Sehr spannend und aufschlussreich fand der Professor für Dienstleistungsmanagement an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der KU diese Arbeit. Wir werden immer älter, der Anspruch immer höher, die Pflegekräfte immer weniger und die Großfamilie, die in der Vergangenheit einen Großteil der Betreuung übernommen hat, stirbt langsam aus. Vor diesem Hintergrund lautete der Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, herauszufinden, für welche Lebensbereiche von Senioren es künftig Bedarf an neuen technikbasierten Dienstleistungen gibt und wie sie von der älteren Generation akzeptiert werden könnten. Insgesamt wurde das Projekt mit 1,7 Millionen Euro gefördert. Prof. Hogreve nahm einen Teil des Projekts von der Uni Paderborn an seinen neuen Lehrstuhl nach Ingolstadt, wo er ihn mit seiner Mitarbeiterin Nicola Bilstein zu Ende führte.

Um sich in das Umfeld, die Bedürfnisse, Gedanken und Probleme von Senioren hineinzuversetzen, wurden 70 Teilnehmer, zu denen auch Experten wie Physiotherapeuten oder Mitarbeiter von Wohlfahrtsverbänden gehörten, interviewt. Ob die Antworten repräsentativ sind, wurde danach mit einer standardisierten Befragung an 450 Personen überprüft, wobei nicht alle im Seniorenalter waren, „denn“, so Prof. Hogreve, „Gebrechlichkeit ist keine Frage des Alters“.

Die Ergebnisse sind nicht überraschend: Senioren wollen vor allem mobil und fit sein, mit ihrer Umwelt kommunizieren und informiert sein. Sie wollen aber nicht nur in ihren eigenen vier Wänden telefonieren, sondern auch mobil und über weite Strecken hinweg: zum Beispiel mit dem Enkel in Amerika skypen. Da mit zunehmenden körperlichen Beeinträchtigungen die Handhabung eines Handys schwierig wird, sollen die Mobiltelefone so gestaltet sein, dass man sie ohne Probleme bedienen kann, so die Ingolstädter Wissenschaftler. Jens Hogreve: „Die Handys sollten nicht mit Funktionen überfrachtet sein und die Senioren auch nicht überfordern. Wichtig ist bei jedem technischen Gerät, dass der Nutzen und die Handhabung genau erklärt werden“, so Hogreve. Denn die Senioren haben seiner Meinung nach keine Angst vor der Technik, sondern davor, dass sie irgendetwas falsch oder kaputtmachen.“ Das Erklären kostet den Dienstleister Zeit, die sich jedoch bezahlt machen könnte. Denn Senioren sind nach der Studie eher bereit ein teures Gerät zu kaufen, wenn sie es schon vorher in einem gewissen Zeitraum ausprobieren konnten und damit Funktion und Nutzen verstanden haben.

Das soziale Umfeld, die Freizeitgestaltung und die Fitness sind weitere Faktoren, die Senioren wichtig sind. „Viele ältere Leute scheuen sich, in ein Fitnessstudio zu gehen, weil sie glauben, sich vor allem vor Jüngeren zu blamieren. Bei den Übungen zu Hause haben sie wiederum Angst, etwas falsch zu machen, was den Gelenken schaden könnte“, erklärt Hogreve. Eine Möglichkeit wären seniorengerechte Fitnessprogramme, die über das Handy oder das Internet zu empfangen sind und dort von einem Trainer überwacht werden.

„Die technischen Dienstleistungen holen Mobilität in die Wohnzimmer und verhindern den drohenden Pflegenotstand“, ist sich Hogreve sicher. Er hat bei der dreijährigen Untersuchung die Erfahrung gemacht, dass die Vernetzung unterschiedlicher Altersgruppen für alle Vorteile bringt. „Die Studenten kamen begeistert von den Interviews zurück. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Alter verdrängt wird. Wir haben bei der Arbeit gelernt, wie Gesellschaft funktionieren sollte“, meint Hogreve. Seiner Meinung nach wird in Deutschland der Begriff Senior falsch definiert. „Man darf das nicht am Alter ausmachen, sondern muss sich an den Problemen orientieren, die auch jüngere Menschen treffen können.“

Nach Abschluss des Projekts hofft der Dienstleistungsexperte, dass die Ergebnisse nicht in der Schublade verschwinden, sondern zu diesem Thema weiter geforscht wird, und dass Prototypen an Hilfsmitteln entwickelt werden. „Ich würde mir wünschen, dass die Sprachbarrieren zwischen Betriebswirten, Ingenieuren und Marketingleuten verschwinden“, sagt Hogreve, der sich sicher ist, dass es in Zukunft ohne technische Hilfsmittel nicht gehen wird. Der Wunsch der Älteren wird zunehmen: „Ich möchte mir die Welt ins Haus holen und meine Meinung mit anderen diskutieren.“