Pfaffenhofen: Wie der Strom nach Pfaffenhofen kam
Aus dem Jahr 1908 stammt dieses Foto, In dem Gebäude mit dem hohen Kamin war das Dampfkraftwerk untergebracht, das die Süddeutsche Wasserwerke AG Nürnberg 1898 auf dem Semmelmühlanger an der heutigen Abzweigung des Münchener Vormarktes von der Schulstraße errichtete. - Foto: Stadtarchiv Pfaffenhofen
Pfaffenhofen

Als der Laternenanzünder noch jeden Tag mit einer langen Zündstange durch die Straßen der Stadt zog und die Öl- und Petroleumlaternen entflammte, da erstellte im Jahre 1895 die Maschinenfabrik Stocker, die Maschinen für Landwirtschaft und Gewerbe fertigte, eine elektrische Beleuchtungsanlage auf dem Hauptplatz. Vier Kohlebogenlampen wurden mittels Freileitung von ihrem Dampfwerk in der Münchener Straße aus mit Strom versorgt. Eine gleißende Helligkeit verbreitete diese neue Erfindung, die damals bereits in vielen Großstädten für Bewunderung sorgte. Hell wie im Sonnenlicht zeigte sich der Hauptplatz. Doch für die häusliche Beleuchtung waren diese Bogenlampen durch das Abbrennen zweier sich gegenüberliegenden Kohlestifte zu grell und auch zu teuer. Die Wohnräume wurden weiterhin mit Öl- und Petroleumlampen erhellt. Mit der Straßenbeleuchtung begann für alle Menschen sichtbar die neue Zeit der Elektrizität.

Im Jahre 1898 baute die Süddeutsche Wasserwerke AG Nürnberg auf dem Semmelmühlanger, an der heutigen Abzweigung des Münchener Vormarktes von der Schulstraße, unter Mitwirkung des gebürtigen Pfaffenhofener Ingenieurs Josef Bergmeister - als damaliger Generalbevollmächtigter der Firma - ein Dampfkraftwerk, das mit fossilem Brennmaterial die thermische Energie von Wasserdampf in einer Turbine nutzte. Kupferdrähte wurden als Stromleiter für Straßenlampen an Häusern angebracht. Und am 4. September 1899 ging die neue Beleuchtung mit elektrischen Glühlampen in Betrieb.

Mit den Glühlampen kam das elektrische Licht in die Haushalte. Der Mensch konnte sich durch das künstliche Licht von dem natürlichen Tagesrhythmus, der bis dahin sein Leben bestimmte, unabhängig machen.

Im Jahre 1908 wurde mit der Übernahme der Süddeutschen Wasserwerke AG, die bereits zwei Wasserkraftwerke an der Isar, sowie zwei weitere in Hohenwart und Englmannszell an der Paar betrieb, die "Amperwerke EAG" gegründet. Der weitere Ausbau der Stromversorgung stand unter der technischen Leitung von Josef Bergmeister, der einen maßgeblichen Anteil hatte, dass seine Heimatstadt beim Aufbau des Unternehmens besondere Berücksichtigung fand (eine Straße der Stadt trägt heute seinen Namen).

Pfaffenhofen war vor 100 Jahren mit ein Ausgangspunkt für die flächendeckende Elektrifizierung von fast ganz Oberbayern, mit Ausnahme der Stadt München. 1911 wurden bereits 250 Orte mit elektrischem Strom versorgt. Der Strom war in den ländlichen Gemeinden nicht überall geheuer. Eine Gemeinde nördlich von Geisenfeld lehnte im Jahre 1916 die Elektrifizierung strikt ab - "mit dem Teufelszeug wollen wir nichts zu tun haben" - bestimmte der Rat. Doch die neue Zeit war nicht aufzuhalten. Dachständer zierten die Häuser, ein Netz von Drähten zog sich durch Städte und Dörfer bis in die entferntesten Winkel des Landes. Transformatorenstationen setzten die Mittelspannung in Niederspannung um.

