Hinterkaifeck
Der Einödhof Hinterkaifeck
Foto aus dem Album von Adelheid Schurius
Hinterkaifeck
Wir schreiben das Jahr 1922. Agatha Christie war damals 32 Jahre alt, ihr erster Kriminalroman mit ihrem belgischen Helden Hercule Poirot war soeben erschienen. Seine Spezialität war jenes Zusammentreffen aller Beteiligten an einem möglichst isolierten Ort. Poirot machte dann immer die Runde und erklärte jedem Verdächtigen, warum er doch nicht der Mörder war, und dem einen Unverdächtigen, warum er es war. Wie mag das gewesen sein, wenn sich Agatha Christie einen neuen Kriminalfall für ihr nächstes Buch ausdachte? Womöglich so:

Nehmen wir also ein abgeschieden gelegenes Gebäude, weit genug weg, damit niemand Schreie hören würde, wenn es hier zu einer Gewalttat käme. Die Menschen, die hier leben, stehen natürlich allesamt in Beziehungen zueinander, gerne in sehr persönlichen Verstrickungen. Der Vater und die Tochter könnten beispielsweise ein inzestuöses Verhältnis gehabt haben, da wäre ja auch schon der erste Konflikt, der einem Krimi guttut. Die Tochter ist natürlich ausnehmend attraktiv. Und sehr begehrenswert - ein richtiger Hingucker.

Und es sind zwei Kinder da. Man weiß nicht, ob sie aus diesen verbotenen Zusammentreffen stammen oder vom Ehemann der Tochter. Ja, der Ehemann. Der ist natürlich im Krieg gefallen. Oder noch besser: Wir lassen offen, ob er gefallen ist oder ob er womöglich fahnenflüchtig war. Das wäre gleich das nächste Motiv. Jedenfalls ist der Ehemann nicht mehr da. Also brauchen wir einen Liebhaber, dafür nehmen wir am besten gleich einen Nachbarn - und schon lassen sich dann neue unerhörte Verstrickungen schaffen.

Der Nachbar, der ist auch Witwer, und weil er die schöne Tochter nicht bekommt, heiratet er eben eine andere. Die ist sehr viel jünger als er und bringt auch noch ein uneheliches Kind in die Beziehung ein. Beide bekommen ein gemeinsames Kind, das kurz nach der Geburt stirbt.

Und just nach diesem Tod wird die schöne Nachbarin brutal ermordet. Der Täter würgt sie erst, dann zertrümmern neun Hiebe mit einer axtá †ähnlichen Haue ihre Schädeldecke.

Die junge Frau stirbt nicht allein. Alle sterben. Die ganze Familie wird ausgelöscht. Auch der nur zweieinhalbjährige kleine Bub und die Magd, die erst am Abend zuvor ihren Dienst auf dem Hof angetreten hat. Mit brutaler Gewalt erschlagen.

Ein paar Tage lang liegen die Leichen einfach da, vier von ihnen auf einen Haufen gestapelt. Das schafft Raum für Spekulationen. Die Tat bleibt zunächst unentdeckt. Bis zu jenem 4. April 1922. Und es ist ausgerechnet der ehemalige Liebhaber, der die Leichen findet, sodass er auch gleich selbst unter Verdacht gerät.

Ja, könnte Agatha Christie denken: Mit diesen Zutaten lässt sich doch ein richtig schön gruseliger Kriminalroman stricken.

Aber in dem Stoff ist noch viel mehr drin. Wir sind ja kurz nach dem Ersten Weltkrieg, in der Zeit der Einwohnerwehren. Der inzestuöse Vater hat womöglich auch noch heimlich Waffengeschäfte getätigt, er hat zum Beispiel, sagen wir, Pläne für die Synchronisation von Maschinengewehren und Propellern auf Kriegsflugzeugen gelagert. Überall in der Einöde lungern Soldaten herum und wollen an diese Pläne.

Und was ist mit dem im Krieg gefallenen Ehemann? Er, der Deserteur, könnte sich doch über die Jahre in die Heimat zurückgekämpft haben. Was er dann sah, wird ihm überhaupt nicht gefallen haben. Und dann könnte er sich nach Russland abgesetzt haben, wo er in die Rote Armee eintritt und einen Weltkrieg später besonders nett zu Soldaten ist, die aus seiner Heimat stammen.

Ach ja, und wir brauchen noch einen Kommissar. Einen aus der Großstadt. Mit ihm haben wir auch die politische Komponente gefunden, weil dieser Kommissar nämlich eigentlich damit befasst ist, Morde aufzuklären, die in den Wirren der Weimarer Republik verübt werden. Oder: Stand der sechsfache Mord in der abgeschiedenen Einsamkeit am Ende ebenfalls im Zusammenhang mit politischen Interessen?

Vorsicht, nicht übertreiben! Wenn man einen Krimi konstruiert, nicht zu viel! Aber das ist bei dieser Geschichte eh schon zu spät. Absolut unglaubwürdig. All das soll auf einem Einödhof irgendwo in Bayern passieren? Ach was. Niemals!

