Ingolstadt: Hinterkaifeck   aus Sicht der Polizei
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Ingolstadt

"Das ist einer der Fälle, der die Bayerische Polizei fast bis heute beschäftigt", sagt Ansgar Reiß, der Direktor des Armeemuseums. Zu diesem gehört auch das Bayerische Polizeimuseum. Insofern ist es für Reiß geradezu logisch, den Hinterkaifeck-Fall nun von einer anderen Perspektive aufzubereiten.

Denn dieser Mordfall ist fast so alt wie die Bayerische Polizei selbst. 1919 wurde die Gendarmerie vom Militär getrennt, gerade mal drei Jahre später passierte das Unfassbare. Eine ganze Familie wurde ausgelöscht, inklusive zweier Kinder und der Magd. Was den Fall bis heute so spannend macht, sind die Umstände: Es ging um Inzest, um Waffengeschäfte, um Kabale und Liebe. Reiß: "Der Fokus der Ausstellung liegt für uns auf der Geschichte der Polizeiarbeit - wie die Polizei in verschiedenen Phasen herangegangen ist."

Wobei sich die Polizei damals nicht mit Ruhm bekleckert hat. Die Ermittlungen gelten heute als geradezu sträflich nachlässig: Es wurden nur fünf Tatortfotos gemacht, es wurden keine Fingerabdrücke genommen, bei der Obduktion wurde der Todeszeitpunkt nicht bestimmt. Ansgar Reiß weiß das wohl. "Die Polizei hat den Fall nicht lösen können", nickt er. "Wenn man heute drauf schaut, ist es kaum verständlich, warum sich der Täter nicht hat finden lassen."

Die Idee, Hinterkaifeck zur Ausstellung zu machen, entstand, als Mitglieder eines Hinterkaifeck-Forums aus dem Internet zu Besuch waren. Eine davon: Jasmine Kaptur (42) aus Stuttgart. Die Diplom-Meteorologin ist seit bald einem Jahrzehnt vom Kaifeck-Virus erfasst. "Freunde von mir hatten sich als Ausstatter für eine Pro7-Produktion über Hinterkaifeck beworben", erzählt sie. Dann hat sie mal gegoogelt. 2011 übernahm sie das Forum www.hinterkaifeck.net samt einer gigantischen Datenbank - jetzt ist sie mittendrin statt nur dabei. "Ich will Antworten auf Fragen", sagt die Naturwissenschaftlerin zu ihrer Motivation.

Fragen gibt es im Fall Hinterkaifeck viele. Nicht nur die ewige Suche nach dem Täter. Es geht um viel mehr: Wie war das Leben damals? Was bedeutete das für die Menschen auf dem Land, mit einem solchen Verbrechen konfrontiert zu sein? Und eben auch: Welche Rolle spielte die Polizei?

Gemeinsam haben das Museum und das Internetforum das Konzept für die Ausstellung entwickelt, die am 23. September eröffnet werden soll. Zu viel will natürlich noch keiner verraten, aber zumindest dies: "Der Besucher wird die Polizei bei ihrer Arbeit begleiten, er wird sich die Informationen nach und nach entschlüsseln", sagt Kaptur. Die Konzeption sei weitgehend abgeschlossen, jetzt gehe es darum, die Materialien aufzubereiten.

Und es wird Neues gezeigt. "Es gibt da ein paar Sachen, die aufgetaucht sind", kündigt Museumsdirektor Reiß schon einmal an. Das Staatliche Museum hatte bei seinen Recherchen offenbar Zugriff auf einige Akten, die man bislang nicht kannte. So soll unter anderem das Geheimnis gelüftet werden, wer die Hellseher waren, die einst im Zuge der Ermittlungen von der Polizei eingeschaltet worden waren. Allein darüber streiten sich bis heute die Geister: Waren es nur die Schädelplatten, oder waren es die ganzen Köpfe der Mordopfer, die von ihrem Körper abgetrennt wurden, um übersinnlichen Medien zur Verfügung gestellt zu werden? "Aufgrund dieser Akten kann man verschiedene Querverbindungen herstellen", verspricht Ansgar Reiß. Mehr mag er noch nicht verraten. Jasmine Kaptur auch nicht. Es bleibt spannend - zumindest bis zum 23. September.