Jahrsdorf: "Spielerei in der Luft" endet mit dem Tod
Wendelin Meyer aus Jahrsdorf zeigt die Stelle, an der Johann Neuwirth mit dem Flugzeug abgestürzt ist. - Foto: Bader
Jahrsdorf

 

Wendelin Meyer sitzt an dem kleinen Esstisch in seinem Haus in Jahrsdorf und hält ein paar Notizen mit Nachforschungen in der Hand, die an den Tag des Absturzes einer Militärmaschine der deutschen Wehrmacht erinnern. Er weiß noch genau, was an diesem 25. Februar 1945 passiert ist. Der damals Zwölfjährige war an diesem Sonntagvormittag gerade vom Kirchenbesuch in Mindorf auf den elterlichen Hof zurückgekehrt. Als er dabei war, sein Sonntagsgewand abzulegen und sich das normale Werktagsgewand anzuziehen, hörte er über dem heimischen Hof ein unheilvolles Dröhnen.

"Den Ton habe ich sofort erkannt, das war der Propeller eines Flugzeugs", sagt er. "Der war richtig laut, hat nersch überdreht." Wendelin Meyer war sofort klar, dass das kein normales Motorengeräusch ist. Zu oft flogen deutsche wie amerikanische Flugzeuge über den Ort. "Ich habe sie ja immer wieder gesehen. Meistens waren es amerikanische Jabos, also Jagdbomber", erzählt er. "Die sind meistens sogar in großen Neunerformationen über die Häuser gedonnert. Ein jedes mit vier Maschinengewehren an der Seite und Bomben."

Eine solche Formation hat seiner ersten Vermutung nach auch die deutsche Maschine abgeschossen, die über Jahrsdorf raste. Vom Beschuss der Maschinen hat der damals Zwölfjährige allerdings nichts mitbekommen und auch Jagdbomber waren keine zu sehen - aber warum sollte ein Flugzeug sonst in eine solche Not geraten sein?

Nach dem Dröhnen kam nur noch eins: "Ein richtiger Bums", sagt Meyer. Und er war sich augenblicklich sicher: "Der ist abgestürzt." Sofort rannte Wendelin Meyer los. Und er musste nicht weit laufen. Nur gut 300 Meter vom Hof seiner Familie entfernt, nahe der heutigen Staatsstraße, wurde er fündig. "Da ist das Flugzeug senkrecht in den Acker, das muss eine richtige Explosion gegeben haben." Zu erkennen war nicht mehr viel, als Meyer sich dem qualmenden Loch in der Wiese näherte. "Ein paar Weichteile vom Piloten", sagt Meyer zögerlich, "und ein Pullover." Auch von dem Jagdflugzeug war nach dem heftigen Aufprall kaum noch etwas zu sehen. Es schlug ein mehrere Meter tiefes Loch in den Boden. "Nur ein paar Metallteile waren dann noch da."

Schnell hat sich herumgesprochen, woher die Maschine kam. "Die war in Roth stationiert." Und von da kam schon wenige Stunden später "ein kleiner Wagen mit einem Sarg. Die haben vom Piloten mitgenommen, was sie halt noch gefunden haben", sagt Meyer. Die Reste des Jagdflugzeugs blieben zurück.

Auch der Name des Piloten war schnell klar: Es war der 21-jährige Obergefreite Johann Neuwirth aus Lidhersch in Mähren. Ein Flugschüler des Jagdgeschwaders 104, der erst kurze Zeit zuvor in Roth stationiert worden und wahrscheinlich nur auf einem Übungsflug war. "Der hatte doch gegen einen solchen Angriff gar keine Chance", sagt Meyer nachdenklich.

Was er erst viel später erfahren hat, ist, dass am selben Tag ein weiteres Flugzeug der deutschen Wehrmacht abstürzte. Nur wenige Minuten vorher und gerade einmal fünf Kilometer Luftlinie entfernt - in Eysölden.

Hier saß der Unteroffizier Hans Wenser am Steuer, der nur vier Tage nach dem Absturz 21 Jahre alt geworden wäre. Er gehörte dem gleichen Jagdgeschwader an und schien mit Neuwirth sogar befreundet gewesen zu sein. Zumindest gibt es ein Foto, bei dem beide Männer zusammensitzen und sich unterhalten. Ist es wirklich nur eine seltsame Wendung des Schicksals, dass sie beide am gleichen Tag den Tod fanden?