Und doch: Wäre das, was in jenen Tagen vor dem 4. April 1922 auf dem Einödhof von Hinterkaifeck geschah, Stoff für einen Roman - er wäre viel zu konstruiert. Hinterkaifeck kann man nicht erfinden, denn so etwas, das gibt's eigentlich gar nicht. Die Wirklichkeit kann so viel grausamer sein als die Fantasie. Und das eben Aufgezählte ist alles die Wirklichkeit. Nichts als die Wirklichkeit.

95 Jahre ist er nun her, jener Sechsfachmord, der die Gemüter bis heute erhitzt, der nach wie vor Jahr für Jahr Hunderte Schaulustige bei Fackelwanderungen zum Tatort am Rand der legendär gewordenen Dreieckswiese nahe dem Hexenhölzl lockt, wenige Hundert Meter nördlich von Waidhofen bei Schrobenhausen.

Man sagt, es sei in der Nacht vom 31. März zum 1. April geschehen, tatsächlich weiß man nicht einmal das genau. Der Chefermittler, Georg Reingruber aus München, hatte sich aus drei Gründen auf das Datum festgelegt: weil die Tochter des Hauses am 1. April nicht in der Schule war. Weil zwei Kaffeehändler am 1. April in Hinterkaifeck klopften und niemanden antrafen. Und weil in der Küche des Tatorts das Kalenderblatt vom 1. April nicht abgerissen war.

Der Hohenwarter Gendarm Hans Anneser, der mit der Gerichtskommission am 4. und 5. April an der Hausdurchsuchung in Hinterkaifeck beteiligt war, sah das beispielsweise völlig anders. Er gab später zu Protokoll: "Die Feststellung, dass der Mord in der Nacht von Freitag auf Samstag verübt wurde, ist nicht meine Ansicht." Er ging davon aus, dass es in der Nacht von Samstag auf Sonntag geschah. "Ich hab' den eigenen Verdacht aber gar nicht geäußert und mir gesagt, der siebengescheite Herr Inspektor soll sich nur selbst den Kopf zerbrechen und nach dem Täter fahnden."

Nichts, zumindest fast nichts, ist bei diesem Kriminalfall sicher. So ist es kein Wunder, dass die Ermittler des Internetforums hinterkaifeck.net behaupten, sie könnten jede Theorie zerlegen. Jener "siebengescheite Herr Inspektor" Georg Reingruber ist nicht ganz unschuldig daran. Er hatte sich am Tatort sofort auf einen Verdächtigen festgelegt, einen Mann, dessen Namen kaum jemand je gehört hat, der sich einmal mit Hinterkaifeck befasst hat: Josef Bärtl. Weil der Kripo-Mann so sicher war, wurde nicht gescheit ermittelt. Und weil nicht gescheit ermittelt wurde, sind so viele Fragen offen - mit der Konsequenz, dass der Mordfall Hinterkaifeck heute ein Mythos ist.

Auch noch 95 Jahre danach.

Das neue Hinterkaifeck-Buch

Hinterkaifeck Buch
Anlässlich der Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseum in Ingolstadt und des 95. Jahrestags des Mordfalls von Hinterkaifeck hat der DONAUKURIER jetzt einen Sonderdruck aufgelegt. Das Sachbuch ist ab sofort über den Verlag, im Museum und auf der miba erhältlich.
Mathias Petry
Hinterkaifeck

Im neuen Sachbuch über den Mordfall von Hinterkaifeck, das der DONAUKURIER jetzt herausgibt, werden die wichtigsten Mosaiksteine dargestellt, die bis heute über dieses grausame Verbrechen zusammengetragen worden sind. In Kooperation mit mehreren Hinterkaifeck-Experten, die sich auch für das Internetforum hinterkaifeck.net engagieren, sowie mit Nachkommen von Zeitzeugen haben sich zwei Redakteure des DONAUKURIER über Jahre diesem Fall angenähert. Sie legen Zusammenhänge dar, räumen mit einigen Mythen auf und bringen schon fast Vergessenes wieder zum Vorschein.

So spielt ein gewisser Josef Bärtl aus Geisenfeld in dem knapp 250 Seiten starken Buch eine Rolle – er war der allererste Tatverdächtige; selbst so mancher Hinterkaifeck-Fan wird diesen Namen zuvor noch nicht gehört haben. Der Fall Hinterkaifeck wird im Buch von vielen Seiten beleuchtet. Gängige und weniger bekannte Mordtheorien sind darin zusammengefasst. Ein Kapitel widmet sich intensiv Lorenz Schlittenbauer, der damit leben musste, von vielen für den Mörder gehalten zu werden.

Das Buch „Hinterkaifeck. Ein Kriminalfall mit 6 Toten, der die Menschen bewegt“ gibt es ab sofort in allen Geschäftsstellen des DONAUKURIER und seiner Heimatzeitungen sowie im Polizeimuseum. Es wird auch auf der Mittelbayerischen Ausstellung (miba, Volksfestplatz Ingolstadt) am Stand des DONAUKURIER (Halle 2) vorgestellt: am 2. April um 13 Uhr und am 7. April um 15 Uhr.