Eine Magd, die entsetzt das Weite gesucht hatte, weil sie sich beobachtet fühlte. Ihre Nachfolgerin, die erst am Tag vor der Tat in Hinterkaifá †eck eingetroffen war und noch ihre Stiefel trug, als sie starb. Berichte über geheimnisvolle Spuren im Schnee, die zu dem Einödhof führten, aber nicht mehr retour. Und viele weitere mysteriöse Begebenheiten. Das größte Rätsel gibt die entscheidende Frage auf: Wer war der Mörder? Man weiß es nicht.

Das Bayerische Polizeimuseum im Turm Triva hat dem "Mythos Hinterkaifeck" jetzt eine Sonderausstellung gewidmet. Seit der Eröffnung am 22. September wurden bisher schon fast 2200 Besucher gezählt, berichtet Museumsleiter Ansgar Reiß. Ein großer Erfolg und auch deshalb bemerkenswert, weil es streng genommen nicht allzu viel zu sehen (aber um so mehr zu lesen) gibt, denn die meisten Ermittlungsakten und sämtliche Asservate verbrannten, als das Gebäude der Staatsanwaltschaft Augsburg im Februar 1944 bei einem Bombenangriff in Flammen aufging.

Die Kuratoren der Ausstellung zeigen deshalb Repliken, kleine Inszenierungen, Faksimiles der raren Akten, die als Abschriften in Polizeidienststellen den Krieg überstanden hatten, und die wenigen Originaldokumente, die es noch gibt. Alles, was man seriös über den Mord sagen kann, wird - eingebettet in den historischen Kontext - aus Sicht der Ermittler anschaulich auf Tafeln dargestellt: die Struktur des Hofes, die komplizierten Familien- und Erbschaftsverhältnisse, die Verletzungen der Toten, die Tatortarbeit der Münchner Kripo, der Stand der Ermittlungen 1922, dann in den 30ern, als zwei Verdächtige kurz in Untersuchungshaft kamen, und wieder in den 50ern, als die Verjährung des Mordes drohte (der Grundsatz "Mord verjährt nie" wurde erst 1969 eingeführt), und pflichtbewusste Kriminaler alle Register zogen, weil sie befürchteten, der Täter könne ungestraft davonkommen.

1951 ermittelten sie gegen Anton Gump. Dessen Schwester Kreszentia Maier hatte ihn Jahre zuvor auf dem Sterbebett des sechsfachen Mordes in Hinterkaifeck bezichtigt. Aber es ließ sich nicht beweisen. Zu einer Anklage kam es nie. 1955 wurden die Akten für immer geschlossen. Offiziell zumindest. Doch mehrere Polizeibeamte, die dieser Fall ein Leben lang nie losgelassen hat, forschten weiter; Aktenordner mit Ermittlungsergebnissen hatten sie griffbereit in ihren Büros stehen, wo das Material - von anderen Rechercheuren im Fall Hinterkaifeck unbemerkt - die Jahrzehnte überdauerte. Nachdem die Beamten in Pension gegangen waren, gelangten die Dokumente in den Besitz des Bayerischen Polizeimuseums, und die Hinterkaifeck-Forschung war völlig unverhofft um neue, noch nie publizierte Quellen reicher, etwa Tatortskizzen aus den 50ern. Auch sie sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Kuratoren der Schau, darunter drei Experten des Internetforums www.hinterkaifeck.net, wollen den Fall nicht lösen; das wäre - da darf man sich nichts vormachen - auch nicht mehr möglich. Sie bieten dafür ein stimmungsvoll präsentiertes Panoptikum der vielen Kapitel der Großerzählung Hinterkaifeck mit all ihren düsteren Vorgeschichten, mysteriösen Umständen, unerhörten Begebenheiten, gruseligen Details, abenteuerlichen Legenden, bizarren Fußnoten - und deren tief ins Mythische abdriftende Tradierung über nun schon 94 Jahre.

Der Mord von Hinterkaifeck ist längst ein weithin bekannter Gemeinplatz des Schreckens, ein Topos für das Urerlebnis des Bösen, das gnadenlos tief in der Heimat zuschlägt und unheimliche Unerklärbarkeit zurücklässt. Eine Chiffre des ewig Rätselhaften in einer rationalen Welt.

 

Die Sonderausstellung "Mythos Hinterkaifeck - Auf den Spuren eines Verbrechens" im Bayerischen Polizeimuseum im Turm Triva im Klenzepark ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 17.30 Uhr zu sehen. Die Schau dauert mindestens bis Herbst 2017. Mit der Eintrittskarte für die Sonderausstellung kann man auch das Polizeimuseum besichtigen.