Ansgar Reiß, Leiter des Bayerischen Armeemuseums in Ingolstadt, bekommt gerade zu spüren, was es bedeutet, einen Mythos anzufassen. Sein Haus bereitet eine Hinterkaifeck-Ausstellung vor, die am 23. September im Turm Triva im Ingolstädter Klenzepark öffnet. Es gab nicht viel mehr als einen Zeitungsartikel über das, was da kommt, vor ein paar Wochen, dazu ein wenig Internetgeschwurbel - das hat schon genügt. "Die Resonanz ist anders als sonst", nickt er. "Wir haben kaum Werbung gemacht, und man ist im Gespräch. Hier geht alles von allein." Seit Wochen gebe es immer wieder Anfragen, wann es denn endlich losgeht - und sogar vorab schon erste Schenkungen. "Wir haben tatsächlich einiges bekommen, unter anderem ein weiteres originales Sterbebild", berichtet Reiß.

MYTHOS HINTERKAIFECK (1)

Wie erklärt er sich den Hype? "Diese Geschichte ist im Bewusstsein der Menschen verankert, man könnte sagen: Sie ist ein Teil der Heimat Bayerns geworden", sagt Reiß.

Es geht um einen Mord, der am 4. April 1922 entdeckt wurde. Sechs Leichen auf dem Einödhof Hinterkaifeck im Gemeindebereich Waidhofen bei Schrobenhausen. Der Mord wurde nie geklärt, aber es gab Dutzende Theorien, noch mehr Verdächtige und ein Umfeld, das den Stoff für Mythen bildet. Es geht um Sex, um Geld, um Neid, um Inzest - das alles in der Abgeschiedenheit einer in sich fast geschlossenen Welt. So beginnen viele Krimiklassiker. Und hier war kein Sherlock Holmes, kein Hercules Poirot, kein Lord Peter Wimsey zugange, sondern ein rechtschaffener - und ob der Umstände wohl reichlich überlasteter - bayerischer Kriminaler, Georg Reingruber (kleines Bild).

Seine Rolle im Fall wird bis heute hinterfragt. Auch deshalb geht die Ausstellung, die den vollständigen Titel "Mythos Hinterkaifeck - Auf den Spuren eines Verbrechens" trägt, ganz anders an den Fall heran als alles, was es bisher gab: Der Hinterkaifeck-Mord wird mit den Augen der Polizei erzählt.

Direktor Reiß kooperiert dabei eng mit den Betreibern des Internetforums hinterkaifeck.net. Die Beteiligten versprechen sich davon einiges: "Ich bin gespannt, inwieweit die Ausstellung dazu motivieren kann, noch mehr Dinge zum Vorschein zu bringen", sagt Reiß, "wie weit sich das, was aus den Erzählungen in den Köpfen ist, materialisiert."

Wir nehmen die Ausstellung zum Anlass für eine vierteilige Serie. In der nächsten Folge: Ermittlungen über die Ermittler