Sechs brutal ermordete Menschen an einem abgelegenen Ort, darunter zwei Kinder, geheimnisvolle Spuren im Schnee, Inzest, eine Magd, die erst wenige Stunden vor ihrem Tod auf dem Hof eingetroffen ist, Pannen bei den Ermittlungen, ein für tot erklärter Angehöriger mit Mordmotiv, der putzmunter in der Nähe des Tatorts gesehen worden sein soll – wenn ein Drehbuchautor heute mit so einer Story daherkäme, würde es wohl heißen: Was für ein Schund! Was würden Sie sagen?

Jasmine Kaptur: Genau das Gleiche. Das ist übertrieben!

Sophie Mathisz: Ich würde redigieren und den Rotstift ansetzen. Aber das wahre Leben ist doch meistens genau so.

Olaf Krämer: Ich würde zunächst zu dem Drehbuchautor sagen: Bleib’ mal auf dem Teppich, denn das lässt sich nie umsetzen, was du dir da ausgedacht hast. Aber umgekehrt macht es wieder die Faszination des Falls Hinterkaifeck aus, weil an ihm nichts einfach ist.

Kaptur: Es ist eine große Erkenntnis aus diesem Fall, dass nichts schwarz-weiß ist, sondern dass das Leben auch damals so schon viele Facetten geboten hat, dass man nie spontan sagen kann: Das ist wahr und das ist falsch.



Diese Häufung von seltsamen Vorkommnissen und bizarren Begebenheiten!

Ansgar Reiß: Deshalb machen wir darüber eine Ausstellung. Sie hat die Chance, dass sie in verschiedene Richtungen führt.



Und am Ende stehen wir in der Ausstellung vor der Litfaßsäule mit den acht Mordtheorien und drehen uns im Kreis?

Mathisz: Nein, am Schluss hat jeder Besucher wegen guter Informationen auf der Basis von Fakten die Chance, sich eine eigene Meinung zu bilden.



In dem Fall verdichten sich Fakten und Fiktion – zigfach verwoben. Schon kurz nach dem Mord beginnen viele unheimliche Geschichten zu ranken. Das steigert den Reiz der Großerzählung Hinterkaifeck, doch wie erschwert das eine sachliche Erforschung der Geschehnisse?

Krämer: Ein ganzes Stück weit. Das merken wir auch in unserem Forum. Da werden sehr schnell Spekulationen zu Fakten erklärt. Da ist es die Aufgabe von uns Dreien, zurück zu den Akten zu gehen und zu sagen: Moment, da ist es genau so beschrieben und alles darüber hinaus ist Spekulation – die ist natürlich erlaubt, aber man muss sie immer als Spekulation kennzeichnen.



Die geheimnisvollen Spuren im Schnee zum Beispiel, die zum Hof führten, aber nicht mehr zurück, wurden sozusagen erst post mortem protokolliert: Das spätere Mordopfer Andreas Gruber soll Bekannten davon berichtet haben. Wie geht man als ernsthafter Forscher damit um?

Kaptur: Gerade für die Spuren im Schnee gibt es viele Bestätigungen von unabhängigen Zeugen. Etwa ein ehemaliger Pfarrer aus der Gemeinde Hohenwart, der auf dem Weg zum Viehmarkt in Schrobenhausen Andreas Gruber begegnet ist und von ihm mehr oder weniger im selben Wortlaut geschildert bekam, was auch andere Zeugen zu Protokoll gaben. Das heißt: An diesem Donnerstagvormittag vor der Tat muss der alte Gruber mit mehreren Leuten über die geheimnisvollen Spuren im Schnee gesprochen haben, darunter auch der Postbote. Wir haben da vier Quellen, die das unabhängig voneinander und relativ schnell zu Protokoll gegeben haben.

Reiß: Als Ausstellungsmacher sucht man natürlich nicht nur Fakten, sondern will auch Erzählungen bieten. Da bewegt man sich immer im Raum von gängigen Erzählungen und Klischees. Das ganz Fatale – oder Spannende – von Hinterkaifeck ist, dass der Fall voller solcher Erzählungen ist. Bei den Spuren im Schnee denkt man, das hat sich jemand zurechtgelegt, aber wenn man genauer hinschaut, sieht man: ?Das hat sich offenbar doch keiner zurechtgelegt, es hat vielleicht wirklich einen echten Grund. Dieses zu trennen ist bei diesem Fall unglaublich schwierig.



Oder die abenteuerliche Geschichte des Soldaten Karl Gabriel, Ehemann des Mordopfers Viktoria Gabriel. Er soll 1914 an der Westfront gefallen sein und wurde für tot erklärt. Doch Zeugen beharren darauf, ihn nach dem Krieg in der Nähe von Hinterkaifeck gesehen zu haben, angeblich soll er der Täter sein. Wie kommt so eine hollywoodähnliche Story zustande? Und wo nimmt sie ihren Anfang?

