Ingolstadt: "Eine forensische Katastrophe"
Gebannter Blick auf die Replik der Tatwaffe: Der mysteriöse Mord vor 94 Jahren zieht immer noch viele Menschen in seinen Bann: Seit der Eröffnung am 22. September haben schon fast 2500 Besucher die Ausstellung im Bayerischen Polizeimuseum im Turm Triva gesehen. Rechts das Marterl zu Erinnerung an die sechs Opfer an der Stelle, wo der Einödhof Hinterkaifeck bis 1923 gestanden hat. - Fotos: Hauser, Richter
Ingolstadt

In der Münchner Kreuzstraße wird zur selben Zeit Kriminaloberinspektor Georg Reiná †gruber von einem Gendarmen aus seiner Wohnung geklingelt. Die Meldung: sechsfacher Mord irgendwo hinter Schrobenhausen. Reingruber, 55 Jahre alt, bei der Polizei seit 1891, eilt sofort ins Präsidium zurück. Dort wartet schon sein Kollege, Kriminalkommissär Georg Neuß. Gegen 21.30 Uhr steigen sie mit Andreas Biegleder vom Erkennungsdienst, Oberwachtmeister Hermann Kraus und zwei Hundeführern (ihre Tiere heißen Flora und Argus) in die nagelneue, mit Kriminaltechnik ausgestattete Dienstlimousine. Es beginnt eine Fahrt durch die Nacht. Als die Ermittler in Wangen eintreffen, ist es 1.30 Uhr. Weil sie keine Scheinwerfer dabei haben, ist an Tatortarbeit nicht mehr zu denken. Also setzen sich die Münchner bei Bürgermeister Greger in die Stube - und nehmen den ersten grausigen Bericht zu Protokoll.

In aller Frühe marschieren die Polizisten zum Hof. Es beginnt die Vermessung einer Welt des Schreckens. Mit einigen Unzulänglichkeiten. Biegleder zum Beispiel macht nur fünf Tatortfotos; warum es nicht mehr werden, bleibt sein Geheimnis. Auf dem Dachboden entdecken die Ermittler zwei Mulden in einem Strohhaufen; es schaut aus, als hätten dort zwei Menschen gelegen. Waren es Raubmörder, die von dort den Hof ausgekundschaftet haben? Um 16.30 Uhr treten die Münchner die Heimfahrt an. Warum verlassen sie den Tatort nach nicht einmal zehn Stunden?

90 Jahre später geht Konrad Müller aus Wettstetten, Kriminalhauptkommissar a. D. und jahrzehntelang unermüdlicher Privatermittler in diesem Fall, mit den Kollegen von damals hart ins Gericht. In einem DK-Gespräch sagt er: "In den Akten sind Namen, Orte, Zahlen, Uhrzeiten ungenau, falsch oder sie fehlen. Die Tatortsituation ist äußerst dürftig beschrieben, die Umgebung gar nicht. Außerdem: Keine Sicherung der Fingerabdrücke, Beschreibungen nur grob und flüchtig. Ist das Vieh nach der Tat gefüttert worden? Wichtige Zeugen wurden erst Jahre später oder gar nicht vernommen."

Olaf Krämer urteilt gnädiger. Er ist Administrator des fundierten Forums www.hinterkaifeck.net und einer der versiertesten Kenner des Falls. Er sagt: "Was die Ermittler in Hinterkaifeck vorgefunden haben, war eine forensische Katastrophe für Spurensicherer! Denn bis zu diesem Zeitpunkt waren schon Dutzende Schaulustige über den Tatort getrampelt." Es habe keinen Sinn mehr ergeben, nach Fingerabdrücken zu suchen. Der Einsatz in Hinterkaifeck war überdies eine Premiere: "Zum ersten Mal ist die Münchner Kripo zu einem Mord aufs Land ausgerückt, vorher haben so etwas die Gendarmen vor Ort bearbeitet. Aber weil die Kripo jetzt in komplett neuen Strukturen arbeitete, hat das zu immensen Reibungsverlusten geführt", erklärt Krämer.

Sensible Befindlichkeiten kamen vermutlich erschwerend hinzu. Die Dorfpolizisten fühlten sich von den Kriminalern aus der Landeshauptstadt "wie Landeier behandelt", so Krämer. Der Experte nimmt Reiná †gruber und dessen Kollegen in Schutz: "Die Münchner Kripo hat im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Arbeit geleistet!"