Herr Loviscach, Sie haben inzwischen 8,4 Millionen Klicks auf Ihre Videos bekommen. . .

Jörn Loviscach: . . .verglichen mit Lady Gaga ist das aber ein Witz (lacht). Man muss das ja relativieren.

Macht Sie das stolz?

Loviscach: Einerseits ja. Andererseits frage ich mich dann immer, wie schlecht muss der Mathematikunterricht an den Universitäten und Schulen sein?

Gibt es bei Ihren Kursen Anwesenheitspflicht?

Loviscach: Nein. Gut, sicher, wenn man jetzt im Labor irgendwelche Experimente macht – da muss man da sein. Ansonsten aber nicht.

Setzen Sie bei Ihren Studenten voraus, dass sie sich Ihre Videos anschauen?

Loviscach: Ja, definitiv. Wenn ich das nicht voraussetzen würde, würde sich das keiner angucken. Wer sich das nicht anschaut, hat ein Problem. Das ist ja das Prinzip von „Inverted Classroom“, das ich praktiziere. Die Studentinnen und Studenten sollen sich die aufgezeichneten Vorlesungen ansehen – und im Seminar kann bereits gemeinsam geübt werden. Aber bei meinen Videos sind auch viele Übungsaufgaben dabei.

Machen Sie sich damit nicht irgendwann überflüssig?

Loviscach: Ich bin ja verbeamtet (lacht). Es ist so: Man kommt sich einfach ein bisschen blöde vor, wenn man Jahr um Jahr dasselbe erzählt – unabhängig davon, ob man sich überflüssig macht oder nicht. Der Punkt ist, dass man weder mit Frontalunterricht noch mit Videos viel lernt. Man lernt es erst, wenn man selbst damit arbeitet. Mein Job ist es, den Studentinnen und Studenten über die Schulter zu schauen und ihnen Tipps zu geben – während die damit arbeiten. Das Vorbeten kann der Computer besser.

Werden die Prüfungsergebnisse besser, seit Sie mit Videos arbeiten?

Loviscach: Das kann man so nicht sagen. Ich finde, dass Klausuren ein sehr steriles Abbild der wahren Tätigkeit sind. Und ich versuche, die Leute auf ihre wahren Tätigkeiten vorzubereiten – und nicht auf das Bestehen von Klausuren.Was ich aber sehe, sind die Kommentare auf Youtube, wo Schüler und Studenten schreiben: „Endlich verstehe ich das.“ Das ist für mich eine Bestätigung.

Hatten Sie anfangs keine Angst, dass Sie auf Youtube auch schlechte Bewertungen kriegen?

Loviscach: Na hin und wieder gibt es natürlich diese Querschläger. Die Trolls, die da irgendeinen hirnlosen Unsinn posten. Aber da kommt meist sehr schnell von jemand anderem der Hinweis, dass die sich doch bitte verdrücken mögen. Ich habe da anfangs gar nicht viel drüber nachgedacht. Ich habe die Videos ja erst online gestellt, als ich ein paar Nachzügler hatte. Das war zunächst nur für die gedacht. Ich hatte nicht geglaubt, dass das dann solche Kreise zieht.

Wie groß ist für Sie der Aufwand Ihren Unterricht aufzuzeichnen?

Loviscach: Am Anfang war das noch ein bisschen stressig. Aber inzwischen habe ich das perfektioniert. Wenn nötig, schneide ich im Nachhinein hier und da noch ein bisschen – mit einem selbst geschriebenen Schnittprogramm, das schön schlank ist. Im Prinzip bin ich mit so einem Video in fünf Minuten durch.

Wenn das so einfach ist, wieso machen das nicht mehr Ihrer Kollegen?

Loviscach: Das müssen Sie die Kollegen fragen. Manche stellen es einfach auch auf eine hochschuleigene Plattform. Youtube ist natürlich schon eine Hausnummer – man kann sich gnadenlos blamieren, wenn man irgendeinen Unsinn erzählt. Dazu gibt es viele Schwierigkeiten mit dem Urheberrecht. Bei mir ist ja viel handgezeichnet und handprogrammiert. Schwierig wird es, wenn man ganz viel fremdes Material verwendet. Hochschulintern darf man das ja noch. Die meisten Kollegen haben inzwischen Power-Point-Skripte, die ja Zusammenstellungen und Kopien aus Büchern sind. Und die haben dann ein gravierendes Problem.

Glauben Sie, dass in Zukunft das alle Dozenten machen werden müssen?

Loviscach: Ja. Oder aber sie nutzen fremdes Material. Ich sehe, dass viele einfach auch auf meine Videos verweisen.

Hat das Online-Lernen aus Ihrer Sicht auch Nachteile?

Loviscach: Es gibt natürlich die Gefahr, dass wir McDonald’s veranstalten. Schnelle Selbstbedienung, schön billig. Das kann in der Qualität nach hinten losgehen. Noch schlimmer, als es eh schon ist. Ich habe schon mit dem aktuellen Zustand der Bildung Probleme. Und viele der Studentinnen und Studenten können meiner Meinung nach nicht gut selbstständig arbeiten.