu käme, dass die Verkürzung der Studienzeit billiger sei und Bachelor- und Master-Absolventen zudem weniger Geld bekommen würden, als Absolventen der früheren Abschlüsse. Der Industrie passe dies natürlich sehr gut, so Gohlke weiter.

Dem widersprach die grüne Landtagsabgeordnete Ulrike Gote. Sie forderte mehr Sachlichkeit in der Diskussion und verteidigte den Bologna-Beschluss: „Die Ökonomisierung der Universitäten ist keine Folge von Bologna – und die Ideen hinter dem Prozess sind nach wie vor richtig und gut“, wie Gote entgegnete. Aber: Ungleichheit unter den Studenten und der psychische Druck, der heute auf ihnen laste, seien mittels Studien durchaus belegbar.

Der enorme Druck, der heute auf Studenten laste, ist für Alexander Bagus, Vorsitzender der Liberalen Hochschulgruppen in Bayern (LHG), eines der zentralen Probleme, die Bologna mit sich gebracht habe: „Die Prüfungslast ist zu hoch – das führt nur zu ,Lernbulimie’.“ Die gestiegene Belastung könne man auch daran ablesen, dass sich immer weniger Studierende ehrenamtlich engagierten, so Bagus weiter. Bereits vor der offiziellen Diskussion berichtete David Nowak vom Arbeitskreis Bildung von den gestiegenen Anforderungen und dem damit verbundenem Leistungsdruck an deutschen Universitäten: „Alleine an der KU hatten wir im abgelaufenen Wintersemester drei Selbstmorde“, wie er sagte.

Ein besonderes Anliegen der Studenten ist traditionell die Beteiligung an den Entscheidungsprozessen innerhalb der Universitäten. Gote meinte daher, der Stundenplan müsse es immer möglich machen, dass sich junge Menschen engagieren können – auch bei noch so hohen Anforderungen. Hierfür müssten die Studenten mehr Zeit bekommen. „Wir wollen jedenfalls eine demokratische Hochschule“, sagte sie. Dass Teilhabe aber oft auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten der Studierenden sei, steht für Gohlke indes fest. „Es muss eine Umverteilung stattfinden.“ Es könne nicht sein, dass im Bundeshaushalt 32 Milliarden für Rüstung bereitstünden, aber nur rund neun für Bildung. Auch aus dem Plenum wurde zum Aspekt der Teilhabe Stellung bezogen: Auf der letzten Vollversammlung seien lediglich 35 Studenten gewesen, wie ein Student zu bedenken gab. Zudem würden sich die politischen Hochschulgruppen zunehmend schwerer tun, neue Mitglieder zu werben.

Eines der Hauptanliegen der Bologna-Reform war es, den Studenten im EU-Raum eine höhere Mobilität zu ermöglichen. Gote plädierte dafür, dass mehr Zeit zur Verfügung stehen müsse, um Auslandserfahrungen sammeln zu können. Angst vor einer Welle von Langzeitstudenten habe sie nicht: „Die jungen Leute wollen doch fertig werden. Alles andere sind Vorurteile aus den 70ern“, sagte sie. Zacharias hingegen sieht die Probleme in diesem Punkt nicht in zeitlicher Hinsicht, sondern viel mehr in der mangelhaften Umsetzung des Bologna-Beschlusses und in der zu hohen Zahl von Studiengängen: „In Deutschland gibt es mehr als 13 500 Studiengänge – als Resultat kann ich in München nicht mal über die Straße von der Technischen Universität zur Ludwig-Maximilians-Universität wechseln“, resümierte Isabell Zacharias.