Ingolstadt: Ein Vaterunser für die kleine Cilli
Rekonstruktion des Hinterkaifeck-Hofes im Maßstab 1:87, Exponat der Ausstellung im Polizeimuseum. Im Stall (rechter Gebäudeflügel) wurden vier der sechs Leichen gefunden. Das Anwesen war von drei Seiten von Wald umgeben, dahinter verläuft der Weg zwischen Schrobenhausen/Mühlried und Gröbern, der nächstgelegene Ort, rund 500 Meter entfernt. 1923 wurde der Hof abgerissen. - Foto: Hauser
Ingolstadt

In der Waidhofener Schule wird an diesem Montag die Cilli vermisst. Lehrer Georg Sellwanger lässt die Klasse ein Vaterunser für die Siebenjährige sprechen, auf dass sie bald wieder gesund werde. In der Kirche waren die Hinterkaifecker am Sonntag auch nicht, erzählen die Kinder. Merkwürdig. Doch noch denkt niemand daran, dass auf dem Hof irgendetwas nicht stimmen könnte.

Auch Hofner nicht. Der Mitarbeiter einer Pfaffenhofener Firma hat den Auftrag, einen 4-PS-Dieselmotor zu reparieren. Nach einer Stunde, in der sich auf dem Hof immer noch nichts gerührt hat, des Wartens überdrüssig, biegt er das Schloss an der Tür zum Maschinenhaus auf und macht sich ans Werk. Noch immer brüllt das Vieh und bellt der Hund. Aber den 20-Jährigen irritiert das nicht allzu sehr, denn er hat gehört, dass der alte Gruber ein Sonderling sein soll, der oft ewig auf dem Feld bleibt (siehe Hofners Zeugenaussage im Kasten). Als der Motor nach viereinhalb Stunden Arbeit wieder läuft, verlässt er den Hof, immer noch, ohne dort jemanden gesehen zu haben. So gibt er es bei der Polizei zu Protokoll. Allerdings wird der Monteur erst drei Jahre nach der Tat befragt.

Erst am Dienstag werden Anwohner aktiv. Im nahen Nachbardorf Gröbern finden es Ortsführer Lorenz Schlittenbauer (47), Michael Pöll (57) und Jakob Sigl (30) sehr seltsam, dass schon seit Freitag keiner aus der Familie Gruber/Gabriel mehr gesehen worden ist. Am Nachmittag gehen sie zu dem abgelegenen Bauernhof, hören das Vieh brüllen, betreten das Anwesen über das von Hofner geöffnete Maschinenhaus und stoßen mit vereinten Kräften die Tür zum düsteren Stall auf. Da entdecken sie vier Tote.

Der Täter hatte alle Leichen zugedeckt (oder waren es mehrere Täter? Man weiß es nicht). Austragsbauer Andreas Gruber (63), seine Frau Cäzilia (72), deren Tochter, die Hofbesitzerin Viktoria Gabriel (35), und ihr Kind Cäzilia, genannt Cilli (7), liegen unter einer ausgehängten Tür, mit Heu überhäuft. Die Magd Maria Baumgartner, die in ihrer Kammer erschlagen wurde, ist unter Bettwäsche begraben. Den Kinderwagen, in dem der zweieinhalbjährige Josef, Viktorias Sohn, ermordet wurde, verhüllt ein Unterrock.

Auf dem Herd stehen Reste des Abendessens. Später entdeckt die Polizei, dass auf dem Dachboden an mindestens zwei Stellen Ziegel verschoben sind, sodass man das Anwesen gut sehen kann; kurz vor der Tat ist eine Magd entsetzt vom Hof geflohen, weil sie sich beobachtet fühlte. Maria Baumgartner ist ihre Nachfolgerin; sie stirbt am Abend ihrer Ankunft.

Einige Jahre nach dem Mord kommt die These in Umlauf, der Täter habe sich noch einige Tage auf dem Hof aufgehalten, um das Vieh zu füttern und die Kühe zu melken (deshalb auch die verhüllten Leichen), aber die Akten geben das eigentlich nicht her. In Zeugenaussagen sowie im Augenscheinprotokoll des Neuburger Oberamtsrichters Johann Wießner, der vor der Kripo den Tatort inspiziert, ist von nervösen, ja sogar brüllenden Kühen die Rede.

Auch der Hund gibt Rätsel auf. Am Montagnachmittag sieht ihn der Monteur angebunden im Hof, am Dienstag finden ihn die drei Entdecker der Leichen verletzt im Stall. Mysteriös. Der zweite Schuh des alten Gruber taucht auch nicht mehr auf. Das ist nur der Anfang einer langen Liste von Merkwürdigkeiten.

Was waren die alten Grubers und ihre Tochter, die Kriegerwitwe Viktoria, für Leute? "Sie lebten ziemlich eingekapselt", sagt Ansgar Reiß, der Leiter des Polizeimuseums. "Ihre Haustür, die sich zum Weg nach Gröbern hin öffnet, haben sie zugemauert und einen Wasserlauf für das Vieh daran vorbeigelegt." Man konnte den Hof nur von der hinteren, dem Wald zugewandten Seite aus betreten. Auf der Rekonstruktion des Anwesens im Maßstab 1:87, ein Exponat der Ausstellung, ist das gut zu erkennen. "Die Familie war durchaus vermögend", sagt Reiß. "Elektrizität gab es hier keine." Die oft erwähnte Abgeschiedenheit Hinterkaifecks müsse man indes relativieren. Es war eine Einöde, "aber Gröbern ist ja nur 500 Meter weg". Dennoch ist die Einsamkeit "ein Teil des Schauerlichen" - wie so vieles in diesem Fall.

 

In der nächsten Folge geht es um die Tatortarbeit der Polizei.