Eichstätt: "Da werden Menschen über den Tisch gezogen"
Sandra Siebenhüter, freie Mitarbeiterin an der KU Eichstätt-Ingolstadt, mit ihrer Studie, die sie vor Kurzem vorgestellt hat. - Foto: Doyé
Eichstätt
Eineinhalb Jahre hat sich die freie Mitarbeiterin am Lehrstuhl Wirtschafts- und Organisationssoziologie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt mit diesem Thema befasst. In dieser Zeit hat sie 116 Personen aus dem Raum Nürnberg, Landshut, Ingolstadt, Augsburg und Ansbach befragt – darunter 40 Leiharbeiter im Alter zwischen 20 und 64 Jahre mit Migrationshintergrund, die in der Elektro- und Metallindustrie beschäftigt sind.

Das Fazit nach ihrer intensiven Recherche: „Von dem Leitsatz ,Arbeit schafft Integration’ kann man bei Leiharbeit wirklich nicht sprechen. Wer kann in Deutschland integriert sein, wenn er ständig andere Arbeitgeber und keinen festen Kollegenkreis hat“ Gerade mit ausländischen Leiharbeitern, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, haben die Firmen leichtes Spiel, meint die Soziologin. Sie mucken nicht auf, weil sie Angst haben, ihren Arbeitsplatz und damit auch ihre Aufenthaltsgenehmigung zu verlieren. Sie melden sich nicht krank, überfordern sich, arbeiten für einen Brutto-Stundenlohn von 7,79 Euro und müssen zur Aufstockung ihres Gehaltes monatlich zum Sozialamt. „Damit zahlen wir alle mit“, sagt Siebenhüter.

Und es gibt nach ihrer Meinung eine Spaltung innerhalb der Belegschaft. Manche Arbeitgeber signalisieren sehr deutlich: „Schaut her, hier haben wir Arbeitnehmer, die arbeiten mehr als ihr – für weniger Lohn.“

Häufig wird bei Migranten die Ausbildung, die sie in ihrer alten Heimat absolviert haben, in Deutschland nicht anerkannt. Ein Beispiel: ein studierter Mathematiker und Diplom-Ökonom aus Kasachstan, 55 Jahre, zwei Kinder, seit neun Jahren in Deutschland. Sein Studium und seine mathematischen Kenntnisse zählen hier nicht. Seit neun Jahren schichtet er als Hilfsleiharbeiter Pakete um und verdient dabei im Monat 950 Euro netto. Das Problem sei, dass die Bestimmungen der Leiharbeit, die 1970 als Instrument bei der Überbrückung von Krankheitsfällen oder zur Bewältigung in Auftragsspitzenzeiten eingeführt worden ist, seit 2003 gelockert wurde. Nutznießer sind die Arbeitgeber, die die billigen Arbeitskräfte unbegrenzt einsetzen können, und die Leiharbeitsfirmen, die gutes Geld damit verdienen. Allein in Deutschland gibt es davon über 1o 000, hier in der Region rund 80, die sich teilweise auch im Internet mit „Billigangeboten“ regelrecht übertrumpfen und die dafür Gebühren einstreichen, die den Stundenlohn eines Leiharbeiters um ein Vielfaches übersteigen, so Siebenhüter.

Die Soziologin hofft, dass ihre Studie, die sie im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung der IG Metall erstellt hat, dazu führt, dass das Instrument Leiharbeit wieder stärker reguliert wird. Sie war bei ihren Recherchen überrascht, wie die Menschen, die keine Arbeitnehmerrechte und keine Gewerkschaft als Rückhalt haben, über den Tisch gezogen werden. Und sie war erstaunt, in welcher Sprache manche Verleiher über ihre Leiharbeiter reden. Nicht wenige Betriebe verbuchen ihre Personalkosten für Leiharbeiter als Materialkosten.