Im freien Gelände bei dem Dampfkraftwerk wurde in den folgenden Jahren fleißig gebaut. Ein großes Betriebsgebäude mit Werkstätten für die Fertigung von Anlagen und Leitungsbau entstand. Werkstätten für Transformatoren, für die Reparatur und Wartung von Geräten. Eine Anlage für die Messtechnik, dazu eine Lehrwerkstatt. Ein großes Schalthaus mit einer Freiluftanlage. Und eine eigene Betriebsfeuerwehr.

Weitere Wasserkraftwerke entstanden an der Amper. Das Dampfkraftwerk hatte inzwischen seinen Dienst quittiert, da der Strom mittlerweile von den Wasserkraftwerken erzeugt und mit Leitungen in das Umspannwerk zur weiteren Verteilung geführt worden war. Im Kraftwerkgebäude entstand nach Umbau die Bezirksleitung, zuständig für Planung, Bau- und Unterhalt des Stromnetzes. Pfaffenhofen war eine der acht Bezirksleitungen im Versorgungsbereich der Amperwerke. Ihr Zuständigkeitsbereich erstreckte sich über den gesamten Landkreis Pfaffenhofen und Teile der Landkreise Aichach-Friedberg, Neuburg- Schrobenhausen, Eichstätt, Kelheim und Freising.

1954 wurde in der Ingolstädter Straße die Betriebszentrale für Messtechnik gebaut, zur Prüfung und Einstellung der Stromzähler, Schaltuhren und weiteren Messgeräten. 1955 erfolgte die Fusionierung mit dem Wasserkraftwerksbetreiber Isarwerke AG. Isar-Amperwerke AG nannte sich von nun an das Unternehmen.

Im Zuge der voranschreitenden Industrialisierung und Modernisierung, besonders nach dem Zweiten Weltkrieg, als immer mehr elektrische Geräte mit hohem Anschlusswert in den Betrieben wie auch in den Haushalten installiert wurden, entstand 1960 bis 1969 im erweiterten Gelände ein neues großes Werkstätten-Zentrum, um für den ständig steigenden Strombedarf gerüstet zu sein. Eine Ausbildungsstätte mit Wohnheim kam dazu, ein Materiallager und Kasinobau für die circa 350 Mitarbeiter. Um 1970 erfolgte eine Neustrukturierung im nördlichen Versorgungsbereich der Bezirksleitung Pfaffenhofen.

So manch schwierige Situation musste das Werk in seiner über 100-jährigen Stromversorgung überwinden. So die Kupferaktion im Zweiten Weltkrieg: Kupfer wurde im großen Umfang in der Rüstungsindustrie benötigt. Wegen der Knappheit des Materials verlangte das Reich den Abbau der Kupferdrähte aus dem Leitungsnetz. Als Ersatz wurden Stahlseile mit einer beträchtlich schlechteren Leitfähigkeit aufgelegt.

In den 1960er Jahren jagte die Hopfenernte mit ihren neuen Pflückmaschinen den Stromverbrauch in die Höhe - Verzehnfachung der Spitzenlast. Für wenige Wochen im Jahr mussten zusätzliche Leitungen und Transformatorenstationen errichtet werden.

Durch den hohen Aufwand an Unterhaltsarbeiten und Störungen im Freileitungsnetz begann man im weiteren Verlauf, Neuanschlüsse wie auch das gesamte Netz weitgehend zu verkabeln.

Nur wenige Dachständer auf den Häusern der Stadt zeigen heute noch von den Anfängen der Stromversorgung. Immer noch fest verwurzelt im Stadtbild stehen einige Turmstationen und erzählen ein Stück Stromgeschichte. Aus der Zeit als der Stromverbrauch gewaltig anstieg, als der Lichtstrom mit Kraftstrom verstärkt wurde. 1988 erfolgte der Umzug der Bezirksleitung in ein neues Verwaltungsgebäude. 2001 kam es zum Anschluss an den Energievertrieb E.on Bayern, einer Tochter des E.on Konzerns. 2013 wurde die E.on Bayern in Bayernwerk umfirmiert, da nach einer gesetzlichen Vorgabe Netzbetriebe und Energievertriebe voneinander getrennt sein müssen.