Ingolstadt: Hiebe aus der Finsternis
So sah die Tatwaffe aus: Replik der Reuthaue, angefertigt von Kriminalhauptkommissar a. D. Konrad Müller; das Original, das erst ein Jahr nach dem Mord beim Abbruch des Bauernhofes entdeckt wurde, verbrannte 1944 bei einem Bombenangriff. Der Täter schlug mit der stumpfen Seite zu, die hier rechts zu sehen ist. Das stellten die Gerichtsmediziner fest, weil die unten vorstehende Schraube in allen sechs Schädeln das gleiche Muster hinterlassen hatte. - Foto: Hauser
Ingolstadt

In der Nacht zum Mittwoch war der Münchner Kriminalkommissar Georg Reingruber mit fünf Kollegen in Hinterkaifeck eingetroffen. Am frühen Morgen hatten sie mit der Tatortarbeit begonnen. Jetzt, da der Doktor zu Werke ging, war die Polizei schon wieder weg. Eine Leiche nach der anderen wurde auf die Tür gelegt. Allen Opfern war der Schädel zertrümmert worden. Am Hals der 35-jährigen Viktoria Gabriel, der Hofeigentümerin, entdeckte Aumüller Würgemale. Mit ihr starben ihre Kinder, die siebenjährige Cäzilia, genannt Cilli, und der zweieinhalbjährige Josef, ferner ihre Eltern, der Austragsbauer Andreas Gruber (63) und dessen Frau Cäzilia (72), sowie die Magd Maria Baumgartner (44). An diesem Morgen blickte der Landgerichtsarzt in Hinterkaifá †eck, sechs Kilometer nordöstlich von Schrobenhausen, dem Grauen ins Gesicht.

Außer den Würgemalen bei Viktoria fand Aumüller bei keinem Opfer weitere Verletzungen, keine Spuren eines Kampfes. Der Täter musste die Hofbewohner völlig überraschend, aus der Finsternis heraus ermordet haben. Allerdings entdeckte der Landgerichtsarzt auf allen Schädeln ein eigenartiges, identisches Muster: Löcher, wie von einer Art Bolzen in die Köpfe getrieben. Ein Hinweis auf die verschwundene Tatwaffe; die Kriminalpolizei hatte sie nicht gefunden. Am nächsten Tag vollendete Aumüller die Obduktion, wieder unter freiem Himmel. Weil er die ungewöhnlichen Einschlagspuren der Hiebe nicht erklären konnte, entschied er sich für eine Maßnahme, die heute bizarr anmuten mag, damals allerdings einer gängigen Praxis entsprach: Er trennte den Opfern die Köpfe ab und schickte sie in das gerichtsmedizinische Institut der Münchner Universität. Auf dass die Kollegen das Muster entschlüsselten.

Die Experten präparierten die Schädelknochen und identifizierten die charakteristischen Verletzungen genauer. Zur großen Überraschung der Rechtsmediziner und Ermittler konnten sie ein Jahr später doch noch in Händen halten, was die seltsamen Löcher in die Schädel gebohrt hatte: Beim Abbruch des Hinterkaifeck-Hofes, den dessen Erben (die Familie von Cäzilia Grubers Halbschwester) veranlasst hatten, tauchte auf einmal die Tatwaffe auf. Eine sogenannte Reuthaue. Eine Art "Spitzhacke ohne Spitze", so erklärt es Ansgar Reiß, der Leiter des Bayerischen Polizeimuseums. Man erkannte deutlich: Der Täter hatte nicht mit dem Blatt des Werkzeugs zugeschlagen, sondern mit der Rückseite des Stiels. Hier ragte eine Vierkantmutter hervor. Die Erklärung für das grausige Muster.

Die Reuthaue existiert nicht mehr, sie verbrannte 1944 zusammen mit allen anderen Asservaten und den meisten Ermittlungsakten in Augsburg bei einem Bombenangriff. Aber es gibt eine originalgetreue Replik, die in der Ausstellung "Mythos Hinterkaifeck" zu sehen ist. Angefertigt hat sie Konrad Müller aus Wettstetten, Kriminalhauptkommissar a. D.. Er ist inzwischen über 80, aber der Fall lässt ihn immer noch nicht los. Jahrzehntelang hat Müller alle überlieferten Dokumente ausgewertet, Spuren verfolgt, Hinterbliebene aus dem Umfeld der Opfer befragt. Und ein bekanntes Aquarell gemalt. Es zeigt den Hof von Hinterkaifeck bunt und düster zugleich.

Die Tatwaffe gibt immer noch Rätsel auf: "Es ist die Frage, ob es überhaupt möglich war, in den niedrigen Räumen mit dem langen Ding zuzuschlagen, ohne an der Decke anzustoßen", sagt Reiß; zwei der Opfer, Josef und die Magd, wurden in ihren Stuben ermordet, die anderen vier Toten fand man im Stall. Dort hatte der Täter genug Platz, um weit auszuholen. Aber starb die Familie wirklich dort? Man kann es nicht mit Gewissheit sagen. Wie so vieles in diesem unheimlichen Fall.

 

In der nächsten Folge der Serie geht es um den Tatort.