Pfaffenhofen: Kartoffeln ernten und Hopfen zupfen
Die drei Andre-Buben Erwin (damals acht Jahre alt, ganz oben), Martin (7, Mitte) und Adi (4) auf der Treppe des Elternhauses an der Schleiferbergsiedlung. Im Hintergrund ist der Garten der Familie samt Kartoffelacker zu sehen. Beim Anbau, bei der Vorbereitung der Bifänge und auch bei der Kartoffelernte selbst mussten die Buben kräftig mit anpacken. Nichts geschenkt wurde den Andre-Kindern auch bei der Hopfenernte. Ihre Mutter hatte eine Zupfstelle und auch die Buben waren von früh bis spät beim Hopfenzupfen per Hand eingespannt. - Foto: privat
Pfaffenhofen

"In Deutschland spricht heute niemand mehr von Kinderarbeit. Doch die gab es schon auch bei uns", sagt Andre. Familien, bei denen die Männer im Krieg waren, habe der Hunger und der Selbsterhaltungstrieb zu Schwerstarbeiten getrieben. Die Familie Andre war immerhin in der glücklichen Lage, dass sie in ihrem Garten in der Schleiferbergsiedlung Kartoffeln und allerlei Gemüse für den Eigenbedarf anbauen konnte. "Um diese Arbeit zu bewältigen, mussten meine Brüder Martin und Erwin und auch ich selbst mit anpacken", sagt Adi Andre. Das für den Kartoffelanbau vorgesehene Gartenstück musste schließlich von Hand bearbeitet werden. Mit dem Spaten gruben die Kinder die Fläche um und ebneten sie mit einem Eisenrechen. Dann kam der Kartoffelhauer zum Einsatz. Er diente zur Erstellung der Bifänge, in die die sogenannten Saatkartoffeln eingelegt wurden. "Damit die Kartoffeln zum Anbau ausreichten, schnitt unsere Mutter sie wenn nötig in zwei Teile", erinnert sich Andre. Dann wurden die ins Erdreich eingelegten Kartoffeln mit dem Hauer angehäuft und so entstanden die Bifänge. "Durch diese schwere Arbeit mit den Gartengeräten haben wir Kinder uns öfters Blasen an den Händen geholt, die sehr schmerzhaft waren." Wenn einige Zeit später die Kartoffeln leicht austrieben, häufte man die Bifänge erneut mit Humus an und so entstand ein Kartoffelacker. Immer wieder musste dann das Unkraut entfernt werden, damit sich die Kartoffelstöcke besser entwickeln konnten. Auch da waren die Kinder gefragt. Ebenso wie nach der Kartoffelblüte, wenn sie die Engerlinge von den vom Kartoffelkäfer befallenen Stauden entfernen mussten. Und im Herbst, wenn die Ernte anstand, erwartete die Andre-Buben wieder Schwerstarbeit: Mit einer Kartoffelhacke wurden die Erdäpfel aus den Bifängen herausgeholt und in Körbe geklaubt. Mit einem Leiterwagerl brachten Erwin, Marin und Adi die vollen Körbe zur Aufbewahrung in den Keller. "Eine mühevolle Arbeit, bis alles an Ort und Stelle war", sagt Adi Andre, aber: "Mit den selbst angebauten Kartoffeln hatten wir nun Nahrungsmittel, die unsere Mutter vielseitig verwenden konnte. Zum Beispiel bereitete sie Kartoffelgemüse mit Einbrenne zu, das als Mittagessen galt und den Hunger stillte." Auch Röstkartoffeln mit Spiegelei standen öfters auf dem Mittagstisch der Familie. Ade Andre: "Für die Sonntage fertigte sie sogar mit Kartoffeln einen Kuchen. Letztlich hat sich die mit dem Kartoffelanbau verbundene Mühe gelohnt und uns über diese schlechte Zeit hinweg geholfen." Nicht nur im eigenen Gemüsegarten und auf dem Kartoffelacker mussten die Andre-Buben zupacken, sondern auch bei der Hopfenernte. "Unsere Mutter hatte seinerzeit eine Zupfstelle im Hopfengarten des Gastwirtes Zum Moosburger Hof. Circa 14 Tage lang dauerte dort die Hopfenernte", schaut Andre zurück: "Tag für Tag fuhren wir bei jeder Witterung mit dem Radl zum Hopfengarten von der Schleiferberg-Siedlung bis in die äußere Moosburger Straße." Etwa 15 Personen arbeiteten dort im Hopfengarten. Ein Hopfenstangler holte die Reben mit einer Stange, an der ein Haken angebracht war, vom Haltedraht herab. Dann mussten die Dolden abgezupft werden und wurden in einer Hopfenkirm gesammelt. "Wenn die Kirm voll war, trugen wir Kinder sie zum Hopfenmeister zur Abmessung", berichtet Andre: "Der hatte eine Blechwanne, in der jeweils ein Metzen (60 Liter) abgemessen wurde und dann in einen Rupfensack kam. Für jeden abgelieferten Hopfen-Metzen gab es ein Metzenzeichen. "Wir Kinder waren von früh bis abends voll beim Zupfen eingesetzt und mussten unsere Zupfreihe immer sauber von jeglichem Abfall halten."

Für viele Familien war das Hopfenzupfen in dieser schlechten Zeit eine willkommene Einnahmequelle. Schließlich gab es auch ein gutes Mittagessen und nachmittags eine kleine Brotzeit, die in den Hopfengarten gebracht wurde. "Man musste Essgeschirr und Besteck von zu Hause mitbringen", weiß Adi Andre: "Für die Kinder gab's ein Springerl, also eine Limonade, und für die Erwachsenen eine Flasche Bier." Ein Pferdefuhrwerk brachte das Essen und holte zugleich die mit Hopfen gefüllten Säcke ab, die dann in die Darre kamen, wo der Hopfen getrocknet wurde. Nach Beendigung des Hopfenzupfens wurden die Metzenzeichen mit dem Besitzer abgerechnet und in Geld ausbezahlt, bis 1947 in Reichsmark, ab 1948 in D-Mark. Im Moosburger Hof gab es zum Abschluss noch das "Hopfenmahl" für alle Zupfer. Ein ausgiebiges Essen mit Getränken war der zusätzliche Lohn für die Hopfabrocka-Zeit. Adi Andre: "Dass schon die Kinder bei der Hopfenernte harte Arbeit leisten mussten - darüber hat sich damals keiner einen Gedanken gemacht."