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16.01.2016 00:18 Uhr | x gelesen
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"Documente" in Stein gemeißelt


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Ingolstadt (DK) Die eigene Identität stärken und Geschichte auch außerhalb der Museen im öffentlichen Raum erlebbar machen: Das ist das Ziel der "Documente" in Regensburg. Der Historische Verein Ingolstadt wollte wissen, ob und wie so ein Konzept auch in Ingolstadt umsetzbar wäre.


Ingolstadt: "Documente" in Stein gemeißelt
Das Ingolstetterhaus in Regensburg, ein spätgotisches Eckhaus mit romanischem Kern, war etwa von 1407 bis 1470 im Besitz der Patrizierfamilie Ingolstetter und im 18. Jahrhundert Residenz der Mainzer Gesandten beim Immerwährenden Reichstag. Mehrfach umgebaut, beherbergte es seit 1898 mit dem anschließenden Zanthaus (Gesandtenstraße 3) die Schnupftabakfabrik der Familie Bernard. Seit deren Weggang ist dort ein Teil der alten Einrichtung im Rahmen der "Documente" als Denkmal ausgewiesen und zu besichtigen. - Foto: Ferstl/Stadt Regensburg

Ein Freund und kritischer Begleiter Ingolstadts will er sein, der Historische Verein. "Wir sind alle Bürger dieser Stadt", erklärte dessen Vorsitzender Matthias Schickel. Auch Oberbürgermeister Lösel habe die Frage der Identität aufgegriffen, sagte Schickel am Donnerstagabend im Barocksaal des Stadtmuseums. "Kollektive Stadtidentität gibt Sicherheit und Struktur", so Schickel weiter. Wie in vielen anderen Städten gebe es auch in Ingolstadt markante Punkte und Orte der Erinnerung, aber auch Narben im Stadtbild. Geschichte dürfe nicht nur in Museen, sondern müsse auch in der Stadt erfahrbar sein.

Den Vortrag über das "Documente"-Konzept in Regensburg hielt Klaus Staffel. "In Regensburg sind die Dokumente auch aus Stein", eröffnete der Ingolstädter Kommunikationsmanager seine Ausführungen. Sieben historische Stätten sind (meist im Rahmen von Führungen) der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Dazu zählt eine frühere Schnupftabakfabrik an der Gesandtenstraße, wo jetzt Geschäfte, Eigentumswohnungen und ein kleines Fabrikmuseum unter einem Dach sind. Oder die romanische Niedermünsterkirche, unter deren Fundament man in die Zeit der Römer eintauchen kann. Weitere Beispiele wären der Neupfarrplatz mit seiner 2000-jährigen Geschichte oder der historische Reichssaal im alten Rathaus.

",Documente €™ sind nicht nur Steine, sondern immer auch multimediale Begleitung", erklärte Staffel - manchmal sogar auch in Form szenischer Führungen. An zugänglichen Standorten werde gezeigt, wie es früher ausgeschaut hat. Einzelne historische Aspekte würden so wieder lebendig, Thema und Ort eine Einheit.

Auch Ingolstadt bietet nach Auffassung von Staffel eine eindrucksvolle Geschichte und etliche originale Standorte. Orbansaal, Jesuitenkolleg, der Platz vor der Hohen Schule, die Häuser der Professoren, das Fleißerhaus seien nur einige Beispiele aus der Kultur- und der Geistes- und Universitätsgeschichte, zu der auch die Erzeugnisse der frühen Buchdruckerkunst aus Ingolstadt gehörten. Während etwa das Neue Schloss, Stadtmauern, Rossmühle oder klassizistische Bauten die Militärgeschichte widerspiegelten, seien die frühere Bürstenfabrik Buchberger, die Brodmühle, die Gießereihalle, das Körnermagazin oder das Reservelazarett am Hauptbahnhof als Teil des Ausbesserungswerks der Bahn Beispiele für die Wirtschaftsgeschichte.

Am Beispiel des Körnermagazins, ein Baudenkmal im Besitz von Jürgen Kellerhals, verdeutlichte Staffel mögliche Nutzungsformen. So wurden in einem ähnlichen Bau in Landau Eigentumswohnungen geschaffen. In Ingolstadt könnte man in dem 1908 erbauten Getreidelager, eine der frühesten Eisenbetonkonstruktionen Bayerns und in seiner Substanz nahezu unverändert, ein Gästehaus der Technischen Hochschule einrichten oder es für die Stadtverwaltung nutzen. An die Stadt wurde appelliert, auf den Besitzer zuzugehen. Im Reservelazarett könnte sich Staffel beispielsweise eine Art Bürgertreff für Ringsee vorstellen. Eine Unterstellmöglichkeit für eine Dampflok dürfte dagegen eher unwahrscheinlich sein (der Stadtrat hat bekanntlich gegen den Widerstand vieler Eisenbahner den Verkauf einer in Nördlingen stehenden Lok beschlossen). Eine Anregung lautete, das Ausbesserungswerk quasi als Ersatz für den abgebauten alten Nordbahnhof zu nutzen.

Wie schnell historisches Erbe einer Stadt verloren gehen kann, zeigte ein Teilnehmer am Beispiel des Ingobräu-Geländes auf. Das Sudhaus dort blieb zwar stehen, doch entgegen den Forderungen des Denkmalschutzes wurde der Kamin abgebrochen und die historische Sudeinrichtung mehr oder weniger geplündert.

Das Vorbild Regensburgs, Geschichte nicht nur im Museum, sondern auch im öffentlichen Raum an bestimmten Punkten zu zeigen, stieß bei den Teilnehmern des Abends im Barocksaal allgemein auf Zustimmung. Der Historische Verein könnte sich nun in Ingolstadt um ein "Documente"-Konzept bemühen.


Von Bernhard Pehl
 
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