Krämer: Ich kenne einen Anfang. 1943 erzählt jemand in einem Lazarett in Schrobenhausen, dass ein Kommissar der Roten Armee gegenüber einem deutschen Kriegsgefangenen das gesagt haben soll. Man ist dem nachgegangen, hat aber nichts gefunden. Mein persönlicher Eindruck ist, dass das eine Geschichte unter Soldaten ist, die sich irgendwie mal verselbstständigt hat.



Es sind doch zwei Geschichten, oder? Der bairisch sprechende sowjetische Politoffizier, der behauptet, der Mörder von Hinterkaifeck zu sein, hat sich als Erfindung des Ingolstädters Matthäus Eser herausgestellt, die er 1951 dem DONAUKURIER aufgetischt hat. Und es gibt die von mehreren Zeugen berichtete, nie bewiesene, aber auch nie widerlegte Wiederkehr des für tot erklärten Karl Gabriel.

Krämer: Es gibt auch die Meinung, dass Gabriel dieser russische Kommissar war. Da mischen sich die Gerüchte.

Kaptur: Wenn man sich nur auf die Fakten beruft, stellt man fest, dass die Polizei schon Mitte April 1922, also kurz nach dem Mord, nach dem Verbleib von Gabriel geforscht hat. Vielleicht hat man der Kripo zugetragen: Wenn er überlebt hätte, hätte er das stärkste Motiv gehabt. Nach dem Ersten Weltkrieg sind tatsächlich noch letzte versprengte Soldaten in einem Schattendasein heimatlos unterwegs gewesen oder haben sich Freikorps angeschlossen.



Aber Gabriel war nicht als Deserteur gemeldet. Klassenkameraden wollen sogar seine Leiche gesehen haben.

Reiß: Es gibt aber viele Menschen, die im Krieg nachrichtenlos verschwunden sind.

Kaptur: Es kam damals dazu, dass schnell Verdächtigungen gegen einzelne Familien laut geworden sind. Die haben sich dann verstärkt, je weiter die eigene Familie in den Fokus gerückt ist. Das war ein sich selbst verstärkendes System.

Reiß: Was hier deutlich sichtbar wird, finde ich sehr spannend: Es gibt einerseits eine mündliche und andererseits eine schriftliche Überlieferungskultur – und beide hängen irgendwie zusammen. Die Polizei fragt nach bestimmten Dingen, und die Leute erzählen Geschichten oder denken sich Geschichten aus. Aber manchmal laufen diese Welten auch unabhängig nebeneinander her. Die Leute unterhalten sich, und die Polizei bekommt es nicht mit – oder erst Jahre später, weil sie es nicht schafft, sich unters Volk zu mischen.

Kaptur: Genau. Die Polizei war zwar noch bei der Beerdigung der Opfer dabei und hat die Stimmung aufgenommen, aber die Münchner Kripo war dann viel zu weit weg.



Besteht bei Ihnen dennoch Einigkeit, dass die Kripo im Rahmen ihrer damaligen Möglichkeiten gut gearbeitet hat?

Kaptur: Ja. Wir haben mehr Respekt für die Ermittlungen gewonnen, auch durch die Aufarbeitung für die Ausstellung.



Der Fall fasziniert viele bis heute. Aber darf man bei einem sechsfachen Mord überhaupt von Faszination sprechen?

Kaptur: Ja. Wir schauen auch immer drauf, dass die Opfer als Opfer präsent bleiben und keine Sensationsgier aufkommt.

Krämer: Für mich, der sich schon ewig damit beschäftigt, ist es wichtig, immer wieder mal einen Schritt zurückzugehen, von außen draufzuschauen und zu sagen: Das ist immer noch ein Mord mit sechs Opfern, und davor braucht man Respekt!

Reiß: Für uns war in der Ausstellung wichtig: Wir wollen niemanden beschuldigen.



Sie sind alle Laienforscher auf professionellem Niveau und widmen dem Fall sehr viel Freizeit. Was motiviert Sie dazu?

Mathisz: Meine Motivation war, dass ich noch ein bisschen mehr wissen wollte, als die ZDF-Dokumentation von 2009 bietet. Es ist das Spannende, die Brücke zu schlagen und das angelesene Wissen mit den Originalwortlauten zu vergleichen, um dann zu sehen, dass es noch mal eine ganz andere Interpretation gibt. So kann man sich dann zwischen Fakten und Gerüchten entlanghangeln und sich ein wenig der Wahrheit nähern – Detektivarbeit eben.

Krämer: Meine Motivation ist der Forschergeist. Wir waren im Forum mal an dem Punkt, wo wir gesagt haben: So viel Neues kann es gar nicht mehr geben. Aber es ist mein persönlicher Ansporn zu erwidern: Das glaube ich nicht! Es gibt immer noch Sachen, die unentdeckt sind. Es ist auch weiter mein Ansporn, Neues zu entdecken. Dazu gehört auch, es zu schaffen, dem einen oder anderen Opfer ein Gesicht zu geben und Fotos von ihnen zu finden.

