Mittwoch, 30.05.2012 |

 
Mexiko-Stadt: geschätzte 25 Millionen Bewohner, Menschen, Smog, Dreck, Lärm, Kriminalität. Kann man trotzdem hier leben? Ja! Wie, das erfahren Sie im Oktober und November von Barbara Schröter. Die junge Frau aus Baar-Ebenhausen lebt und forscht für sechs Monate in Mexiko Stadt. Jeden Mittwoch schreibt uns die 28-jährige Politikwissenschaftlerin.
 
03.11.2008 14:19 Uhr | 575x gelesen
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El día de los muertos - Tag der Toten


Mexiko-Stadt (DK) Statt Nebel und Regen scheint die Sonne. Es gibt Totenköpfe aus Zucker und Schokolade, Skelette aus Pappmaché, ein orange-lila Blumenmeer – Allerheiligen in Mexiko! Statt trauriger Blasmusik geht es laut und fröhlich zu auf den Friedhöfen. Es wird gegessen und gelacht. Die Seelen der Toten sind für einen Tag zurückgekehrt - und das muss zusammen mit ihnen gefeiert werden!



Bild: Barbara Schröter Totenköpfe und Särge aus Zucker und Schokolade
Es ist der 1. November. Ich bin mit Poncho verabredet, um einen Ausflug zu machen. Zur Begrüßung bringt er mir eine Süßigkeit mit: einen Totenkopf aus Zucker ("calavera"). Die habe ich in den letzten Wochen schon mehrfach in den Geschäften und an den Marktständen gesehen. Es gibt sie aus Zucker, Schokolade oder Amarant (Körner, die aussehen wie Hirse). Auf der Stirn ist ein Schild angebracht: Barbara. Ich stutze. Was soll das denn? Das bist du, meint Poncho und lacht. Soll ich das witzig finden?


Bild: Barbara Schröter La Catrina
Klar! Denn es ist "Día de los Muertos", Tag der Toten. Und der Sinn dieses Festes ist es unter anderem, dem Tod ins Auge zu sehen, und sich über ihn lustig machen. Und auf diese Art die Angst vor ihm zu überwinden.

Der Tod ist eine Frau und heißt Catrina. Catrina ist im Spanischen ein abwertender Ausdruck für eine reiche Person. Der Kupferstecher José Guadalupe Posada hat diese Figur Ende des 19. Jahrhunderts erschaffen, um sich über die Oberschicht unter der Diktatur Porfirio Díaz lustig zu machen. Seither ist Catrina berühmt. Und im November wimmelt es an allen Ecken und Enden nur so von Skeletten, die Mexiko dekorativ schmücken.


Bild: Barbara Schröter Beim "Pan de Muerto" Backen.
Poncho und ich machen uns auf zur Familie von Memo Granados. Seit Jahren ist es Tradition der Familie, das "Pan de Muerto", das "Totenbrot", selbst zu backen. Es ist eher ein Gebäck, ein süßes Brot aus Hefeteig, das mit Figuren in Form von Knochen geschmückt und mit Zucker bestreut wird. 

Da die Familie früher eine der wenigen war, die einen Steinofen im Dorf hatte, kommen Nachbarn und Freunde, um dort ebenfalls ihr Brot zu backen. Diese Tradition hat sich bis heute erhalten. Im Anschluss geht die Familie auf den Friedhof ("panteón"). Man glaubt, dass die Seelen der verstorbenen Kinder am 1. November zurückkehren, die der verstorbenen Erwachsenen am 2. November. Deswegen werden die Gräber besucht, aber anders als in Deutschland wird die Rückkehr richtig gefeiert.


Bild: Barbara Schröter Die geschmückten Gräber auf dem Friedhof.
Am Grab wird über mehrere Stunden ein Festessen veranstaltet, mit all den Lieblingsspeisen der Verstorbenen. Wenn es nicht möglich ist, den Toten am Grab zu besuchen, werden Opferaltäre, "ofrendas", in den Häusern aufgebaut. In der Mitte ist ein Porträt des Verstorbenen aufgestellt, das die Seele symbolisiert, die zu Besuch kommt.

Darum werden "Pan de muerto" und anderes Essen, Wasser, Kerzen, Tequila, Zigaretten oder Spielzeug gruppiert, je nachdem, was der Verstorbene gerne mochte. Außerdem wird der Altar mit Blumen geschmückt, vor allem mit Zempalxochitl, orangefarbenen Tagetes, die die Seelen der Verstorbene herbeirufen und leiten, und rot-violetten "Samtblumen" ("flor terciopelo").
 
Alles erstrahlt in rot- violett-orange. Poncho und ich verlassen jedoch die Familie und sehen uns lieber die öffentlichen Altäre an, die es überall in der Stadt zu sehen gibt. Der größte ist natürlich auf dem Zócalo im Zentrum aufgebaut. Im Alameda- Park finden wir einen alternativen Altar für "unangenehme Tote", umstrittene Persönlichkeiten, wie zum Beispiel den Guerillakämpfer Che Guevara.


Bild: Barbara Schröter Eine "ofrenda" für Octavio Paz.
An der UNAM, der größten staatlichen Universität, wird ein Wettbewerb unter den verschiedenen Fakultäten ausgetragen, wer den schönsten Altar gestaltet. Dabei werden durchaus gesellschaftskritische Themen angesprochen, wie die Niederschlagung des Studentenprotestes von 1968. Auf dem Campus finden wir auch einen Studenten, der "calaveritas" ("Totenköpfchen") verteilt.

Das sind Epitaphe, die in satirischer Form auf Tote oder noch Lebenden gedichtet werden. Zum Beispiel auf den verstorbenen mexikanischen Schriftsteller Octavio Paz:

Hoy recita en el panteón tras debatir con la parca. No fue facil pa´la calaca pues era Nobel su corazón.
(Heute trägt er auf dem Friedhof vor, nachdem er mit dem Tod debattiert hat. Das war nicht einfach für das Skelett, da sein Herz nobel (außerdem Anspielung auf den Nobelpreis) war).







 
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Barbara Schröter
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