Laibstadt: Ein Gebäude, das aus der Zeit gefallen ist
Laibstadt Hausnummer 62: Nur wenige Bilder sind vom ehemaligen Hirtenhaus erhalten geblieben. ‹ŒRepro: Herler
Laibstadt

Früher war es üblich, dass das Vieh eines Dorfes gemeinsam auf die Weide getrieben wurde und die Bauern sich nur im Winter um die Fütterung kümmern mussten. Im Heidecker Salbuch aus dem Mittelalter steht dazu über Laibstadt: "Unnd haben zwei gemein Viehhürrten. Haben aber kein Hürdenhauß sonndern werden allweg zwei Köbler bestelt, die nimmbt die gemein auf, unnd wechslen alle Wochen ab, das einer des grossen der Ander des kleinen Viehs hüetten soll." Vielleicht fanden sich später keine Kleinbauern mehr, die diese Aufgabe übernehmen wollten, und die Gemeinde musste deshalb Hirten und Schäfer einstellen, für die dann ein Hirtenhaus benötigt wurde.

Im historischen Laibstädter Gemeindebuch steht als erster Hinweis über die Existenz eines solchen Gebäudes folgendes: "1788 haben wir dass Hirten Hauß geteckht. Bey dem Würth hat man angefangen unndt haben alle ieder ein Schaf Hergeben biß zum Johanneß Beckenbauer." Für die Instandhaltung des Hirtenhauses mussten die Gemeindemitglieder also regelmäßig eine Sonderabgabe leisten, dies offenbar in Form eines Schafes.

Zur Anstellung der Hirten war jedes Jahr ein Gemeindebeschluss notwendig, wie man unter anderem für das Jahr 1876 im "Dritten Thaill Von der Hürtten Pfründt" im Gemeindebuch nachlesen kann: "Heute wurde vom Bürgermeister Gemeindeversammlung anberaumt und hierzu sämtliche Gemeindebürger in herkemlicher Weise eingeladen. Es kam zur Berathung die Aufstellung eines Kuh- und eines Schweinehirten und wurde beschlossen es soll Georg Mauerer und Joseph Zottmann als Kuhhirt und die Wittwe Baier als Schweinhirtin aufgestellt werden."

Ab 1800 wurde im Laibstädter Gemeindebuch übrigens nicht mehr nur allgemein von Hirten gesprochen, sondern es wurde unterschieden in Schweine-, Ochsen-, Kuh- und Rosshirt. Daneben gab es auch noch einen Schäfer und eine Gänsemagd. Wo die einzelnen Hirten ihre Tiere hüten konnten, wird durch die noch heute in Laibstadt gebräuchlichen Flurnamen deutlich wie Kuhtrieb, Kuhespan, Saufleck, Gänsespan, Goisacker und Ochsenespan. Durch die noch bis 1920 praktizierte Dreifelderwirtschaft war es zudem möglich, die Tiere auf dem jeweils brachliegenden Drittel der Flur und im Herbst auf den jeweils abgeernteten Feldern weiden zu lassen.

So wird es auch erklärbar, dass ein Dorf die ganze Gemeindeflur in drei gleiche Bereiche einteilen musste, denn bei der geringen Größe der einzelnen Felder wäre eine Beweidung nur schwer möglich gewesen, weil die Tiere schnell auf die Früchte der Felder losgegangen wären. Andererseits waren die Tiere auf dieses zusätzliche Futter angewiesen, was sich erst mit dem Kunstdünger und reicheren Ernten änderte, so dass um das Jahr 1930 die Dreifelderwirtschaft in Laibstadt aufgegeben werden konnte.

Der letzte Kuhhirte Laib-stadts, der von 1900 bis etwa 1930 im Hirtenhaus wohnte, war der Hutzler Hans. Jeden Morgen während der Sommermonate blies er gegen zehn Uhr (die Tiere sollten kein nasses Gras bekommen) in sein Horn. Dann wussten alle Bauern, dass sie ihre Kühe abhängen und aus dem Stall lassen konnten. Die Kühe fanden dann schnell von alleine den Weg zum Sammelplatz. Im Winter lebte der Hutzler Hans vom Bürstenmachen. Von ihm ist auch folgender Schüttelreim in Erinnerung geblieben: "Hintern Hutung Hirtenhaus hout der Hutzler Hans hundert Hosn houstn hörn."

Hirten und Schäfer gehörten zur untersten Schicht im Dorf, hatten wenig Ansehen und standen außerhalb der eigentlichen Dorfgemeinschaft. Sie hatten nicht einmal ein Gemeinderecht, das ihnen beispielsweise ermöglicht hätte, im Gemeindewald für den Eigenbedarf die sonst üblichen drei Ster Holz zu schlagen. Immerhin hatten sie mit dem Hirtenhaus ein Dach über dem Kopf. Darum ging es 1874 auch beim Umbau des Hirtenhauses in ein Armenhaus, nämlich obdachlosen Menschen eine Herberge zu geben. Durch gesetzliche Änderungen im 19. Jahrhundert oblag es nämlich der Heimatgemeinde, sich um die Armen aus dem Dorf zu kümmern. Durch Missernten, Fehlspekulationen oder Krankheiten kam es früher immer wieder vor, dass ganze Bauernfamilien ihren gesamten Besitz verloren. Deshalb wurde auch das Hirtenhaus um- und ausgebaut, so dass danach drei Zimmer für Arme und nur noch ein Zimmer für die Familie des Hirten zur Verfügung standen.

Die Letzten, die hier während des Zweiten Weltkrieges lebten, waren ausgebombte Nürnberger, danach Flüchtlinge und zuletzt die aus Laibstadt stammende, allein erziehende Kunigunde Rupp mit ihren drei Kindern. Sie wurde von allen im Dorf nur Kunni gerufen und war nicht nur von den Kindern gefürchtet, denn sie konnte recht grob werden.

Nachdem sie mit ihrem Sohn 1975 nach Schwabach gezogen war, stand das Haus leer. 1976 machten dann plötzlich Gerüchte die Runde, sie wolle wieder zurückkehren, weshalb sich die Gemeindevertreter damals um einen zügigen Abriss des Hirtenhauses bemühten - und das zu einer Zeit, da die Eingemeindung der Laibstädter nach Heideck längst beschlossene Sache war und kurz bevor stand. Man hätte sich also die Abrisskosten gut und gerne auch hätte sparen.

Als einzige Notiz findet sich darüber im Sitzungsprotokollbuch des Laibstädter Gemeinderates: "Der Bürgermeister Johann Struller gab den Bescheid des Landratsamtes Roth vom 24. Mai 1976 über die Abbruchgenehmigung des Hirtenhauses Nr. 62 bekannt. Es wurde beschlossen der örtlich ansässigen Firma Harrer den gesamten Abbruch in Regie zu übergeben." Damit war das Schicksal des geschichtsträchtigen, aber nicht mehr zeitgemäßen Gebäudes besiegelt.