Kaptur: Eine große Motivation ist die Richtigstellung. Dass man Gerüchte eindämmt. Es ist widerlich, wenn Menschen im Internet unter vollem Namen beschuldigt werden, zum Beispiel die Familie Schlittenbauer. Alois Schlittenbauer, den Sohn von Lorenz Schlittenbauer ( ein Nachbar der Opfer, d. Red. ) durften wir kennenlernen. Es ist einfach schlimm, die Auswirkungen der unbewiesenen Verdächtigungen zu sehen. Und wenn man nur auf Gerüchte stößt und überhaupt keine Fakten hat, die einen Tatverdacht erhärten wie bei Schlittenbauer, finde ich das sehr schade.

Mathisz: Auch über die Opfer gibt es viele Gerüchte. Etwa über das Wesen von Viktoria Gabriel. Da geht es manchmal auch um Böswilligkeiten. Leute, die ein Opfer oder einen Verdächtigen nur anhand von ein paar Satzfragmenten vorverurteilen, wieder auf den Boden zu bekommen, ist für mich ein ganz großer Ansporn!

Kaptur: Ein Beispiel ist Viktorias zweieinhalbjähriger Sohn Josef, den man als Inzest-Kind darstellt, obwohl er das wohl nicht war ( als Vater war Schlittenbauer eingetragen, der sich auch zu dem Kind bekannte; es gibt keine Hinweise auf eine Vaterschaft Andreas Grubers, Viktorias Vater, d. Red. ).

Mathisz: Es heißt immer wieder, die Grubers hätten zurückgezogen gelebt, aber andere sagen, sie seien hilfsbereit gewesen. Wir können über vieles nur spekulieren, weil wir diese Leute nicht kennen.



Wer von Ihnen glaubt, dass man den Fall noch lösen kann?

Kaptur: So lang kein Schriftstück auftaucht und lückenlose Beweise liefert, wird das nicht der Fall sein.

Krämer: Ich kann es mir auf fast keinem Weg vorstellen, den Fall noch aufzuklären. Wenn es so ein Schriftstück gäbe, wäre es wohl in Familienbesitz.

Mathisz: Und da s würde dann sicher angezweifelt werden. Die Frage ist auch, ob die Klärung des Falls heute wirklich noch das Interessanteste ist, oder ob nicht die Erforschung aller Teilbereiche, die dieser Fall bietet, heute viel interessanter ist – ob das die Polizeiarbeit ist oder das Zwischenmenschliche damals.

Reiß: Das macht für die Ausstellung genau den Reiz aus. Dass der Fall ungelöst ist, öffnet die Perspektive, um in all diese Bereiche des Lebens genauer hineinzuschauen. Denn wenn ein Fall schon gelöst ist – das kennt man auch von Krimis –  , achtet man nicht mehr auf Ungereimtheiten.

Kaptur: Die vielen Rätsel, die offenbleiben, machen die Faszination dieses Falls aus.



Schauen wir uns mal exemplarisch eine Theorie zur Lösung des Falls an, um zu demonstrieren, wie Sie vorgehen. Im Roman „Kainegg“ meines Kollegen Mathias Petry tötet der alte Bauer nach einem Streit mit seiner Tochter in einem Amoklauf seine Familie und die Magd. Tage später bemerken Nachbarn die Morde – und erschlagen den Täter in einem Akt von Selbstjustiz. Das düstere Geheimnis des Dorfes. Was halten Sie davon?

Krämer: Dann müsste es eine zeitliche Differenz beim Tod der Opfer geben. Da ist bei der Obduktion aber nichts festgestellt worden – bis auf die kleine Cilli, die die anderen um ein paar Stunden überlebt hat.

Kaptur: Außerdem waren die Verletzungsmuster bei allen sechs Opfern auffällig ähnlich. Alle hatten vorwiegend auf der rechten Gesichtshälfte heftige Verletzungen von einem Schlagwerkzeug, auch der alte Gruber. Das Schraubenmuster wie bei den anderen wurde bei ihm aber nicht festgestellt.

Reiß: Mir ist diese Theorie zu literarisch. Mir fällt da „Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt ein. Die Vorstellung also, als gäbe es da eine Dorfgemeinschaft, die ein so schweres Verbrechen solidarisch vertuschen möchte. Das halte ich für unrealistisch.



Es könnte aber dennoch so gewesen sein!

Mathisz: Es könnte so vieles gewesen sein! Aber mich interessiert immer: Worauf basiert eine Idee?



Wenn ich gewusst hätte, dass Sie diese Theorie so zerpflücken, hätte ich eine andere gewählt!

Mathisz: Das hätte nichts genützt, denn wir würden jede Theorie zerpflücken!



Zum Schluss noch ein Gedankenspiel: Wenn Sie die Möglichkeit hätten, dem Chefermittler Georg Reingruber am 5. April 1922 am Tatort einen Satz zuzurufen, welcher wäre das?

Kaptur: Schau genau hin!

Krämer: Und bleib länger am Tatort als nur zehn Stunden!

Reiß: Setz dich ins Wirtshaus und höre, was die Leute reden.

Krämer: Ach ja: Und macht mehr als nur fünf Tatortfotos!



Das Gespräch führte Christian Silvester.