Faszination zwischen Grauen und Spaß
Pfaffenhofen (DK) Ein bisschen "Aktenzeichen XY ungelöst", ein bisschen Spielfilm, ein bisschen Dokumentation: "Hinterkaifeck – die wahre Geschichte hinter Tannöd" hat von allem etwas. Bei der Premiere des Dokudramas am Samstagabend im Kino Pfaffenhofen präsentierte Drehbuchautor und Regisseur Kurt Hieber zwar wieder nicht den Mörder von Hinterkaifeck, aber er hat die Herzen der Menschen berührt.

Plausch am im Kino nachgestellten Fundort der Toten von Hinterkaifeck (von links): Kurt Hieber, Günther Katzenmüller, Sabine Zimmermann und Michaela Forderberg-Zankl. - Foto: bo
Besonders spannend gestaltete sich die Premiere in Pfaffenhofen auch deswegen, weil die Kinobesucher bei dieser Gelegenheit auch viele an dem Dokudrama Mitwirkenden treffen konnten: angefangen von zahlreichen Laiendarstellern aus der Region über Filmemacher Kurt Hieber bis hin zu Herstellungsleiterin Sabine Zimmermann, die mit ihrer Münchner Firma Securitel in erster Linie die "Aktenzeichen XY"-Folgen produziert. Und Michaela Forderberg-Zankl, eine junge Kriminalkommissarin, die beziehungsweise deren Abschlussklasse an der Polizei-Fachhochschule Fürstenfeldbruck nicht ganz unschuldig daran war, dass Kurt Hieber nach seiner ersten Hinterkaifeck-Dokumentation von 1991 das Thema nun erneut aufgegriffen hat.
Forderberg-Zankl, die in Hiebers Dokudrama immer wieder mit ausführlichen Statements zu Wort kommt, und ihre Kollegen hatten es sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit zur Aufgabe gestellt, den Fall "Hinterkaifeck" mit den heute zur Verfügung stehenden kriminaltechnischen Methoden neu aufzurollen und zu prüfen, ob das Verbrechen damit hätte aufgeklärt werden können. Doch die letzte Frage nach dem Mörder blieb auch dabei offen. Und bleibt es weiterhin. Denn auch wenn die in Kurt Hiebers Film gezeigten Spuren bezüglich der Identität des Mörders eine ziemlich eindeutige Sprache sprechen, dann sagt Michaela Forderberg-Zankl in dem Beitrag dennoch und wiederholte es auch am Samstagabend mit Nachdruck: "Der letzte Beweis fehlt".
Die damals angehenden und inzwischen tatsächlichen Kommissare sind indes nur ein Grund für Hiebers Dokudrama. Ein weiterer ist eine selbst ernannte Internet-Soko Hinterkaifeck, die zeigt wie aktuell und faszinierend das Thema offenbar auch heute noch für viele junge Menschen ist, sowie der Erfolgsroman "Tannöd" von Andrea Maria Schenkel.
Wovon aber die tatsächliche Faszination des Falles Hinterkaifeck ausgeht? Eine Frage, die auch am Samstagabend erneut vielfach an Kurt Hieber herangetragen wurde und für die es nur eine vage Antwort gibt: "Wer von dieser Geschichte einmal gehört hat, den lässt sie nicht mehr los". So wie im Übrigen auch Kurt Hieber selbst, der als ein in der Region Gebürtiger die Geschichte von Kindesbeinen an kennt. Den, wie er sagt, "das emotionale Chaos, das offenbar auf dem Einödhof Hinterkaifeck herrschte", reizte und herausforderte. In dieser Form sei so etwas letztlich nur in Landschaften möglich, in denen ein sehr orthodoxer Glaube, in diesem Fall der Katholizismus, vorherrsche.
Diese Landschaften und die Menschen, die hier leben, zeigt Hieber in emotional packenden Bildern, in eindrucksvoller und geradezu bedrückender Schönheit zugleich. Und noch ein Faszinosum in Zusammenhang mit Hinterkaifeck: Das Interesse an diesem, einem der grauenvollsten Verbrechen in der deutschen Kriminalgeschichte überhaupt, lebt nicht zuletzt von einer nahezu absurden Mischung aus Grauen und einer etwas gedämpften und zurückhaltenden Form von Spaß am Grauen.
Am Samstagabend zum Beispiel sichtbar in einer im Eingangsbereich aufgebauten Szenerie, die – den Original-Tatortfotos nachempfunden – den Fundort der Leichen darstellte. Und in einer langen Schlange von Zuschauern, die unbedingt ein von Kurt Hieber persönlich signiertes Kinoplakat, das Günther Katzenmüller aus Vohburg als einen der Hauptdarsteller in der Rolle von Andreas Gruber – dem alten Bauern von Hinterkaifeck – beim Hantieren mit der Tatwaffe zeigt, ergattern wollten.
Von Stefan Boos


