Mexiko-Stadt: geschätzte 25 Millionen Bewohner, Menschen, Smog, Dreck, Lärm, Kriminalität. Kann man trotzdem hier leben? Ja! Wie, das erfahren Sie im Oktober und November von Barbara Schröter. Die junge Frau aus Baar-Ebenhausen lebt und forscht für sechs Monate in Mexiko Stadt. Jeden Mittwoch schreibt uns die 28-jährige Politikwissenschaftlerin.
Ein Land mit vielen Gesichtern
Mexiko-Stadt (DK)Deutschland hat ca. 82 Millionen Einwohner, Mexiko ca. 100 Millionen. Doch diese Einwohnerzahl verteilt sich auf eine sechs Mal so große Fläche. Aus dem europäischen Blickwinkel hat man oftmals eine andere Vorstellung, so dass man sich nicht bewusst ist, wie groß und vielfältig das Land eigentlich ist.
Mexiko hat tausende verschiedene Gesichter – landschaftlich, kulturell, ebenso wie gesellschaftlich. Ich stelle Euch ein paar vor.
Ixchel
Ihr exotisch klingender Name stammt von der Fruchtbarkeitsgöttin der Mayas. Ixchel ist Ende zwanzig. Als Tochter eines Lehrers und einer Sekretärin ist sie in bescheidenen Verhältnissen, einer 50 Quadratmeter großen Wohnung in einer Wohnanlage für Staatsangestellte in Mexiko-Stadt, aufgewachsen.
Ein Stipendium hat es ihr ermöglicht, das Lycee Frances zu besuchen und anschließend Mathematik an der UNAM (Universidad Nacional Autónoma de México) zu studieren. Durch den elfmonatigen Universitätsstreik 1999, in dem sie aktiv gegen Studiengebühren gekämpft hat, ist sie sich der sozialen und politischen Probleme ihres Landes bewusst geworden und hat statt Mathe Politik studiert. Derzeit ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Französischlehrerin. Sie schwimmt und liest gern, geht auf Konzerte, ins Kino und Theater. Ihre Leidenschaft ist Reisen. Denn Reisen erweitert den Horizont.
Oscar
Oscar ist Anfang dreißig und Versicherungskaufmann. Er ist ein Sprachtalent. Da er seine Jugend in den USA verbracht hat, spricht er fließend Englisch. Französisch spricht er durch sein Studium in Frankreich. Italienisch und Deutsch kann er auch. Oscar arbeitet bei einem großen internationalen Versicherungskonsortium im reichen Geschäftsviertel Polanco und wohnt auch dort.
In seiner knapp bemessenen Freizeit – seine Woche hat 70 Stunden- macht er viel Sport, spielt Tennis oder Golf, joggt, oder geht gerne ins Kino. Er liebt gute Restaurants mit internationaler Küche und besucht einmal im Monat seine Freundin in London. Ein Hausmädchen greift ihm im Haushalt unter die Arme.
Juan
Juan, 28, ist Straßenhändler. Sein Tag beginnt um 6 Uhr, wenn er seinen Stand am Ausgang der Metrostation aufbaut und seine gefälschten CDs und DVDs verkauft. Je nach Geschäft arbeitet er bis 22 oder 23 Uhr. Dann fährt er mit der Metro nach Hause, in einen der Vororte, wo Strom- und Wasserausfälle häufig sind.
Sein Tagesverdienst reicht gerade dazu aus, seine vierköpfige Familie zu ernähren. Seine Frau arbeitet als "muchacha", als Hausmädchen, bei einer mittelständigen Familie. Da er nur die Grundschule besucht hat, kann er auch nicht so gut lesen. Deswegen sieht er in seiner Freizeit lieber fern, am liebsten Fußball. Am Wochenende macht die Familie einen Ausflug in den Chapultepec-Park, denn von einem Garten können sie nur träumen.
José
José, 12, und sein Hund Beto. Sie leben in der Zone der "Paracaidístas", der Leute, die sich einfach fallen lassen und Grund und Boden illegal in Besitz nehmen. Teilweise sind es Neuankömmlinge in der Stadt, die sich eine Hütte aus allen möglichen Materialien zimmern, teilweise sind es aber auch Geschäftsleute, die auf diese Art und Weise zu Land kommen wollen.
Das Wasser in der Siedlung wird vom Wasserwagen geliefert. Der Strom wird illegal abgezweigt, falls es einen gibt. Deswegen hört José Radio, mit Batterie. Fernseher sind selten. Zur Schule geht er nur ab und zu. Denn wichtiger ist es, durch den Verkauf von Süßigkeiten auf der Straße ein paar Pesos zu verdienen. José spielt gern mit seinem Hund, oder mit den anderen Jungs der Siedlung Fußball. Gerne würde er einmal ins Kino gehen, oder bei McDonalds essen.
Dalia
Dalia ist eine „Indígena“. Sie gehört zur Volksgruppe der Zapoteken in Oaxaca, im mexikanischen Süden. Dalia ist Mitte 20 und Jurastudentin. Wegen der besseren Ausbildungsmöglichkeiten studiert sie in Mexiko-Stadt, fährt aber so oft es geht in ihr Dorf zurück. Dort sprechen die Leute zapotekisch und widmen sich der Landwirtschaft: Blumen, Mais, Bohnen und Knoblauch werden hauptsächlich angebaut.
Auch Dalia hat als Kind Knoblauch auf dem Markt in der Stadt verkauft. Das Leben im Dorf ist einfach, aber voller Farben und Lebensfreude. Dalia tanzt gerne und möchte nach einem Masterstudium in den USA in ihr Dorf zurückkehren und mit ihrem Wissen die Lebensbedingungen der Gemeinschaft verbessern.
Enrique
Enrique hat kein Dach über dem Kopf mehr. Aus familiären Gründen ist er mit 13 von zu Hause abgehauen und lebt seitdem auf der Straße, in der Nähe der Metro- Station zusammen mit seinen „Freunden“. Anders also viele von diesen nimmt er (noch?) keine Drogen oder schnüffelt Klebstoff, um den Alltag ertragen zu können.
Der besteht aus Betteln, Stehlen und Abhängen, die Zeit totschlagen. Er übernachtet wo er kann, manchmal in einer Herberge für Straßenkinder. Über die Zukunft macht er sich keine großen Gedanken. Denn das Heute ist schon schwer genug.
- Die Maya – früher und heute
- Kurioses aus dem Alltag
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