Eichstätt: Journalisten müssen Orientierung geben
Der Journalistikprofessor Klaus Meier von der KU Eichstätt-Ingolstadt beschäftigt sich mit dem Wandel im Journalismus – dazu gehört auch die Lektüre des Eichstätter Kurier - Foto: Redl
Eichstätt

Herr Meier, woran machen Sie den Wandel des Journalismus fest?

Meier: Vor allem am Internet. Während früher neue Medien wie Radio oder Fernsehen ergänzend, komplementär, zum bestehenden Print-Journalismus waren, ist das Internet als neues Medium konvergent: Das heißt, es greift alle anderen Medien auf und verschmilzt sie. Das Internet ist somit eine Vertriebsplattform für alle herkömmlichen Medien. Über das Internet lassen sich Zeitungsinhalte genauso verbreiten wie Radio- oder Fernsehbeiträge. Und das sogar noch schneller und multimedial vernetzt.

 

Mit der Konsequenz?

Meier: Die Vertriebsformen verändern sich vor allem bei den Zeitungen. Wir werden in absehbarer Zeit sicherlich neue Trägermedien für Journalismus haben. Denken Sie an mobile Tablet-Computer wie das iPad. Das wird sich aber auch auf das lineare Programmfernsehen auswirken. Fernseh- und Videoinhalte werden zeit- und ortsungebunden genutzt. Alte Geschäftsmodelle werden brüchig. Zum Glück haben wir in Deutschland noch das öffentlich-rechtliche System, das Qualität sichert.

 

Dennoch fehlen, auch von der Journalistik, überzeugende Modelle, wie die Digitalisierung der Tageszeitung funktionieren kann.

Meier: Man muss unterscheiden, zwischen Journalismus, der eine öffentliche Aufgabe hat, und einem Zeitungsverlag, der damit Geld verdienen will. Das Ziel des Journalismus – also das journalistische Ziel einer Redaktion – muss es sein, möglichst viele Menschen zu erreichen – dort, wo sie sind und mit den Möglichkeiten, die die Medientechnik bietet. Die Menschen sind heute viel im Netz unterwegs. Der Journalismus hat im Internet andere Möglichkeiten als in gedruckter Form. Das kann den Journalismus verbessern. Insofern „funktioniert“ Journalismus im Internet wunderbar. Darauf weist die Journalistik hin. Es ist nicht die Kern-Aufgabe des Journalismus, sich darum zu kümmern, dass mit diesem neuen Medium Geld zu verdienen ist. Das ist die Aufgabe des Medienmanagements.

 

Journalismus über soziale Netzwerke zu verbreiten, gilt als ein Weg für die Zukunft. An den Journalistik-Lehrstühlen an den Hochschulen allerdings gibt es keinen Aufschrei über die Verletzungen des Datenschutzes durch Facebook oder Google. Warum?

Meier: Datenschutz ist natürlich auch ein Thema wissenschaftlicher Forschung. Es ist aber nicht so einfach, wie Ihre Frage unterstellt. Viele Menschen sind heute bereit, persönliche Daten an soziale Netzwerke herzugeben, weil sie dadurch eine große Gegenleistung erhalten, zum Beispiel die Vernetzung mit Freunden. Natürlich muss man darauf hinweisen, dass Facebook mit den Daten sorgfältiger umgehen soll. Nur weil Facebook hier ein Problem darstellt, das man öffentlich kritisieren muss, heißt es ja nicht, dass man sich dem Netzwerk komplett verweigert.

 

Doch zu den Inhalten. Auch hier gibt es starke Veränderungen.

Meier: Ja, denn das Internet ermöglicht die Einbindung von Nutzern. Der Nutzer wird zum „Producer“; er wird Nutzer und Produzent zugleich. Jeder Mensch kann – zum Beispiel über soziale Netzwerke – selbst Inhalte im Netz veröffentlichen.

 

Kann man dann noch von journalistischen Inhalten sprechen?

Meier: Nur dann, wenn es um aktuelle Inhalte von Relevanz geht, wenn man sich beispielsweise an aktuellen politischen Diskussionen beteiligt, wenn man Kommentare auf journalistische Artikel im Internet hinterlässt, wenn man ganz allgemein politisch im Netz aktiv wird. „Stuttgart 21“ war beispielsweise so ein Vorgang.

 

Wird der ausgebildete Journalist dann überflüssig?

Meier: Früher hieß es, der Journalist stellt Öffentlichkeit her, die es so eigentlich gar nicht gibt. Aber jetzt ist es so, dass Öffentlichkeit auf vielfältige Weise zustande kommt, sehr viel durch Public Relations, durch Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen, Behörden, Verbänden, Organisationen, Regierungen und Parteien. Der Journalist ist dazu da, um Orientierung zu geben, das Ganze zu sortieren und auch Verlässlichkeit zu geben mit seiner Recherche. Der Journalist soll sagen, welche Fakten stimmen und welche nicht, welches das relevante Thema des Tages ist und warum.

 

Schon vor 150 Jahren hieß es, Journalismus sei das Zeitgespräch der Gesellschaft. Wird dies somit wieder relevant?

Meier: Wir brauchen eine Institution, die sagt, worüber sich die Gesellschaft unterhält, was die wichtigen Themen unserer Zeit sind. Und was die richtigen Fakten dazu sind. Wenn jeder in diesem Stimmengewirr etwas an die Öffentlichkeit gibt, dann haben wir eine fragmentierte, aufgelöste, orientierungslose Gesellschaft. Die Institution Journalismus ist dazu da zu sagen, was für unsere Stadt wichtig ist, worüber wir uns in Deutschland unterhalten müssen oder was die drängenden Weltprobleme sind. Das kann dauerhaft nur professioneller, unabhängiger Journalismus schaffen.\t

 

Wobei wir bei der Frage der Qualität sind.

Meier: Richtig. Ich denke, dass die Kernqualitäten des Journalismus – wie saubere Recherche, Überprüfen der Fakten, Verlässlichkeit, Relevanz der Themen – durch die Entwicklungen eher gestärkt werden. Neben einer solide überprüften Nachrichtenverbreitung ist wichtig, Einordnung, Analyse, Hintergrund zu bieten.

 

Welche Konsequenzen hat dies alles für die Journalistenausbildung an der Universität?

Meier: Die Journalistik hat immer versucht, Theorie und Praxis in der Ausbildung zu integrieren und gleichzeitig Journalismusforschung zu betreiben. Zum Beispiel galt es, Qualitätskriterien für Journalismus näher zu definieren und zu analysieren. Die Journalistik hat so über eine reflektierte Ausbildung den Journalismus ein Stück weit verbessert. Das Problem der Journalistik war und ist aber, dass über die Ausbildungsleistung hinaus zu wenige Impulse in die Praxis des Journalismus gekommen sind.

 

Was wollen Sie unternehmen?

Meier: Wir müssen Transferforschung machen. Das heißt, wir müssen Projekte bewusst darauf anlegen mit dem Ziel, Erkenntnisse, die wir entweder in der Wissenschaft bereits haben oder in der Forschung gewinnen, sofort und unmittelbar in den Alltag von Redaktionen einzubinden.