Denkendorf: Ein Bilderrahmen als Erinnerung
Elfriede Stechno und ihr Cousin Alfons Geyer blättern in alten Unterlagen. Geyer hat viel Material über die Kriegszeit und die Kriegsteilnehmer aus Denkendorf gesammelt und vor einigen Jahren auch eine Ausstellung darüber organisiert. - Fotos: Bartenschlager
Denkendorf

Josef Paulus aus Denkendorf war ein Bild von einem Mann. Selbstsicher und breitbeinig steht er da, der muskulöse Oberkörper frei, man merkt ihm seinen Beruf, Schmiedemeister, an. Er ist der Größte in einer Gruppe junger Männer, alle in kurzen Hosen, die sich im Sand zu einem Gruppenfoto zusammengefunden haben. Die Stimmung ist unbeschwert. Die Szenerie erinnert an einen Strandurlaub, doch der Eindruck täuscht. Die jungen Männer sind Soldaten und nicht lange nach dieser Aufnahme ist Josef Paulus tot, gestorben in einem russischen Lazarett nach dem Ende der Schlacht von Stalingrad. Das Foto ist eines der wenigen Erinnerungstücke, die Elfriede Stechno von ihrem Vater hat. Kennenlernen durfte sie ihn nie. Er war im Januar 1942 zum letzten Mal bei der Familie; er hatte zur Beerdigung seiner Schwiegermutter Heimaturlaub bekommen. Seine Tochter wurde vier Monate später geboren. Seit Anfang 1943 galt der Unteroffizier Josef Paulus als vermisst, die Nachricht von seinem Tod erreichte die Familie erst 1958.

In seinem letzten Brief an seine Frau hatte Paulus noch den Namen seines Kindes bestimmt - Elfriede sollte seine Tochter heißen. Vorher sei Erika im Gespräch gewesen, erinnert sich die heute 74-Jährige. Den letzten Brief habe sie als Kind wieder und wieder gelesen, sagt sie. Er habe darin bedauert, dass er schon so lange nicht mehr da gewesen sei, und wollte wissen, wie es dem Xaver geht, den um vier Jahre älteren Bruder von Elfriede.

Die Briefe des Vaters gibt es nicht mehr. "Die Mutter hat sich beim Lesen jedes Mal aufgeregt, und dann hat sie die Briefe mal gepackt und verbrannt", sagt Elfriede Stechno. Sie selbst wuchs in einer Großfamilie auf, bei den Cousins. Ihre Mutter hatte die Betreuung ihres Vaters übernommen, der einen großen Bauernhof direkt in der Nachbarschaft bewirtschaftete, und führte dort den Haushalt. Die kleine Elfriede war immer dabei. "Wir waren ein Herz und eine Seele mit den Cousins", erinnert sie sich. Eine rundum unbeschwerte und glückliche Zeit - auf den ersten Blick. Ihr Onkel Fritz, ein Bruder der Mutter, wurde eine Art Vaterersatz. "Er war mein Ansprechpartner", erzählt Elfriede Stechno. Und doch war da eine Lücke, zumal Josef Paulus ja nur als "vermisst" galt; da blieb noch Raum für Hoffnung: "Ich hab' oft gedacht, wenn es geklingelt hat, das könnte mein Vater sein."

Gewissheit über sein Schicksal gab es erst 1958. Der Suchdienst des Roten Kreuzes übermittelte die Nachricht eines österreichischen Arztes, dass Josef Paulus tot sei. Dieser Dr. Rosenkranz war dabei, als der einst so kraftvolle Schmiedemeister im Lazarett starb. Die Schlacht um Stalingrad hatte er überlebt, den Krieg nicht. Die Familie gab eine Todesanzeige auf: "Nach langer Ungewißheit traf nun die schmerzliche Kunde ein, daß mein lieber Gatte, unser guter Vater, Bruder, Schwager und Onkel, Herr Josef Paulus, geb. am 31. Juli 1915, den Strapazen der russischen Gefangenschaft im März 1943 erlegen ist, nachdem er im Januar 1943 in Stalingrad in Gefangenschaft geraten war." Der Trauergottesdienst fand am Samstag, 8. November 1958, statt. Diese Zeremonie war für Alfons Geyer der Grund, sich erstmals näher mit dem Zweiten Weltkrieg zu befassen. Der 1951 geborene Geyer ist einer von Elfriedes Cousins. Der Krieg oder die Nazizeit seien keine Gesprächsthemen gewesen, weiß er noch. "Auch in der Schule haben wir nichts mitgekriegt", so Geyer.

Beerdigungen kannte der Zweitklässler zwar. Aber dieses Mal war vieles anders. In der Kirche stand ein Sarg, bedeckt mit der Deutschlandfahne und einem Stahlhelm darauf. Doch der Sarg war leer. "Eine Attrappe", erinnert sich Geyer. Und trotz Requiems und Totenamts gab es keine Beerdigung auf dem Friedhof. "Das war für uns Kinder mysteriös und sorgte für viel Gesprächsstoff."

Clemens Geyer, der Vater von Alfons, war selbst Soldat gewesen. Auch er war in Stalingrad im Einsatz, bekam dort zwei Schüsse in die Beine und wurde gerade noch rechtzeitig ausgeflogen. "Er hat aber nichts erzählt." Ein Vermächtnis hat Clemens Geyer seinem Sohn dennoch hinterlassen. "Er hat uns eingetrichtert, dass so etwas wie der Zweite Weltkrieg nie wieder passieren darf. Noch auf dem Sterbebett hat er mir aufgetragen, das Kriegerdenkmal zu pflegen." Als Ort des Gedächtnisses und der Erinnerung. Alfons hält sich nach wie vor getreulich an dieses Vermächtnis. Vor einigen Jahren, 2007, hat er sogar eine Ausstellung über das Schicksal Denkendorfer Soldaten im Zweiten Weltkrieg organisiert, alles unter der Prämisse des "Nie wieder!"

Die Erinnerung an ihren Vater hält auch Elfriede Stechno aufrecht. Er muss nicht nur ein geschickter Schmied gewesen sein, sondern konnte auch gut mit Holz umgehen. Elfriede hat einen aufwendig geschnitzten Rahmen aus seiner Hand bekommen. Der hängt jetzt, mit einem Spiegel versehen, im Schlafzimmer.

Und noch an anderer Stelle wird an Josef Paulus gedacht: am Soldatenfriedhof Rossoschka bei Wolgograd, dem früheren Stalingrad. Sein Name findet sich im Gedenkbuch, das dort ausliegt.

In Rossoschka, wo deutsche und sowjetische Soldaten begraben liegen, wurde vor Kurzem auf Initiative des Denkendorfer Arztes Christian Holtz und seiner Freunde und im Beisein einer Denkendorfer Delegation eine Friedenskapelle eingeweiht. So ist dieser Soldatenfriedhof nicht nur ein Ort des Gedenkens und der Trauer, sondern auch ein Ort der Versöhnung, der Völkerverständigung und des Friedens.