Mehr über den toten Johann Neuwirth hat Meyer über Adolf Koneberg aus Inning am Ammersee erfahren. Dieser stammt nämlich aus Pyras und hat sich deshalb für die Geschichte des Absturzes interessiert. "Koneberg hat nachgeforscht und 2011 von der sogenannten Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht erfahren, dass es sich um einen Verwandten von ihm handeln könnte", so Meyer. "Die Schwiegermutter Konebergs, eine geborene Neuwirth, stammte ja aus Urbantsch in Mähren, nur wenige Kilometer vom Geburtsort des Piloten Johann Neuwirth entfernt."

Koneberg war es auch, der Jahre später den genauen Absturzort vermessen wollte und dafür mit einem Freund nach Jahrsdorf kam. "Ich weiß noch, wie der mit einem Metalldetektor herumgerannt ist", sagt Meyer. Vergeblich, bis sich Meyer erinnerte. "Geh näher an die Umgehungsstraße, sagte er ihm. "Es war näher an der Straße." Nach diesem Tipp wurden sie fündig, haben sogar noch Plexiglasteile der Kanzel und Metallteile gefunden. Teile einer Messerschmitt Bf 109 G-14. Eines Jagdflugzeugs, von dem über 30 000 Maschinen zwischen 1936 und 1945 im Einsatz waren und die unter anderem in Roth stationiert waren. Das bestätigt auch Werner Fuchs aus Schwabach, der die Geschichte des Rother Flughafens zusammenträgt. Er hat ebenfalls beide Abstürze verzeichnet. Einen Abschuss am frühen Vormittag zweifelt er allerdings an.

Weitere Nachfragen bei Koneberg und Werner Fuchs führen schließlich zu einem weiteren Zeitzeugen in Eysölden. Der ist zwar zurzeit erkrankt, doch sein Sohn gibt gern Auskunft. "Mein Vater hat es mir ja immer und immer wieder erzählt", sagt er. Der damals ebenfalls Zwölfjährige habe damals mit zwei Freunden im Garten einen Hasen angesehen. "Und dann kamen oben die Maschinen. Die waren ganz nahe beisammen, die haben geübt, die haben gespielt, hat mein Vater mir erzählt", sagt er. Doch dann sind die beiden Maschinen wohl aus Unachtsamkeit oder Übermut der jungen Piloten zusammengestoßen. Der Unteroffizier Hans Wenser konnte die Maschine scheinbar nicht mehr steuern. Er krachte direkt am Ortsrand in den Boden. "Das war ein richtiger Krater. Fünf oder sechs Meter tief, es hat ausgesehen wie ein Vulkan", erzählt der Sohn. Er möchte seinen und den Namen seines Vaters nicht in der Zeitung lesen. Zu oft hat man bei ihnen schon nachgebohrt. Hat immer wieder gefragt, weil man die Teile des Jagdflugzeugs gerne aus dem Boden holen möchte. "Ich will nicht, dass das schon wieder losgeht", sagt der Sohn.

Wendelin Meyer hätte dagegen durchaus Interesse, die Reste des in Jahrsdorf abgestürzten Flugzeugs zu bergen. Er zeigt den Platz, an dem Johann Neuwirth mit seiner Maschine den Tod fand: Von einem Feldweg an der Staatsstraße zwischen Hilpoltstein und der Autobahn macht Wendelin Meyer 33 große Schritte entlang der Staatsstraße und weitere 7 große Schritte in Richtung der Ackermitte. Die Koordinaten der Absturzstelle hat er genau im Kopf: 33 Meter entlang der Straße, 7,5 Meter davon entfernt.

Wendelin Meyer dreht einige Runden auf dem Acker, der 1945, als das Flugzeug genau hier abgestürzt ist, noch eine Wiese war. In der leisen Hoffnung, hier vielleicht noch heute etwas zu finden. Ein kleiner Brocken, den er vorsichtig umdreht, erweist sich nur als Stein. "Hier müsste man suchen", sagt Meyer. "Aber dazu brauchen wir einen Bagger, der Flieger liegt sicher gut fünf Meter tief." Auch wenn von dem leichten Tragwerk mit Sicherheit alles zerstört wurde, "zumindest der Motor müsste doch noch zu finden sein".

Doch Wendelin Meyer denkt nicht nur an die Maschine, sondern noch viel mehr an den jungen Soldaten, der wie sein Kamerad so unerwartet den Tod fand. "Hier wäre doch Platz für einen kleinen Gedenkstein mit einer Tafel", sagt er, als er wieder nahe am Feldweg steht und gedankenverloren zurück auf die Absturzstelle blickt.

Die beiden Kameraden haben auf dem Rother Friedhof ihre letzte Ruhe gefunden.