Ingolstadt: Böses Gerede und düstere Geschichten
Geheimnisvolles Hinterkaifec - Foto: Vielleicht zeigt es Andreas Gruber (r.) und seine Tochter Viktoria. Links ist wohl Georg Greger zu sehen, der Bürgermeister von Wangen. Es könnte aber auch sein, dass das Bild erst nach dem Mord entstand und der Mann rechts Bernhard Gruber ist, der sich um den Hof bis zu dessen Abriss 1923 kümmerte. Allerdings halten Experten das für unwahrscheinlich. Die vieldiskutierte Aufnahme ist erst 2012 in einem privaten Fotoalbum aufgetaucht. ‹ŒFoto: Gemeinde Markt Hohenwart
Ingolstadt

Es ist Samstag, der 8. April 1922. Die Särge stehen zur Überführung auf den Friedhof von Waidhofen bereit. Dort werden Andreas Gruber, Cäzilie Gruber, Viktoria Gabriel, ihre Kinder Cäzilie Gabriel, Josef Gabriel und die Magd Maria Baumgartner am Nachmittag beigesetzt. Man schätzt, dass bis zu 3000 Menschen auf den kleinen Friedhof geströmt sind. Die kollektive Gefühlslage dürfte sich irgendwo zwischen Trauer, Entsetzen und Sensationsgier bewegen, anders ist diese Masse nicht zu erklären. Eine Woche nach der Ermordung einer Bauernfamilie und ihrer Magd ist der Fall für manch fernen Zeitungsleser ein schaurig-schönes Ereignis.

Das Foto vom Kinderwagen neben den teils geschmückten Särgen schoss ein (heute unbekannter) Fotoreporter. Möglich, dass er den Kinderwagen (in dem der tote Josef drei Tage zuvor zur Obduktion im Hof geschoben wurde) um des Effektes willen ins Bild gerollt hat. "Es kann sein, dass es sich hier um einen frühen boulevardesken Anstrich handelt", sagt Olaf Krämer, ein Administrator des Forums www.hinterkaifeck.net, der an der Ausstellung im Polizeimuseum mitgewirkt hat.

Es gibt nur ganz wenige Fotos im Kontext des Mordes. Verdächtig wenige. Überliefert sind fünf Tatortfotos der Kripo (vermutlich wurden auch gar nicht mehr angefertigt). 2012 taucht ein Foto aus einem Privatalbum auf, das vielleicht den Hinterkaifeck-Bauern Andreas Gruber und dessen Tochter Viktoria Gabriel auf dem Hof zeigt (der ihr 1914 überschrieben worden ist). Olaf Krämer hat auch dieser Merkwürdigkeit nachgespürt: Wieso sind von den Opfern sonst keine Fotos in Umlauf? Hochzeitsbilder, Porträts - irgendwas? Nichts. Es gibt solche Fotos, jedoch: "Sie befinden sich wohl öfter im Besitz von Leuten, die einmal als Tatverdächtige galten - und deren Nachfahren wollen daran sicher nicht mehr erinnert werden", sagt Krämer. Das Heer der Angeschuldigten ist groß. "Jedes Dorf hat eine andere Theorie, wer der Täter war."

Das provoziert viel böses Gerede, falsche Verdächtigungen und tiefe Verletzungen, unter denen auch die Kinder aller hemmungslos der Tat Bezichtigten zu leiden haben. Die Polizei prüft 65 Anzeigen gegen namentlich genannte Personen - ergebnislos. Zu einer Anklage kommt es nie. Konrad Müller, Kriminalhauptkommissar a. D. und Privatermittler in der Sache Hinterkaifeck, erzählt 2012, dass er in der Verwandtschaft der Familie Gruber "mit etwas Hartnäckigkeit ein paar Hochzeitsfotos gesehen" hat. Er habe aber versprochen: "Keine Namen!" Müller hat auch herausgefunden, "dass es bei den Grubers kurz vor der Tat einen heftigen Streit gegeben hat".

Es ist eine seltsame, etwas heruntergekommene, der Welt weithin abgewandte Familie mit düsteren Geheimnissen, die jedoch schnell die Runde machen. Man weiß: Andreas Gruber und seine Tochter sind wegen eines inzestuösen Verhältnisses vorbestraft. Er hatte deshalb 1915 eine einjährige Haftstrafe verbüßt, Viktoria musste vier Wochen ins Gefängnis. Am 12. Dezember 1914 war ihr Ehemann Karl Gabriel - höchstwahrscheinlich - an der Westfront in Frankreich gefallen. Am 7. September 1919 kommt Josef Gabriel auf die Welt. Andreas Gruber wird der Vormund des unehelichen Kindes. Als Vater ist jedoch Lorenz Schlittenbauer eingetragen, einer der Nachbarn, die 1922 die Leichen entdecken. Kurz nach der Geburt zeigt er Gruber wegen Inzests an. Der Austragsbauer muss für einige Tage in Untersuchungshaft; die Leute munkeln, der Opa sei der wahre Vater des Buben. Schlittenbauer zieht die Anzeige auf Druck Viktorias zurück. 1920 wird Gruber vom Tatvorwurf freigesprochen. Was für Verhältnisse!

2006 taucht in Hagelstadt, 100 Kilometer von Hinterkaifeck entfernt, unerwartet eines der Sterbebilder für die Opfer auf; Stefan Rosenmeier hat es in seinem Besitz entdeckt und für die Ausstellung im Polizeimuseum ausgeliehen. In Gabelsberger Kurzschrift (ein Vorläufer der Stenografie) hat jemand, vermutlich ein Pfarrer, in heiligem Zorn böse Worte auf das Bildchen gekritzelt: "Blutschande, Strafe Gottes!" Das sexuelle Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist ein düsteres Kapitel in der Vorgeschichte des Verbrechens, das viele Zeitzeugen stark aufwühlt und die Wahrnehmung des Falls intensiv prägt.

Einige Jahre nach dem Mord kommt die Theorie auf, Viktorias Mann Karl Gabriel sei gar nicht im Krieg gefallen, sondern heimlich nach Hause zurückgekehrt. Er habe die Toten auf dem Gewissen. Das ist sehr unwahrscheinlich, denn an der erstarrten, mit Hunderten Kilometern Schützengräben befestigten Westfront Ende des Jahres 1914 verschwindet man nicht einfach so spurlos. Außerdem bestätigen Zeugen seinen Tod. Als Deserteur ist Gabriel auch nicht gemeldet worden. Doch manch gottesfürchtiger Christ mag sich vielleicht gewünscht haben, der Totgeglaubte sei wirklich wiedergekehrt, um die Blutschande von Hinterkaifeck mit Mörderhand zu rächen.