Ingolstadt: Das Grauen nimmt kein Ende
Ein Marterl erinnert an der Stelle des abgerissenen Hofes an die Ermordeten. ‹ŒArch - foto: Hofmann
Ingolstadt

Warum auch die Kinder? Josef, zwei Jahre alt, wurde in seinem Kinderwagen erschlagen, seine siebenjährige Schwester Cäzilia im Stall des abgelegenen Bauernhofs. Man fand das Mädchen neben seiner Mutter, der Kriegerwitwe Viktoria Gabriel (35) und deren Eltern, dem Austragsbauern Andreas Gruber (63) und seiner Frau Cäzilia (72). Die Magd Maria Baumgartner (44) lag tot in ihrer Kammer. Alle waren mit einer Hacke ermordet worden. In der Nacht zum Samstag, den 1. April 1922, kam das Grauen über das Schrobenhausener Land.

Und es nimmt kein Ende. Bis heute. Der Sechsfachmord von Hinterkaifeck bewegt, erschüttert und - ja auch das - fasziniert viele Menschen ob seiner düsteren Aura, der mysteriösen Umstände und bizarren Details. Die schauderhafte Ermordung einer ganzen Familie auf einem Weiler in der Tiefe Bayerns sprengte die Grenzen alles bis dato Vorstellbaren. Das Urerlebnis des Bösen. Und es ist noch nicht vorbei.

Geblieben sind viele Fragen: brennende, verstörende, resignierende. Alles Fragen, auf die es niemals eine Antwort geben wird. Denn der Fall ist ungelöst und wird es für immer bleiben. Doch das stille Sehnen, jene vage Hoffnung, es könne sich aus der Finsternis der Vergangenheit vielleicht doch noch die eine alles klärende Spur auftun, nährt die Faszination für den geheimnisvollsten Mordfall in der Geschichte Bayerns, den Mythos Hinterkaifeck.

Wer war es? Ein Einzeltäter? Oder mehrere? Niemand kann es sagen. Handelte es sich um eine Beziehungstat? Gar um einen Amoklauf? Wurden die Grubers in den blutigen Wirren nach dem Ersten Weltkrieg von Freikorpssoldaten ermordet? Man munkelte, dass der Bauer illegal Waffen hortete. Oder fiel die Familie - grausam-banal - Raubmördern zum Opfer? Die Polizei fand auf dem Hof zwar - gut versteckt - fast 2000 Goldmark, aber keinerlei Papiergeld. Die Reihe der Merkwürdigkeiten und offenen Fragen ließe sich noch lang fortsetzen.

Die Magd war erst einen Tag vor dem Mord in Hinterkaifeck eingetroffen. Wer fütterte nach der Bluttat auf dem Hof tagelang heimlich das Vieh, bis Nachbarn die Leichen entdeckten? Wieso fertige der Fotograf der Münchner Kriminalpolizei nur fünf Aufnahmen vom Tatort an? Fünf! Warum inspizierten Kriminalkommissar Georg Reingruber und seine Kollegen den Hof und dessen Umgebung nur wenige Stunden lang? Und was um alles in der Welt dachten sich die Ermittler bloß dabei, die bei der Obduktion abgetrennten Köpfe der Opfer in Nürnberg von einem selbst ernannten Medium begutachten zu lassen? Wenigstens darauf gibt es eine Antwort: Weil sie hofften, von übersinnlichen Kräften auf die richtige Spur gelenkt zu werden; ein Wahnsinn.

Nach 1945 haben Kriminalbeamte die Ermittlungen dafür um so sachlicher und akribischer wiederaufgenommen, über Jahrzehnte verfolgten sie Hunderte Spuren; der Fall hat sie nie losgelassen. Diesem Aufklärungseifer ist es zu verdanken, dass Akten zum Fall Hinterkaifeck, von denen kein Archiv etwas wusste, in den Besitz des Bayerischen Polizeimuseums gelangt sind, einer Abteilung des Armeemuseums. Die Ordner überdauerten auf den Schreibtischen unermüdlicher Ermittler, bis diese in Pension gingen. "Es ist etwa eine weitere Tatortskizze aufgetaucht, und man kann jetzt das Medium identifizieren", erzählt Museumsleiter Ansgar Reiß. "Der Mord hat alle Generationen der bayerischen Polizei intensiv beschäftigt." Einige dieser Neuentdeckungen sowie weitere Dokumente, Repliken und Szenenbilder sind ab morgen in der Ausstellung "Mythos Hinterkaifeck" zu sehen.

Die Kuratoren bieten sehr viel Material auf, um ein Gefühl für die Zeit um 1922 zu vermitteln. Sie erläutern auch die Möglichkeiten und Grenzen der damaligen Polizeiarbeit - mit Verständnis für die "erschwerten Bedingungen" der Ermittler im Fall Hinterkaifeck. Reiß: "Da ist das halbe Dorf über den Tatort getrampelt." Er ist von den "vielen Geschichten fasziniert, die sich am Mythos Hinterkaifeck entzünden". Acht davon will die Ausstellung erzählen. Eines aber liefert sie definitiv nicht: eine Theorie zur Lösung des Falls. Die Düsternis wird nie vergehen. Das Gruseln nimmt kein Ende.

Die Ausstellung "Mythos Hinterkaifeck" im Bayerischen Polizeimuseum im Trum Triva wird am morgigen Donnerstag um 15 Uhr eröffnet. Der Schauspieler und Autor Winfried Frey liest aus Original-Ermittlungsakten. Die Veranstaltung ist öffentlich. Ab Freitag ist die Ausstellung dienstags bis freitags von 9 bis 17.30 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 17.30 Uhr zu sehen.